Katholische  Kirchengemeinde    St. Hubertus Schmidt
 

Geistliche Impulse:

Christus, der Aussteiger – ein verwegenes Hoffnungsbild
Auferstehung Bamberger Psalter 13. Jahrhundert
Osterbildbetrachtung von Kurt Josef Wecker


Diese Welt ist zum Weinen. Wie soll das nur mit ihr weitergehen? Wie soll das alles enden? Bilder von Krieg und Zerstörung, von Tod und Trümmerlandschaften liegen uns vor Augen. Am liebsten würde man gar nicht mehr die täglichen Nachrichten an sich heranlassen, die Augen und Jalousien schließen und so tun, als gäbe es diesen Weltzustand gar nicht. Können wir trotzdem den Ostersieg, den goldenen Himmel Gottes feiern in dieser Zeit? Oder ist Gott an mir, an uns Menschen gescheitert, an der Menschenlust an Gewalt und Habgier, an todsicheren Aktionen, an der Enttabuisierung der Kriege, der Zerstörungswut und dem Vergeltungswillen? Ist Ostern schon so lange her, dass es gar nicht mehr wahr ist? Die Welt hängt am seidenen Faden der Botschaft, die uns Ostern verheißt. Nur die Wahrheit von Ostern, allein der liebende Blick Gottes auf diese Welt kann uns retten. Wir wünschen uns, dass das wahr ist, was wir da feiern. „Ob es etwas die Welt Übersteigendes gibt“? So fragte die französische Christin Madeleine Delbrel.
Wir brauchen verwegene Hoffnungsbilder, die uns im guten Sinne ablenken vom Grauenvollen und Brutalen, von der alltäglichen Gewaltanschauung. Lebensnotwendig benötigen wir Ostern, die Verheißung des rettenden Auswegs, damit uns die Sehnsucht nach der Berührung durch Jesus Christus und der Vollendung unseres Lebens nicht verloren geht.
Tief greifen wir zurück in die Vergangenheit, stellen uns einem farbenfrohen Bild, das mehr als 800 Jahre alt ist; ein altes Bild über ein immer neues Mysterium. Im sog. Bamberger Psalter (1230/40), einer spätromanischen Buchmalerei, einer illuminierten Handschrift aus einer unbekannten Klosterwerkstatt, tritt uns in einer hochrechteckigen Miniatur der Auferstandene entgegen. Vor diesem Bild wollen wir nicht schaulustig stehenbleiben, sondern in es hineingeraten, angelockt werden vom Goldglanz und der Anziehungskraft des Auferstandenen. Wer zieht den Vorhang fort, damit wir hineinfinden in ein unvorstellbares Geschehen? Darf man dem Osterwunder so nahe treten? Dürfen wir sehen, was eigentlich nicht zu sehen ist - diesen – paradox - unsichtbaren Augenblick göttlichen Handelns? Mit den Augen dürfen wir, wie die Mönche, für deren Psalmengesang die illustrierte Handschrift bestimmt war, das Unfassbare berühren. Wir sehen ein „Ereignisbild“, ein Geschehen, das nicht für unsere Augen bestimmt ist und keinen Augenzeugen kennt. Die Auferweckung des gekreuzigten Jesus geschieht tief verborgen unter dem Schleier des Wirkens Gottes. Es ist kühn, das weltbewegende Ereignis des Ostermorgens in eine Miniatur zu pressen. Kann der Auferstandene, der sich menschlichen Pinselstrichen entzieht und der alle Rahmen sprengt, in ein solches Bild eingehen? Die Überbelichtung der österlichen Lichtsekunde kann man sich nicht ausmalen. Diejenigen, die den Vorgang als Hervor-Gang Jesu aus dem Grab trotzdem darzustellen wagen, tun etwas Fragwürdiges. Sie tun so, als wüssten sie Genaueres, besäßen Geheimwissen, auch wenn niemand im Morgengrauen des Ursonntags dabei war. Zu Ostern kommen wir alle zu spät. In aller Herrgottsfrühe, als gerade die Sonne aufgegangen war, da geschah die Zeitenwende, ohne uns und gerade darum: für uns. Unser Bild zeigt Verborgenes. Irgendwann wird ab dem 12. Jahrhundert in der westlichen Malkunst der Schleier des verhüllten Wunders gelüftet und das Schauverlangen der Gläubigen befriedigt. Welche lautlose Explosion von Gottesenergie im Grab wurde ‚am dritten Tag‘ nach dem 7. April des Jahres 30 in Jerusalem freigesetzt? Ist solche Neugier verwerflich? Das menschlich
e Sehbedürfnis nach dem ‚Spektakel‘ verlangt also nach ‚mehr‘. Auferstehung wird nun in der Buchmalerei zur Anschauung gebracht. Gläubige möchten ihren Christus sehen, so wie man zu dieser Zeit begann, angestrengt und ehrfürchtig auf die vom Priester während der Messe erhobene Hostie zu blicken. Anfang des 13. Jahrhunderts - das ist die Zeit der Staufer, der Kreuzzüge; erst seit dieser Epoche wird der Auferstandene in der Kunst so unübersehbar dargestellt, denn bis ins 12. Jahrhundert war ein verhaltenes Motiv, der Besuch der Salbfrauen am offenen Grab, die „visitatio sepulchri“ und die Begegnung dieser Frauen mit dem Botenengel das klassische Osterbild. Das erste Jahrtausend erfüllte das Bilderverbot: Du sollst dir kein Bild vom Unvorstellbaren machen. Du sollst das Mysterium nur andeuten! Doch auf unserer diesjährigen Darstellung wird die respektvolle und diskrete Zurückhaltung aufgegeben. An die Stelle einer scheuen und quasi „negativen Oster-Theologie“ tritt die Darstellung des auferweckten Christus im Augenblick seines Ausstiegs aus der Todeswelt.
Die Auferweckung des Gekreuzigten ist geschehen. Unverhofft. Unerwartet. Unberechenbar. Der offene Sarkophag liegt längs im Bild. Es wird zur Leerstelle. Christus ist so frei, steht auf zum Leben, setzt sich in Szene, stellt seine Seitenwunde zur Schau, entkommt dem Ort des Todes, dem „Fleischfresser“ – das heißt Sarkophag - und tritt uns Betrachtern entgegen. So sieht ein Triumph aus. Die Pose des siegreich Auferstandenen. Er ist derjenige, „der aus der Tiefe als Sieger emporstieg“, wie wir im Oster-Exsultet singen. Der österliche Herr ist nicht zu halten und wird es eilig haben – zu uns zu kommen. Die Ganzfigur des lebendigen, gegenwärtigen Christus auf der Mittelachse der Darstellung, mit dem Armgestus einer segnenden Selbstoffenbarung. Wir Betrachter erleben das „unverhoffte Wiedersehen“ mit dem, den man versuchte, zur Strecke zu bringen und in den Todeskasten wegzuschließen. Das Antlitz des bärtigen Christus trägt auffallend rote Flecken auf den Wangen. Sein langes Haar ist mittig gescheitelt; ein kanonisches Christusantlitz. Trotz der angedeuteten Seitenwunde (Joh 19,34) und des Kreuznimbus um sein Haupt ist dieser Christus kein Schmerzensmann, der mühsam aus dem Grabeskasten herausklettert. Der Christus-Victor steht auf, unternimmt den großen Schritt ins Freie, er lässt das ‚Gehäuse‘ des Todes mühelos hinter sich; auch das Leichentuch bleibt zurück. Wir erblicken nicht den nackten Christus. Völlig nackt, so hat sich Michelangelo den Auferstanden vorgestellt (in Roms Kirche Santa Maria sopra Minerva), als der „neue Adam“ wie der nackte, alte Adam vor dem Sündenfall. Die mittelalterlichen Maler sehen den Auferweckten anders. Majestätisch ist er eingekleidet. Der Maler entscheidet sich für eine überreiche faltenreiche Draperie. Das purpurfarbene Untergewand und der blaue Umhang mit dem grünen Unterstoff fallen über den Rand des Sarkophags. Wer hat den eben noch im Grabtuch Eingewickelten so umhüllt? Der göttliche Vater hat den auferweckten Sohn quasi neu eingekleidet. Wir erkennen bei der Darstellung des Obergewandes die Einflüsse des „Zackenstils“, eines Übergangsstils zwischen Romanik und Gotik, wie auch auf den Fresken der Maiestas Domini in Pfarrkirche St. Johannes Baptist in Nideggen. Der Grabdeckel ist verschwunden. „Das Grab ist leer, der Held erwacht“, so lautet die österliche Siegesmeldung in dem triumphalen Lied von 1777. Der Auferstandene sprengt den Rahmen, den Ornamentrahmen. Die Dynamik der Darstellung lässt den Osterwind ahnen, der seit dem Auferstehungsmorgen durch die Welt weht. Jesu Linke umfasst das Siegeszeichen, den Kreuzstab, das Vexillum; die Fahne weht im Osterwind über die Begrenzung der Rahmens hinweg. Der Kreuzstab dient Christus nicht als Stütze. Der Golgothafelsen und die Grabeshöhlen sind verschwunden. Der Bildhintergrund ist golden, Osterglanz, Himmelsmacht strahlt auf. Unfassbares ist geschehen. Es ist der Tag den allein Gott gemacht hat. Diesem Bild können wir nur staunend begegnen, weil Ostern das Menschenmögliche sprengt. Wir ahnen: Jesu Ausstieg aus dem Grab ist keine Rückkehr ins Diesseits, sondern sein Transitus, Pascha, der Übergang des Erhöhten in Gottes Geheimnis.
Zwergenhaft und harmlos wirken die behelmten Wächter in der vorderen Reihe (Mt 27,64-66), „wie tot“ (Mt 28,4) fallen sie zu Boden. Nur Matthäus berichtet von der Bewachung und Versiegelung des Grabes. Der waffenlose Christus lässt die Krieger wie Pagen und Puppen aussehen. Der Bamberger Malerschule ist die Raumlogik unwichtig; sie verzichtet auch auf alle Naturalistik. Die Machtverhältnisse sind umgekehrt. Der Corpus Christi wirkt riesenhaft. Ostern wächst Christus über sich hinaus. Die Kunstwissenschaft spricht von der „Bedeutungsgröße“ Christi, vor dem die Wächter an der Vorderfront des Kastensarges wie Winzlinge wirken. Auch der Sarkophag wirkt verkürzt, gegenüber der Körpergröße des Auferstehenden. Die Wächter der alten Ordnung sind ‚ganz unten‘. Die Passivität des schlafenden oder ohnmächtig erstarrten Wachpersonals soll uns Betrachter zum ‚Osterlachen‘ bringen. Die Widersacher Jesu sind zur Passivität verurteilt. Die ‚Welt‘ verschläft oder verkennt seine Auferweckung. Trotz ihrer mittelalterlichen Rüstung mit ihren Kettenhemden sind die Wachen machtlos. Das Gewaltmonopol der kriegerischen Welt ist gebrochen; die alte Ordnung gerät durcheinander. Ostern ist ein verrücktes, alles verrückendes Fest. Das Opfer ist der Sieger. Christus-Sieger hat seinen rechten Fuß bereits über die Kante des Sarkophags gehoben, nahe am linken aufgeschreckten Wächter. Der Herr steht über seinen Feinden, ja, er tritt auf sie. „Calcatio“, Fußtritt nennt man diese Siegerpose (Ps 91,13), mit der Christus auf den behelmten Kopf des linken Wächters tritt.  Der mittlere Wächter neigt den Kopf nach vorne. Der dritte Kriegsknecht wird durch den Zipfel des wehenden Mantels Christi geweckt, aufgeschreckt. Was geschieht hier? Dieser Wächter hatte mit allem gerechnet, auch mit dem Leichenraub; aber mit so etwas?! Das Geschehen vor Goldhintergrund ist überirdisch. Darum kann die Grabhöhle fehlen; auf Landschaftsdetails wird verzichtet; wir sehen nur die offene und nun leere Tumba. Kein Engel, keine ‚fremde Hilfe‘, die Jesus bei seinem Ausstieg aus der Grabkiste unterstützt, noch keine Salbfrauen. ER kann es allein. ER feiert Selbstoffenbarung. Um aufzuerstehen, dazu braucht Jesus auch keine Kirche, keine Menschenmacht. Unser Glaube, unsere Aktivitäten machen ihn nicht lebendig. Ostern ist kein vorübergehendes Flow-Gefühl im Frühling, auch nicht eine fromme kirchliche Veranstaltung. Es ist Sein Fest. Er steht über Grab und den Mächten dieser Welt. Es ist Erscheinung des Herrn! Souverän lässt er die Todeswelt hinter sich. Kaum zu glauben, dass dieser agile Christus der Gekreuzigte war. Die drei Wächter sollten Hüter der „Verschlusssache“ Jesu sein. Sie sind zwar nahe dabei, doch sie werden keine Zeugen, keine Glaubende. Für sie bleibt Ostern folgenlos, nur verstörend. Anders als der heidnische Hauptmann unter dem Kreuz werden sie keine Gläubigen. Nur ein liebender Mensch kann Auferstehung glauben.
Wie werden wir Resonanz geben auf diese Geschehen? Vielleicht nur mit einem erschrockenen oder erstaunten „O mein Gott!“? Das Bild stößt uns auf Christus. Von ihm, dem Grund unserer Hoffnung dürfen wir nicht absehen, wenn wir Ostern feiern und „Pilger der Hoffnung“ bleiben wollen. Christusglaube ist Auferstehungsglaube; alles andere wäre zu wenig. Wir wollen Ostern nicht verschlafen wie die Wächter, die sich nicht verwandeln lassen; sonst würde uns der Lebensnotwendige entgehen. Er ist uns näher als wir denken. Er ist der, der uns nie aus dem Auge verliert. Wie soll das nur mit der Welt und mit uns weitergehen? Und wie soll das alles enden? Auf diese kinderschweren Fragen können wir nur im Blick auf den entgegenkommenden Christus antworten. Längst ist er bei uns angekommen. Wir wollen Gott Dankeschön sagen für dieses Fest, dass er uns zu Ostern bereitet, auch wenn er es unserem Glauben schwer macht, auch wenn wir im Blick auf diese Welt nur ‚trotzdem‘ glauben, auch wenn dieses unglaubliche Ereignis uns völlig überrascht.

Gesegnete Ostern wünscht Ihnen und Euch
Ihr
Kurt Josef Wecker, Pfarrer






Christus allein - der leise Sieger über den Tod
Maestro della Misericordia, Der auferstandene Christus 1370-1375,
Vatikanische Pinakothek
Gedanken zu einem Osterbild von Kurt Josef Wecker

“Der Auferstandene” Florentinische Schule, Vatikanische Pinakothek, Vatikanstadt.

Wenn ich in Rom die Kirche „Santa Maria sopra Minerva“ nahe des
Pantheons besuche, dann gerate ich vor die Skulptur des völlig nackten
auferstandenen Christus, wie ihn Michelangelo (1519-1520) aus Marmor
gemeißelt hat. Als Zeichen seines Triumphs über den Tod scheint Christus
mit dem Kreuz als Siegeszeichen im Arm mühelos und entfesselt dem
Grab erstanden zu sein und alle irdischen Textilien und Leichentücher
hinter sich gelassen zu haben. In der Antike wurde die Nacktheit mit
Göttlichkeit verbunden. Und der jugendliche Auferstandene wirkt wie
Herkules oder Apollo. An Michelangelos Figur wurde einige Jahre später
aus Prüderie die Scham Jesu mittels eines nachträglich hinzugefügten
vergoldeten Lendenschurzes bedeckt. Bis heute ist es ein Wagnis, Christus
völlig unverhüllt und entblößt ins Szene zu setzen. Eine Schwäche dieses
grandiosen Kunstwerks ist, dass Michelangelo auf die Wundmale am
Auferstehungsleib verzichtet hat. Dieser völlig makellose Christusleib
steht darin im Widerspruch zum Evangelium, das immer hervorhebt: Der
auferweckte Herr ist nach Ostern gerade an seinen Wundmalen als der
gekreuzigte Jesus zu identifizieren. Auf ewig ist Jesus der mit fünf
Wundmalen Versehrte.
Ganz anders stellt uns der anonyme Maestro della Madonna della
Misericordia, vielleicht der Sohn Taddeo Gaddis (1290 bis 1366),
Giovanni Gaddi (1333-1383), den Auferstandenen vor Augen. Gaddis
berühmterer Vater war ein Schüler Giottos aus Florenz. Das Bild – die
Seitentafel eines Triptychons - befindet sich heute in der Pinakothek der
Vatikanischen Museen in Rom.
Christus tritt in Erscheinung, er tritt uns in den Weg. Wir sehen den
Geheimnisvollen stehend, barfüßig auf der flach auf dem Boden liegenden
Grabsteinplatte. Das Gemälde fällt auf, wegen seiner starken
Vordergründigkeit. Christus allein wird uns als Ganzfigur im
Bildvordergrund zentral präsentiert: Der Auferstandene als Sieger über
den Tod. Er steht vor einem Felsvorsprung, dem offenen Eingang in die
dunkle Grabhöhle. Er befindet sich in einem ansonsten menschenleeren
Ostergarten, üppig - mediterran mit Blumen, Früchten und einer Palme
bewachsen. Doch das Bild will keine Frühlingsgefühle wecken, denn
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Ostern ist keine Frühlingsbagatelle. Hier geschah eine unfassbare und
unausdenkbare Zeitenwende. Das signalisiert dieses Bild: Der Himmel ist
golden. Ostern ist ein wie von Himmelslicht umflossenes Ereignis: es
blitzt auf der „Morgenglanz der Ewigkeit“.
Christus auf Augenhöhe. „Ich bin da!“ Unübersehbar. Wir nehmen
Christus in Augenschein, betrachten staunend das Unausdenkbare, „die
Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi“ (2 Kor 4,6). In der Gestalt
dieses Einen ist Gottes Liebe unter uns anwesend. Ausschließlich die
Begegnung mit dem Auferstanden zählt! Er zeigt sich, er, der sagt: Ich
lebe! Ein leiser Sieg über den Tod, dieser Augenblick nach der
Auferstehung. Das etwas statische, unspektakuläre Bild erzählt nicht das
Osterereignis. Christus, der „neue Adam“ und „Erstling der
Entschlafenen“ (1 Kor 15,20-22), offenbart sich seltsam reglos und wirkt
überzeitlich angesichts des alles erschütternden, dramatischen
Ostergeheimnisses, das alles auf den Kopf stellt. Denn am Ostermorgen
ist dem Tod etwas passiert, endgültig. Leise setzt sich der österliche Sieger
in Szene und will uns nicht mit Macht überwältigen. Eigentlich sind die
Ostererzählungen des Evangeliums temporeich, ein Hin und Her, ein
Laufen und Weglaufen, ein Drehen und Wenden. Doch dieses Bild ist
langsam und macht uns langsam. Ein lautloser Triumph, keine
mitreißende Siegesmeldung, keine auftrumpfende Siegergeschichte nach
einem umwerfenden Siegeszug, kein Verklärungslicht, keine
lichtumflossene Gestalt, keine Auffahrt, kein Schweben, keine
Osterpredigt, kein dramatisches Duell mit dem Tod und seinen Wächtern,
keine segnende Geste des Auferstandenen. Der Salvator und Christus-
Victor – unbeweglich vor uns, in voller Lebensgröße, sehr kontrolliert,
von feierlicher Monumentalität, Strenge, Unberührbarkeit, Würde. Pure
Anwesenheit! Aber auch Fremdheit. Bist du es, Herr? Die Wahrheit tritt
mir gegenüber als Person! Der Auferstandene allein lässt sich sehen, er,
der zu guter Letzt auf uns zukommen wird. Das Bild lädt ein zur
Annäherung mit den Augen, nicht zur Berührung, nicht zu
überschwänglichem Osterjubel, sondern zu schweigendem Innehalten.
Dieser Auferstandene trägt mit der Rechten die weiße Siegesfahne, die
himmelwärts gerichtete Fahnenstange mit dem kleinen goldenen Kreuz
vor dem Goldhintergrund des Himmels. Dieses Kreuz ist nicht das
Marterinstrument vom Golgothafelsen, sondern die „crux invicta“, ein
Siegeszeichen., ein Prozessionskreuz. Solche Triumphzeichen kennt man
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auch von anderen Osterbildern. Die Osterfahne, die wegen des roten
Kreuzes an eine Kreuzfahrerfahne erinnert, weht im Wind.
Auffallend: Christus erscheint in voller Stofflichkeit. Eine naheliegende
und doch ‚kinderschwere‘ Frage: Was trug der Auferstandene nach der
Auferweckung? Ich verbinde die Zeitenwende des Ostermorgens eher mit
einem Kleiderwechsel. Christus, der das Grabtuch zurücklässt und in die
weißen Gewänder der Verklärung wie in überirdisches Licht gehüllt ist.
Ungewöhnlich auf dem Gemälde ist das Gewand des österlichen Herrn.
Wer hat Christus, der nur in ein Leichentuch gehüllt war, so eingekleidet?
Michelangelo entscheidet sich für den nackten Jesus. Auf dem Gemälde
des anonymen Maestro della Misericordia ist er bekleidet, wenn auch
nicht gerade überirdisch; mit einem weißen Untergewand und einer mit
Goldsaum verzierten weißen Tunika mit ebenfalls golden umrandetem
blauen Umhang, vor dem Bauch gerafft. Ungewöhnlich, dass uns Christus
nach seiner Auferweckung nicht wie eine weiß-golden umhüllte
Lichtgestalt in Verklärungsglanz begegnet. Hier sehen wir ihn gehüllt in
Stoffe und Farben dieser Welt, die an einen vornehmen Herren oder
Hohepriester erinnern.
Dieser Auferweckte ist nicht im Aufstieg begriffen, er schwebt nicht, von
ihm geht keine Dynamik, kein strahlendes Leuchten aus. Er steht fest auf
dem Boden, mittig, zentral, und tritt barfüßig auf den Grabstein als
Symbol seiner Überlegenheit über den Tod. Dieser leise Ostersieger hat
zwar den Ausstieg aus dem Loch des Grabes hinter sich, zeigt sich als
Sieger über die Mächte des Todes; doch an seinem Körper finden sich
keine Spuren dieses Kampfessieges.
Wo sind die, denen er sich am Ostertag zeigte? Keine Engelsgestalt, keine
Osterzeuginnen und -zeugen begegnen ihm; keine Gegenspieler und
überwältigte Grabwächter sind zu sehen. Frontal steht er mir gegenüber.
Er geht uns alle an. Nur er allein, unübersehbar, das Bild beherrschend,
das Haupt von einem goldenen Scheibennimbus umgeben: Solus Christus.
Er steht in der vorderen Bildebene. Wir vor ihm. Niemand steht uns im
Weg. Wir können ihm nicht ausweichen. Uns wird der Auferstandene zum
Gegenüber. Wir bilden ihn uns nicht ein nach Art einer mystischen
Erfahrung. Uns kommt kein lächelnder oder triumphierender Christus
nahe. Seltsam nachdenklich ist sein Blick. Er schaut uns Betrachter nicht
an; beinahe demütig blickt er seitlich nach unten. Dieser Christus ist kein
Schmerzensmann mehr, auch wenn wir die nie heilenden Narben der
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Wundmale an seinen Händen sehen; auch der blutige Ort der Seitenwunde
(rechts!) auf dem weißen Gewand ist, mit einer goldenen Raute
hervorgehoben, erkennbar - ein deutlicher Hinweis auf das durchbohrte
heiligste Herz Jesu. Vor uns steht der, der den Tod hinter sich ließ, der als
Lebendiger aus der Welt Gottes zu uns tritt.
Eine atemlose Kirche, die in ihren Reformversuchen angestrengt an ihrer
Zukunftsgestalt arbeitet, darf zu Ostern vor dem zur Ruhe kommen, dem
sie sich verdankt. Er schenkt einer vergesslichen Kirche ein „unverhofftes
Wiedersehen“. Suchen wir sein Angesicht! Schauen wir nicht weg von
dem, dem wir Leben, Gegenwart und Zukunft verdanken. Niemand sonst
kommt näher an uns heran als Er. Seit Ostern ist er uns der Allernächste.
Halten wir seine unentrinnbare Nähe, dieses Bleiben vor ihm aus! Ihn
können wir nicht vereinnahmen. Ostern feiern wir ein unausdenkbares
Geheimnis. Ahnen wir, dass unsere Existenz und Zukunft am seidenen
Faden der Wahrheit dieses Festes hängt? Ist Christus für mich der
Unverhoffte, Unvorhersehbare, Ehrfurcht Gebietende, Staunenswerte?
„Unwahrscheinlicher als Jesus Christus ist nichts“, sagte der Schriftsteller
Botho Strauß. Er, der Unwahrscheinlichste von der Welt, verspricht seine
Anwesenheit: „Ich bin mit euch durch das All der Tage bis zum Voll-Ende
der Weltzeit“ (Mt 28,20, übersetzt von Fridolin Stier). Eine Kirche, die
Zukunft hat, muss Christi Gegenüber bleiben und Ihn, den Erstaunlichsten
von allem, aushalten. Er bleibt mein leiser Zeitgenosse und bittet um
unsere Aufmerksamkeit. Und wenn ich vor ihm stehe, dann bleibt mir nur:
Erschütterung pur! Und die Hoffnung, dass er deinen und meinen Namen
nennt und uns zu sich bittet. Was für eine dichte Präsenz! Welche
beeindruckende Gestaltgröße dieser „Hauptperson“ des Glaubens. In
solcher Nahsicht erfüllt er unser Anschauungsbedürfnis. Ostern heißt
Pascha, Pasqua, Vorübergang. Seit Ostern läuft Christus frei herum durch
Raum und Zeit. Er ist nicht zu halten und sprengt den Rahmen jedes Bildes.
Halten wir inne vor diesem Bild: Es ist, als bliebe der Vorübergehende
einen Augenblick stehen – und wir setzen uns seiner Anziehungskraft aus.
Der österliche Herr macht die Kirche zu dem, was sie ist: zur Gemeinde
des Auferstandenen. Eine Kirche, die sich an Christus vorbei neu gestalten
will, wäre eine fromme Nichtregierungsorganisation, ein trauriger Jesus-
Gedächtnisverein. Die Christusvergessenheit in der Kirche wäre eine
tödliche Krankheit des Glaubens. Ostern bilden wir uns nicht ein. Ostern
können wir nicht irgendwie symbolisch verstehen, als lebe er in uns weiter,
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wenn wir nur brav und fromm an ihn glauben und in seinem Geiste
handeln. Ohne Ihn wäre alles nichts. Er selbst bringt sich zur Erscheinung.
Uns wird ein „unverhofftes Wiedersehen“ mit dem geschenkt, der auf dem
Weg zum Vater ist.
„Viel mehr als Ziele braucht man vor sich, um leben zu können, ein
Gesicht“, sagte der jüdische Schriftsteller Elias Canetti. Diesem
lebenspendenden Antlitz Christi wollen wir begegnen.

Ihnen und Euch ein frohes Osterfest!
Kurt Josef Wecker, Pfarrer
Gottesdienstordnun





Gottes Wahlkampf um meine Stimme geht weiter
Gedanken zur Fastenzeit
und zum Fest der „Verkündigung des Herrn“ am 25. März.
Liebe Mitchristen!
Die Bundestagswahl ist gelaufen. Eine Entscheidung stand an, auch eine
Unter-Scheidung. Es ging um die Macht, um zeitlich verliehene Macht.
Und jetzt müssen die Gewählten schauen, was sie aus diesem
Vertrauensvotum des Volkes machen.
Vieles im Leben steht nicht zur Wahl: Wo und wann und in welcher
Familie ich geboren werde, was ich an Eigenschaften mitbringe, ob ich
groß oder kleinwüchsig bin. So vieles in unserem Leben ist vorgegeben,
steht nicht zur freien Wahl.
Anderes steht zur Wahl. Die Fasten- und Passionszeit ist Gottes
alljährlicher Wahlkampf um meine Stimme. Es ist eine Lebenswahl, ob
wir Christen sind und bleiben wollen. Wir glauben, dass Gott Dich und
mich wählt. Uns traf Gottes Gnadenwahl, seine Vorentscheidung.
An jedem Sonntag ist Wahlsonntag. Sehr entschieden treffen die, die sich
auf den Weg machen in unsere Kirchen – eine Wahlentscheidung, wie in
einem Wahllokal. Wir treffen eine sehr intime, geheime Wahl, denn wie
es in uns aussieht, geht niemanden etwas an. Gott allein weiß um mein
Persongeheimnis, er respektiert mein Wahlgeheimnis. Die Freiheit der
Christenmenschen, von der Luther spricht, zeigt sich hier: Wir haben die
freie Wahl, in das Wahllokal eines Gotteshauses zu treten und Gott
unsere Stimme zu schenken. Man kann sich anders entscheiden. Wir
hätten auch andere Möglichkeiten in dieser Freizeitgesellschaft. Indem
wir uns Gott stellen, stellen wir uns buchstäblich demonstrativ zur Wahl.
Sie geben Ihr unüberhörbares Votum ab: Hier bin ich. Ich wähle dich -
und zugleich: Ich nehme, Gott, Deine Wahl an.
Wir feiern, dass zwei wählen, der erwählende Gott und jeder Einzelne
von uns. Ich gebe ihm mein Stimme, mein Vertrauen. Es ist das 'aktive
Wahlrecht' Gottes, dass er sich für uns entscheidet, dass er nicht ohne
uns wirken will. Nicht ohne uns! Es gibt uns als Kirche nur, weil der Herr
es nicht allein machen will, weil er auf Stimmensuche ist. Er betreibt
keinen Stimmenfang und befürwortet Gewaltenteilung. Es ist das
'passive Wahlrecht' jedes Getauften, dass wir einstimmen, uns diese
Wahl gefallen lassen. Ein solches Votum ist mehr als eine sogenannte
Jahrhundertwahl oder eine Richtungswahl. Wir fällen eine Lebenswahl.
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Wähler und Wählerinnen sind, hochgerechnet, am Wahltag kaum drei
Minuten im Wahllokal. Das Schöne an jedem Sonntag ist, dass wir spüren:
hier trifft Gemeinde nicht kurzzeitig eine Wahl; sie tut es nicht unüberlegt,
aus einer Laune heraus oder im Vorbeigehen. Wir schenken Gott eine
Stunde Lebenszeit. Wir wollen als Christenmenschen mit einer
getroffenen Wahl leben und treue Stammwähler bleiben, also ein Leben
lang unser Kreuz beim Kreuz machen.
Christus führt unser ganzes Leben lang Wahlkampf um meine und Deine
Stimme. Wir sehen den Sohn des allmächtigen Gottes auf
Kandidatensuche auf den Straßen und Plätzen Galiläas; er war auf
Kandidatensuche. Und er wählte Menschen zu Menschenfischern, die
gar nicht gewählt werden wollten, die vielleicht gar nicht das mitbrachten,
was er von ihnen erwartete, denen er doch Großes zutraute. Was für ein
Satz, dieses: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch
erwählt!“ (Joh. 15.16). Er trat an den Arbeitsplatz des Fischers am See
von Tiberias, in die zwielichtige Wechselstube des Zöllners Matthäus, er
stellte sich dem Saulus in den Weg - und erwählte vor allem die Frau, die
uns als „schmerzhafte Mutter von Heimbach“ besonders naherückt. Er
‚braucht‘ Maria. Man stelle sich also vor: Der allmächtige Gott ist ein
ewiger Wahlkämpfer. Alle sollen Stimmrecht haben im Reich Gottes,
auch die, denen man hier die Stimme nimmt, das Gesicht raubt, die sonst
nicht zu Wort kommen; auch die, die in der allmählich zerbröselnden
Volkskirche keinen Ort mehr finden. Was für ein mühsames göttliches
Klinkenputzen an der Tür meines Herzens! Geduldig wartet er – vierzig
Tage und mehr - auf den Ausgang meiner freien und geheimen Wahl.
Verkündigung des Herrn: Am 25. März feiern wir das Fest der
Menschwerdung Gottes. Dieses Wunder ereignet sich im Wahllokal von
Nazareth. Es gehört zur selbstgewählten Schwäche Gottes, dass er nur
bittend und darin wunderbar unaufdringlich und schonend auf Maria
zukommt. Der Engel klopft bei ihr an: Der Himmel bittet um Deine Stimme!
Gott bittet um Dein Ja-Wort! „Die Erde und der Himmel erwarten Dein Ja,
o allerseligste Jungfrau Maria“, so predigte der hl. Bernhard von
Clairvaux. Alle Welt, Maria, wartet auf Dein Votum! Die Welt wartet, dass
dieses Mädchen beim Richtigen ankreuzt. Gott ist in Erwartung eines
Wahlausgangs, eines ungezwungenen Ja-Wortes. Maria, lass Dich
wählen, wage den Sprung und wähle den Dich auswählenden Gott.
In der Fastenzeit wird Gottes Klopfen bei mir laut: Er wirbt: Kreuzt an
beim Gekreuzigten! Und damit wählen wir als Getaufte auch einen ganz
bestimmten Lebensstil. In den kleinen Wahlentscheidungen des Alltags
zeigt sich die große Lebenswahl: Wofür setze ich mich ein, meine ganze
Leidenschaft, meine Zeit und Energie? Was ist mir wirklich wichtig und
woran hängt mein Herz? Wie lebe ich, und kann man ablesen, wen ich
gewählt habe? Welche Freunde wähle ich? Was suche ich in all meinem
haupt- und ehrenamtlichen Tun? Such ich IHN? Und – man kann es nicht
verschweigen: Wenn wir wählen, wählen wir auch eine ganz bestimmte
Kirche, mit ihrer auch zweideutigen Geschichte, mit ihren Runzeln und
Rissen, ihrer Schuld und Unansehnlichkeit.
„Ich wähle alles!“, sagte die hl. Therese von Lisieux und ging aufs Ganze.
Das ist keine religiöse Unersättlichkeit und Überspanntheit. Die junge
Frau sagte wie Maria im ‚Wahllokal‘ von Nazareth: Ich wähle den, der
mich wählt. Ich setze alles auf Seine Karte. Gott braucht meine und Deine
Stimme. Gott bittet! Wir haben die Wahl! Nehmen wir seine Wahl an!
Diesen Mut zur Wahl nach dem Wahlmonat wünsche ich mir, Ihnen und
Euch.

Ihr Kurt Josef Wecker, Pfr





Fest der Darstellung des Herrn (Meister der Pollinger Tafeln 1444)
Der „Simeon-Moment“ für einen jungen Alten -
Du da! Nimm ihn! Halte Jesu für einen Augenblick fest!
Bildbetrachtung zu Lichtmess von Kurt Josef Wecker

Du da – halt mal! Ereilt uns auch irgendwann einmal dieser „Simeon“-Moment? Ein spätes Weihnachten?
Anfang Februar feiern wir ein Fest in spätweihnachtlichem Kerzenschein, an dem ein zunächst fremder Mensch unerwartet Jesus in die Hand nehmen darf. Maria übergibt ihr Ein und Alles für einen gewissen seligen Augenblick einem Fremden. Diese Geste Marias im Tempel vierzig Tage nach dem Geburtstag Jesu geschah nicht hastig und aus der Not geboren, sondern bewusst. Sie tat dies, nachdem sie ihr Reinigungsopfer am Tempel dargebracht hatte, den erstgeborenen Jesus zunächst einem namenlosen Priester 'dargereicht‘ hatte und darin ihr Kind Gott 'dargestellt' hatte. Danach zeigte sie das Kind einem alten Mann und einer alten Frau. Sie übergab dem Simeon den 40 Tage jungen Jesus wie eine Weihnachtsleihgabe. Die junge Familie kam unauffällig, ohne Engelschöre und Heiligenschein - vielleicht schon aus dem fernen Nazareth und nicht mehr dem nahen Bethlehem - nach Jerusalem. Wie auf Zehenspitzen betritt das Geheimnis des Glaubens den Tempel. Niemand ahnte etwas von dieser verborgenen Fronleichnamsprozession der Heiligen Familie nach Jerusalem. Auf einen solchen Tempelgang begaben sich viele junge Familien und Pilger und erfüllten das Gesetz des Mose (vgl. Gal 4,4). Maria und Josef reihen sich ein in das Übliche, sie wollen keine Ausnahme sein, diese beiden Juden unterstellen sich und Jesus der Thora. Die Tafeln des Gesetzes bilden das Zentrum dieser Darstellung des „Meisters der Pollinger Tafeln“ (1444), einem spätgotischen Marienaltar, der heute in Nürnberg im Germanischen Nationalmuseum ausgestellt ist. Die Begegnung der jungen Eltern mit dem alten Mann (leider fehlt auf dem Gemälde die alte Frau Hanna) geschieht wie in einer gotischen Kirche des Spätmittelalters. Nur eine kleine Episode, von dem sonst niemand (außer Lukas, der Evangelist) Kenntnis nimmt. Noch einmal Epiphanie, Lichterfest, Lichtmess. Auffallend jedoch ist: Christus - er ist ein vierzig Tage junges Baby - steht unsicher, von der Mutter gestützt und ängstlich auf Maria blickend auf dem Opferaltar. Das Kind ist unbekleidet, die ‚nackte Wahrheit‘, während die anderen Gestalten in prächtigen Gewändern mit imposantem Faltenwurf dargestellt werden. Jesus, nackt und bloß wie in der Krippe, bei der Taufe im Jordan, am Kreuz! Josef, die Randfigur, trägt das ‚Arme-Leute-Opfer‘, zwei Tauben in das Heiligtum.
Maria, die „Monstranz Gottes“, lässt Jesus los, reicht ihn, schiebt ihn sanft Simeon hinüber; das in vielen Liedern besungene und in der Heimbacher Pietà uns vor Augen gestellte, bis in den Tod durchgehaltene untrennbare Miteinander von 'Jesus und Maria' wird für einige Augenblicke gelöst. Schwer fällt es Eltern, ihr Kind irgendwann einmal loszulassen. Im Binnenraum der Familie soll es trotz aller beruflichen Flexibilität so lange wie möglich geborgen sein. Oft bleibt eine verborgene Nabelschnur, die Heranwachsende bindet und hindert, ihr eigenes Leben zu führen. Gerade auf den Erstgeborenen, den 'Thronfolger', sind große Hoffnungen gerichtet. „Helikoptereltern“ lassen ihr Kind nur schweren Herzens ausziehen, in die weite Welt, hinein in den Ernst des Lebens.
Freilich: junge Eltern legen gerne das Neugeborene in die Arme der Großeltern oder Paten, bei der Taufe auch zum Foto in die Arme des Priesters oder Diakons. Sie erleben bewegt, wie sich der Gesichtsausdruck der Älteren ändert, wie ein beinahe verlegenes Lächeln über manchmal verkniffene Mienen geht, wie alte Augen jung werden und zu leuchten beginnen. Sie leuchten, weil sie im Kind der Zukunft ins Auge sehen. Sie ahnen, dieses Kind wird etwas erleben, gestalten und erdulden, auch wenn wir Älteren nicht mehr auf Erden sind.
Heute also wird Jesus der Welt präsentiert. Es ist, als würde Marias Gebärdensprache sagen: Er, den ich zur Welt brachte, ist für alle Welt da, besonders für sein eigenes Volk Israel, mit dem er heute Begegnung feiert. Simeon ist zwar ein völlig fremder, aber eben doch wesensverwandter Mensch mit adventlichem Durchhaltevermögen. Einer, der sein alterndes Leben diesem ‚neuen Adam‘ entgegenhält und dabei ein „junger Alter“ bleibt. Einer, der es noch nicht satt ist, sondern erwartungsvoll leere Hände dem Christuskind entgegenhält. „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr!“  Einer, der die Nerven und den Glauben hat, auf – Gott zu warten!  Einer, der mich 40 Tage nach Weihnachten fragt, ob ich vor Gott noch ein Wartender bin oder ob mir das alle Jahre wieder gefeierte Weihnachtsgeheimnis längst schon überdrüssig geworden ist …  Maria ist 'nur' Kommunionhelferin. Nimm ihn! Gott für dich! Maria überreicht Ihn den Repräsentanten des Volkes, in dem noch heute viele messianisch Geprägte auf diesen Messias warten.
Der Jude Franz Kafka sagt es so: „Wenn auch keine Erlösung kommt, so will ich doch jeden Augenblick ihrer würdig sein.“ Simeon wartet auf Erlösung, auf die Begegnung mit dem Heißersehnten. Er steht für eine Kirche, die nicht in Selbstdarstellung aufgeht und der es nicht um ihren Selbsterhalt und ihre erfolgversprechenden Strukturen geht. Simeon hat es nicht nötig, sich selbst eitel zu präsentieren. Selbstvergessen ist er rechtzeitig zur Stelle. Er ist „voll präsent“.
Und Marias Geste verdeutlicht: Jesus Christus ist nicht mein Privatgott, mein Familien- und Stammesgott, mein Gemeinde- und Kirchengott, er ist eine ‚öffentliche Person‘ und gehört aller Welt, ist unübersehbares Licht zur Erleuchtung aller Welt, Licht für uns Heidenchristen. Er ist „der Heiden Heiland“. Niemals geht Jesus in den Besitz frommer Familien und geistlicher Bewegungen, nie in den Besitz der Kirche und ihrer Dogmen über. Kirche ist dazu da, ihn nicht eifersüchtig für sich zu behalten, sondern wie Maria loszulassen, ihn anderen zu gönnen. Maria versteht das und gibt ihn frei und gönnt dem alten Mann einen ‚glückseligen‘ Moment.
Ich vergleiche Simeon und Hanna mit zwei sympathischen Wochentags-Kirchengängern. Sie haben die Ruhe weg. Sie gehören nicht zu denen, die meinen: wir haben irgendetwas verpasst, wenn wir nicht überall dabei sind. Ich weiß, wie viele ältere Menschen irritiert sind vom gegenwärtigen Zustand der Kirche. Sie haben ihr Leben lang ihr Vertrauen in diese Institution gesetzt, die viele Menschen enttäuscht und verletzt hat. Auch viele ältere Christen sagen heute: Es geht auch ohne Kirche und Kirchgang. Wie viel stumpfe Hoffnungslosigkeit in manchen Altenheimen, wie viel zynische Resignation auch bei jungen Menschen, die nichts mehr von Gott erwarten und früh mit ihrem Leben abschließen!
Anfang Februar feiern wir zwei Menschen, deren Advent erst spät in Erfüllung, in die schöne Bescherung eines „Simeon-Moments“, einer „Hannah-Stunde“ übergeht. Ich wünsche Ihnen und Euch 2025 diese Augenblicke der Gewissheit, des Entgegenkommens, des späten Glücks. Augenblicke, in denen wir vielleicht ganz unerwartet zu Christus-Trägern, zu Christophoroi, zu Monstranzen werden. Christinnen und Christen sind keine 'Macher' und Selbstdarsteller, sondern geduldig Wartende und glückliche Empfänger. Da kann es geschehen, dass wir mitten im Alltag Lichtmess feiern.
Darstellung des Herrn - das ist nicht der große Auftritt eines Stars, sondern die Entdeckung der ungewöhnlichen Gottesnähe und der nackten Wahrheit der Gottesliebe im Gewöhnlichen und Normalen. Auch uns, unseren Händen, wird Er anvertraut. Dieser Moment ist für Erstkommunionkinder etwas Aufregendes. Zu Recht. Ein leises Geschenk, zeitlich betrachtet nur ein flüchtiger Augenblick und keine laute Aktion. Gott überlässt sich uns und will nicht von uns lassen. Meine Hände dürfen ihn anfassen (1 Joh 1,1). Lassen wir den Weihnachtsglanz nicht zu schnell verglimmen, lassen wir diese Begegnung nicht einfach hinter uns.

Ich wünsche Ihnen und Euch, Jungen und Alten, solche Lichtsekunden in 2025.
Kurt Josef Wecker



Die Geburt des Lichtes
Bildbetrachtung zur Weihnacht 2024 von Kurt Josef Wecker.

Peter Paul Rubens, Weihnachtsbild

So viele Finsternisse in der Welt! Wir sehnen uns nach Lichtblicken. Zur Weihnacht möchten wir umleuchtet sein, und wir wollen glauben, dass das wahr ist, was wir feiern: dass dieser Welt ein unauslöschliches Licht aufgegangen ist, ein Hoffnungslicht gegen die Irrlichter und grellen Spots, gegen die selbsternannten Lichtfiguren und schnell vergessenen ‚Stars‘, die tödlichen Lichtblitze der Raketen und Bomben. Weihnachten 2024 feiern wir in einer bedrohten Gegenwart, im Osten Europas, im Nahen Osten. So viel Dunkelheit, erloschene und zerstörte Welt! Zappenduster ist es - oder viel schöner Schein. Wir werden, 80 Jahre nach der Zerstörung so vieler Städte im Bombenkrieg an das Dunkel des 2. Weltkriegs erinnert; an die Markierungspunkte über unseren Städten in den Kriegsnächten bei den Bombenangriffen, die man schauerlicher weise „Christbäume“ nannte. Wir brauchen mehr Licht, ein Licht, das der ewigen Nacht seinen Schrecken nimmt und uns erleuchtet und zu Erleuchteten verwandelt: „Licht war. Rettung“ , so Paul Celan im Gedicht „Einmal“.
„Und es ward Licht!“ Wir feiern Weihnachten den Advent des Lichtes. Ein Licht wird uns geschenkt, das Wunder eines wie von selbst leuchtenden Kindes in der Nacht. Der katholische Barockmaler Peter Paul Rubens (1577-1640) bringt uns in die Nähe dieser menschgewordenen Lichtquelle Gottes: Gottes Krippenspiel mit Licht und Dunkel. Setzen wir uns diesem stillen Bild aus!
„Es gibt nur eine Methode, um Bilder zu verstehen – nicht versuchen, sie zu interpretieren, sondern sie so lange anschauen, bis das Licht hervorbricht“, sagte die französische Philosophin Simone Weil. Wagen wir trotzdem behutsam den Weg der Bildinterpretation und warten wir, bis das Licht hervorbricht.
Vermutlich am Ende seines römischen Aufenthaltes (1602,1606-1608), kurz vor seiner Rückkehr nach Antwerpen zu seiner kranken Mutter im Oktober 1608, vollendete Rubens dieses Gemälde im Juni 1608. Rubens‘ Nachtstück war als Altarbild für die Cappella Constantini in der Oratorianerkirche des hl. Filippo Neri in Fermo in der italienischen Region Marken bestimmt und hängt heute noch in dieser Stadt in der Pinakothek. Rubens war nie in Fermo gewesen. Doch dieses in Rom geschaffene Christnachtbild gefiel dem Maler so gut, dass es eine eigenhändige Replik gibt, die man heute in der Sint-Paulskerk in Antwerpen findet, außerdem eine Modellskizze in der Eremitage in St. Petersburg und eine Pinselstudie in Amsterdam. Man nennt diese Hirtenanbetung „Die Nacht“, „La Notte“. Wir sehen nur einen Bildausschnitt aus diesem Altarbild, das erst später ein Galeriebild wurde; die gleichzeitig über der Personengruppe schwebenden Putti in ihrer virtuosen Bewegung fehlen leider.
Ein leises Bild. Wir bleiben ‚unten‘ in der irdischen Sphäre und nehmen teil am nächtlichen Besuch der Hirten am Geburtsort Jesu, der seltsam unbestimmt bleibt. Sind wir zur mitternächtlichen Stunde draußen im Freien oder in einer lichterfüllten Erdhöhle? Rubens verzichtet auf jegliches Dekor: Ein Kunstwerk ohne pompöse „barocke Leidenschaft“.  Mein Blick wird auf die Bildmitte fokussiert, dorthin, wo das Licht der Welt (Joh 8,12; Joh 9,5) das Licht dieser Welt erblickt. So viel liegt im Dunkel der Nacht. Im Dunkeln geschieht das Neue. Die Bühne des Geheimnisses bleibt undefiniert. Der Bildraum ist eng. Sechs Menschen rücken dicht zueinander, bilden einen Halbkreis um das Gotteskind. Allein aufgrund der lukanischen Notiz, dass die Hirten Nachwache hielten bei ihren Herden (Lk 2,8), wissen wir, dass die Geburt Jesu nachts stattfand. Sein Kommen schafft die „Heilige Nacht“, die wahre „Zeitenwende“. Die Weih-Nacht ist nicht allein zum Schlafen da!
Rubens versteht es, den Stimmungswert der Nacht und das Spiel mit den expressiven Lichteffekten voll auszuschöpfen. Ohne das überirdische Licht wäre die Szenerie in absolutes Dunkel getaucht. Wer die sinnenfreudige Wucht sonstiger Gemälde des Barockkünstlers kennt, ist von der gefühlsbetonten Innigkeit dieses lichtmystischen ‚Nachtstücks‘ und der lautlosen Welt, die Rubens schafft, beeindruckt. Liebevolle Andacht. Auch ein Genie wie Rubens hatte Vorbilder und brauchte Anstöße von außen. Vor allem Correggio (Antonio Allegri) und seine damals in der Stadt Reggio Emilia von Rubens studierte und heute in Dresden hängende „Heilige Nacht“. Correggio inspirierte den Flamen. Vielleicht ist diese Bildschöpfung auch eine Reverenz Rubens‘ vor dem großen italienischen Kollegen Caravaggio und vor dessen Kunst des „Chiaroscuro“-Effekts, des magischen Helldunkels. Das deutsche Wort „Stimmung“ fällt mir ein, diese einzigartige Stimmung, in die uns die Nacht des Heiles hineinversetzt. Diese Nacht hat nichts Finsteres.
Ja, Gott lässt in dieser Nacht die Dunkelheit und das Licht Regie führen. Es gibt nur eine einzige Beleuchtungsquelle. Kunstwissenschaftler sprechen vom „sakralen Leuchtlicht“ (Wolfgang Schöne). Es gibt keine sekundäre, natürliche Lichtquelle (Mond oder Stern, Abend- oder Morgenrot), kein „künstliches“ Licht (wie z.B. eine brennende Kerze, Laterne oder ein Feuer). „Ein unvergleichliches Licht ging von ihm aus, ein solcher Glanz, dass man ihn nicht einmal mit der Sonne vergleichen konnte“, so bezeugt die heilige Mystikerin Birgitta von Schweden (1303-1373) in ihren „Revelationes“ (Kap 7,21; 1372) diesen Augenblick. Ihren Visionen verdankt die Kunstgeschichte wohl die Darstellung der nächtlichen Geburt Jesu und der Nacktheit des Kindes. Im Jahre 1606 erschien in Rom eine lateinische Übersetzung der ‚Offenbarungen‘ der hl. Birgitta, und Rubens ließ sich vermutlich von diesen inspirieren. Christus ist wie eine mystische zweite Sonne, „das aufstrahlende Licht aus der Höhe“ (Lk 1,78f) die „Sonne der Gerechtigkeit“ (Mal 3,20), die wahre „unbesiegbare Sonne“. „Er leuchtet wie die das Licht der Sonne, ein Kranz von Strahlen umgibt ihn.“ (Hab 3,4). „Ich bin das Licht der Welt“, wird der erwachsene Jesus später sagen (Joh 8,12). Wie anders als mit der Darstellung des „lumen divinum“, des übernatürlichen Lichtglanzes (Lk 1,78f) kann man dem Einbruch des Überirdischen und dem heiligen Augenblick der Geburtsoffenbarung Ausdruck verleihen? Keine Zugluft bedroht dieses intensive sakrale Licht. Keine Person leuchtet aus sich selbst. Die Gestalten sind unterschiedlich stark beleuchtet und blieben (wie der hl. Josef) im Schatten, würden sie nicht vom Kind angestrahlt. Wir leben im Widerschein dieses Einen. Die Menschwerdung Gottes ist das „Unwahrscheinlichste von der Welt“, so unwahrscheinlich, dass von einem ‚gewöhnlichen‘ Kind übernatürlicher Glanz ausgeht und die Welt verwandelt.
Rubens konzentriert sich in seiner Altarmalerei auf das Wesentliche dieser Nachtszene; kein Landschaftsausblick; selbst Ochs und Esel fehlen. Wir sind auf Nahsicht, eingeladen zur sanften Annäherung. Maria steht am rechten Bildrand, dahinter – kaum im Dunkeln sichtbar – Josef, der mit vor der Brust devot gekreuzten Armen nach oben zu den Engeln blickt. Niemand steht dem Kind im Weg und niemand berührt es; es ist uns Betrachtern zugewandt; wir sind ‚auf Augenhöhe‘ mit ihm. Das von einem weißen Tuch hinterfangene Kind – wer denkt angesichts dieser ‚Hirtenmesse‘ nicht an die Hostie, die Eucharistie auf dem weißen Altartuch in der Messfeier - wird von Maria präsentiert, so als zeige sie das Kind, als zöge ihre linke Hand mit dem Schleier den Zipfel des Vorhangs vor dem (schlafenden) Geheimnis fort und packte sie sanft Gottes Weihnachtsgeschenk aus. Nichts Eigenmächtiges geht von ihr aus. Sie öffnet uns den Zugang zum Mysterium dieser Nacht; sie ist, wie ein Kirchenvater sagte, „die Mutter der herrlichen Sonne“.
Auch die Kirche findet sich wieder in dieser Mariengeste; sie kann nie mehr sein als Einweiserin in das Geheimnis der Selbstverkleinerung Gottes, als Zeugin der nackten Wahrheit Gottes in diesem Kind. IHM schenkt sie ihre Aufmerksamkeit. Sie lässt das Wunder geschehen, feiert SEINE Gegenwart. Scheu und überwältigt umgibt sie IHN, sie bezieht ihr Licht von anderswoher, vom LUMEN Christi.
Die Mutter Gottes trägt ein rotes Kleid und einen blauen Umhang. Aus dem Gemälde spricht die tiefe Marienfrömmigkeit Rubens‘. Maria steht, sie kniet nicht; von der Lichtquelle ist sie am stärksten getroffen und bedarf keines Heiligenscheines. Ihr Inkarnat ist strahlend weiß. So wie Gott sein dem Menschen zugewandtes Antlitz in der Heiligen Nacht offenbart, so vermittelt Maria uns den Corpus Christi, eröffnet sie uns mit der zarten Geste der Entschleierung Jesu das Kraftfeld des Heiligen, den glühenden Kern des Glaubens: „Seht!“ (1 Joh 3,1) Seht das Geheimnis des Glaubens! Dieser unbewegliche Neugeborene ist – wahrer Mensch und wahrer Gott, wie wir im Dogma von Nizäa (325) und von Chalzedon (451) bekennen. 2025 erinnern wir Christen uns daran, dass das Bekenntnis zum Paradox des Gottmenschen „Sohn Gottes, wesensgleich dem Vater“ vor 1700 Jahren im kleinasiatischen Nizäa formuliert wurde. Die Nacktheit des Kindes zeigt: Es ist der „neue Adam“ (1 Kor 15,20-22). Jesus ist trotz seines Selbstleuchtens kein Sonnen- oder Lichtgott.
Eigentlich braucht das Intime keine Zuschauer. Aber Christi Geburt ist ein ‚öffentliches Ereignis‘. Erste Zeuginnen und Zeugen, Christusverehrer und Anbeterinnen sind Hirten und Hirtinnen. Rubens malt sie als rustikale, lebensechte Figuren. Dieses Licht-Kind zieht sie an. Ihre Resonanz beim Krippenbesuch wird im Evangelium gar nicht beschrieben (vgl. Lk 2,16f), doch Rubens fühlt sich in diese späten Gäste beim Kind ein, zeigt die verschiedenen Reaktionen des Glaubens und die seelischen Affekte der Beteiligten. Er malt, wie sie den Anblick dieser göttlichen Klarheit, verborgen im Kind, nicht fassen können und demütig und liebevoll, andächtig und auch ein wenig scheu „das Bündel Gottes“ (Paul Konrad Kurz) umgeben. Eben noch haben die Hirten plötzlich den von himmlischem Licht umstrahlten Botenengel gesehen: „Herrlichkeit des Herrn strahlte rings um sie auf“ (Lk 2,9; vgl. Jes 60,1). Gerade noch „eilten“ die neugierigen Hirten und Hirtinnen; und nun sind sie angekommen, staunend, fassungslos, betroffen und geblendet vor dem Geheimnis, dem Ruhepol des Bildes. Eng geschart finden sich diese nächtlichen Besucher ein im Kegel eines Lichtes, das sich auf sie in abgestufter und abgeschwächter Weise mitteilt (Joh 1,9) und Licht-Schatten-Kontraste bewirkt. „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht“ (Jes 9,1). Schützend und voller Ergriffenheit umgeben diese ‚Alltagsmenschen‘ das Gotteswunder. Hochaufgerichtet und ausdrucksstark steht ein Hirte, gestützt auf einen Stab, gegenüber der Heiligen Familie, geblendet vom „selbstleuchtenden Christuskind“ (Wolfgang Schöne). Ein Moment der Bewegung, beinahe des sanften Erschreckens: Mit seinem Handrücken schirmt er seine Augen schützend ab angesichts der Blendung durch diese ‚nackte Wahrheit‘, den ‚Splendor divinus‘, den göttlichen Glanz auf dem lichtspendenden Corpus Christi; ein Glanz, der die Verklärung Christi vorwegnimmt (Lk 9,32).  Blendung und Erleuchtung zugleich! Der jüngere Hirt blickt erstaunt zum Älteren empor. Mit ihren nackten Beinen und Füßen erinnern diese nächtlichen unerwarteten Gäste an Moses vor dem brennenden Dornbusch (Ex 3,5). Sie geraten vor das Gottgeheimnis, betreten heiligen Boden. ER ist da - für uns! „Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm.“ (1 Joh 1,5).  Eine ältere Hirtin kniet oder sitzt nahe beim Kind, eine weitere Hirtin tritt aus dem Hintergrund und lächelt das Kind an.
Bei aller Vermenschlichung auf diesem Altarbild – hier offenbart sich der Sohn Gottes, hier geschieht Epiphanie des Fleischgewordenen, hier liegt der Dreh- und Angelpunkt der Welt in unserem Augen-Blick. Gott lichtet sich und „gibt der Welt ein‘ neuen Schein“ (Martin Luther in GL 252,4). Die Hirten erkennen die Göttlichkeit des Neugeborenen und wir folgen ihrem anbetenden Blick, ihrer großen Freude. „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen.“ (Paul Gerhardt in GL 256,4).
Ich wünsche uns, dass Weihnachten mehr ist als ein vorübergehender Lichtblick. Werden wir „Pilger der Hoffnung“ (so das Motto des am Weihnachtsabend eröffneten Heiligen Jahres), treten wir mit Hirtenaugen in dieses Bild hinein. Lassen wir uns erfassen von der Stille des Heiligen. Jesus, wir begreifen dich nicht! Doch auf unseren Gesichtern liegt Sein Glanz (vgl. 2 Kor 3,18).  Hoffentlich geht uns das Staunen nicht verloren. Hoffentlich bleiben wir bei Troste, dass dieses göttliche Licht nie aufgehört hat, in die Finsternis dieser Welt hineinzuleuchten.
Eine von diesem Hoffnungslicht erleuchtete Weihnacht und ein friedliches 2025!
Kurt Josef Wecker




Das Heilige Jahr – Zur Geschichte der „Jubeljahre“
(Kurt Josef Wecker)
N
icht „alle Jahre wieder“, sondern nur „alle Jubeljahre“ gibt es ein vom Papst ausgerufenes
„Heiliges Jahr“. Ja, ein heiliges Jahr „kommt nur alle Jubeljahre vor“; ein seltenes Ereignis, das
wir in unserem Leben zwei-, höchstens dreimal erleben können und welches der
Kirchengeschichte einen eigentümlichen Rhythmus und eine verlässliche Periodizität gibt.
Angesichts eines solchen besonderen Jahres spüren wir, dass die Zeit etwas kostbares, ja etwas
Heiliges ist, dass sie Höhepunkte und Wendepunkte und Übergänge kennt. Die Juden haben
den Sabbat, wir Christen den Sonntag, die Kirchenfest und eben - das Heilige Jahr. Mit seiner
- durch die Verkündigungsbulle „Spes non confundit“ (vgl. Röm 5,5) am Fest Christi
Himmelfahrt 2024 ergangenen - Einladung machte Papst Franziskus eine Zeitansage: „Die
Hoffnung enttäuscht nicht!“. Damit ruft er erneut ein ‚Gnadenjahr’ (Lk 4,18) aus: ‚Jetzt sind
Tage des Heils‘ (2 Kor 6,2). ‚Jetzt ist die Zeit und die Stunde‘ zur Umkehr.
Jedes Heilige Jahr hat ein bestimmtes Motto und konzentriert uns auf ein bestimmtes Thema,
diesmal die göttliche Tugend der Hoffnung. Das kommende Jahr steht unter dem schönen
Leitwort „Pilger der Hoffnung“ (Peregrinantes in spem).
Der Papst lädt uns nach Rom ein, damit wir tastend und bittend durch offene Pforten treten, im
kurzen Verharren auf der Schwelle innehalten und im Durchschreiten dieser Öffnungen
symbolisch einen neuen Anfang vor Gott wagen. Das Durchqueren der Heiligen Türen ist
Ausdruck eines Glaubensbekenntnisses. Ein solches Jahr ist wie ein Kairos, um den eigenen
Glaube zu vertiefen und eine ‚vorbereitete Umgebung‘ zur Gewissenserforschung zu nutzen.
„Lasst euch mit Gott versöhnen!“ Gott bittet in Christus um meine Umkehr, meine Erneuerung,
mein geistliches Wachstum. Eine so geprägte Zeit motiviert zur Solidarität mit den
Notleidenden und verwandelt uns im Gehen und Ankommen vielleicht zu „Pilgern der
Hoffnung“. Denn wer zu einer Pilgerfahrt aufbricht, will, dass nicht alles beim Alten bleibt.
Die Begegnung mit dieser Stadt und ihren qualifizierten Stätten will mich ‚transformieren‘, will
‚etwas mit mir machen‘, will uns zu Stellvertretern und Fürbittern derer machen, denen das
Pilgern nichts mehr sagt und die ihre Glaubenshoffnung verloren haben. „Nur um der
Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.“ (Walter Benjamin)

Wie alles anfing
Am Abend des 24.12. 2024 wird Papst Franziskus mit der symbolischen Geste der Öffnung der
ersten Heiligen Pforte das Heilige Jahr eröffnen.
2025 ist das 27. ‚ordentliche‘ Heilige Jahr der Kirchengeschichte, seit vor 725 Jahren im Jahre
1300 Papst Bonifaz VIII. (1294-1303) Gespür für ‚Glaubens-Marketing‘ und ‚religiöse
Performance‘ bewies. Diese Jahrhundertwende, das Centenarjahr 1300, wurde als markante
Zeitmarke wahrgenommen. Die Bulle Bonifaz‘ (Antiquorum habet fidem“) datiert auf den
17.2.1300, erlassen beim Lateran, dem damaligen Wohnpalast der Päpste. Zwar gab es bereits
zuvor lokale Heilige Jahre (in Santiago de Compostela 1126, Bamberg 1189, Canterbury
anlässlich der Translatio von Thomas Becket 1220), doch ein solches Jubeljahr in Rom trug
von vornherein einen petrinischen Akzent und sollte zeugen vom wachsenden Ansehen des
Papstes als des Nachfolgers Petri und dem damals bereits anachronistischen Versuch einer nicht
unproblematischen, herrschlustigen Papst-Persönlichkeit, die geistig-politische
Vorrangstellung des Papsttums zur Geltung zu bringen. Der ‚Konkurrenzdruck‘ der drei
Hauptpilgerorte Jerusalem, Santiago de Compostela und Rom, zu denen die „peregrinationesmaiores“, die Hauptwallfahrten gingen, ist bei der Ausrufung der Heiligen Jahre
mitzuberücksichtigen. Im Umfeld der Jahrhundertwende verdichteten sich endzeitliche
Heilserwartungen. Ein ungeheures Bedürfnis nach Sühne, Buße und Umkehr lag in der Luft -
und eine große Hoffnung der Pilger auf Verzeihung, den „gran perdono“. Bonifaz setzte sich
zeitlich verzögert als Promotor an die Spitze der Massenbewegung und steigerte sein Ansehen
als Papst und verhalf Rom und v.a. den beiden Apostelbasiliken zu beträchtlichen Einkünften.
Um den Anspruch des Nachfolgers Petri auf die ganze Machtfülle hervorzuheben, wurde diese
Bulle „Antiquorum habet fida relatio“ von Bonifaz VIII. erneut am Fest der Cathedra Petri, dem
22.2.1300, promulgiert und das besondere Jubiläumsjahr ausgerufen. Das fromme Volk Gottes
drängte Bonifaz VIII. quasi zu diesem Aufruf und einer nachträglichen apostolischen
Bestätigung, denn viele Pilger strömten zur Jahrhundertwende in die Ewige Stadt und suchten
das „Jubiläum“, das religiöse Erlebnis; sie wollten das ‚wahre Abbild‘ Christi, also die ‚vera
icon‘, das Veronika-Schweißtuch sehen. Das anonyme Gerücht vom in Rom in diesem Jahr
gewährten Sündenablass lag in der Luft. Der Papst lenkte diese Erwartung in Bahnen und
gewährte unter bestimmten Bedingungen (reumütige Beichte, mehrfacher Besuch der beiden
Apostelgräber in ihren Basiliken: Römer dreißigmaliger Besuch; Auswertige aufgrund der
langen Anreise nur fünfzehnmaliges Aufsuchen der Apostelgräber) einen ‚vollkommenen
Ablass‘, einen Plenarablass ihrer (zeitlichen) Sündenstrafen. Bußerleichterungen,
Bußermäßigungen und Bußerlasse wurden zugesichert. Der Ausbau des Ablasswesens schritt
im 12. Jahrhundert voran; Kreuzzugsablässe wurden gewährt. Das Gerücht von einer solchen
in Rom 1300 zu gewinnenden Amnestie, der vermeintlich ‚billigen Gnade‘, der im Vorbeigehen
zu gewinnenden Vergebung der Sünden und dem Erlass der Sündenstrafen, quasi also von einer
Selbstabsolution, machte die Runde. Prominenter Pilger im Jahre 1300 war Italiens größter
Dichter Dante, damals 35 Jahre al, also in der ‚Mitte‘ seines Lebens stehend; er spielte in der
‚Vita nuovo‘ (Kap 41) und in der ‘Göttlichen Komödie‘ (Inferno 18,29) auf den „Anno del
Giubbileo“ an und ließ seinen fiktiven Gang durch die Unterwelt und das Fegefeuer zum
Paradies in der Osterwoche des Jubiläumsjahres 1300 beginnen. Sein Gegner war Papst Bonifaz
VIII, über dessen Geldgier und weltlichen Herrschaftsanspruch Dante das Verdammungsurteil
sprach (vgl. Paradiso 17,51 und 27,22ff). Dante machte keinen Hehl aus seiner Distanz zu den
fragwürdigen Begleiterscheinungen des Pilgerwesens und setzte einem ‚vulgären‘,
veräußerlichten Pilgergedanken sein Ideal gegenüber: Wahre Pilgerschaft ist der geistliche Weg
des Erdenbürgers zum himmlischen Jerusalem. Das mittelalterliche Sprichwort lautet: „Wer
viel pilgert, wird selten heilig.“ Der gewaltige ‚Concursus‘ der ‚Romei‘, der Rompilger,
forderte die Organisationskraft des Papstes heraus. Solche tiefe religiöse Erregung des nach
Rom strömenden Volkes musste in gewisse Bahnen gelenkt werden. Bonifaz VIII., der sich
damals auf dem Höhepunkt seiner Macht befand und kurz darauf im Konflikt mit der französischen Krone gedemütigt wurde, und seine Kurie waren also nicht die alleinigen
‚Erfinder‘ des Heiligen Jahres; eher geriet der Papst unter Zugzwang, reagierte und gab der
Massenbewegung nachträglich und rückwirkend seinen Segen. Es gelang ihm, die
Pilgermassen gezielt und etwas geordneter nach Rom zu lenken. Bei der Einführung dieses
besonderen ‚Jahres des Herrn‘ im Jahre 1300 verband sich die Tradition eines besonderen
gottgeweihten Jahres (Lev 25,10) mit dem Gedanken eines spirituellen ‚Erlassjahres‘, der
Streichung der Sündenschuld statt der Geldschuld; es ging um die Sündenvergebung, den
Ablass (indulgentia), den ‚Perdono‘. Das erste Jubeljahr war also quasi ein ‚Selbstläufer‘; auch
ohne offizielle Einladung kamen mehr oder weniger bußwillige Pilger zur Jahrhundertwende
in die Stadt, die damals vielerorts in Ruinen lag und zugleich vielen immer noch als der Nabel
der Welt galt. Die ‚Rom-Idee‘ war stark, jedoch der Weg nach Rom war für viele Pilger
lebensgefährlich, für manche eine Reise ohne Wiederkehr. Kein Weg war den Wallfahrern zu beschwerlich, um einen Jubiläumsablass zu ‚gewinnen‘, die in Rom in Aussicht gestellten
Benefizien zu empfangen und große geistliche Gnaden zu erlangen. Damals gab es noch keine
Heilige Pforte, noch nicht das ausdrucksstarke Ritual der Öffnung und der symbolischen
Durchschreitung eines „Tores der Gerechtigkeit“ (Ps.118,19).
Im rechten Seitenschiff der fünfschiffigen Lateranbasilika findet man das Fragment eines wohl
von Giotto gemalten Freskos; wir sehen eine Momentaufnahme, die Bonifaz VIII. zwischen
zwei Klerikern zeigt, von denen einer die Ausrufungsbulle des ersten Jubeljahres 1300 hält. Der
an seiner Mitra als Papst Identifizierbare spendet den Segen von der Loggia des Laterans aus.
Dieses Jahr der Jahrhundertwende war für den Papst nur ein „Augenblickserfolg“ (Arnold
Angenendt), für die Aufbesserung der päpstlichen Kassen hingegen erfolgreich und zur
Linderung der kirchlichen Finanznot hilfreich und ‚ertragreich‘; solch eine Innovation rief nach
Wiederholungen.
Ein Jubelfest ruft nach (bislang 27-maliger) Wiederholung
Geplant war zunächst, dieses Jubeljahr nur alle 100 Jahre stattfinden zu lassen. Eine römische
Gesandtschaft verlangte 1342 vom Papst, der damals in Avignon residierte, ein Heiliges Jahr
im Jahre 1350. Denn die Kurie als Auftraggeber fehlte 1350 in Rom. Clemens V. erlaubte dies
im Jahre 1343 mit der Bulle „Unigenitus“. Dieser in Südfrankreich residierende Papst kam also
den Römern entgegen und verkürzte den Zentenar-Rhythmus von 100 Jahren auf 50 Jahre
„wegen der Kürze des menschlichen Lebens“, passte sich also an das Zeitmaß des jüdischen
Jobeljahres an, auch unter Bezugnahme auf die Zahlenanalogie der 50 Tage der Erscheinungen
Jesu zwischen Ostern und Pfingsten. 1350 fand ein solches Jahr - bereits im Schatten einer
Pestepidemie - statt; damals war neben der hl. Birgitta von Schweden der Dichter Petrarca ein
prominenter Pilger. Verlangt wurde nun auch von den Pilgern, neben den Apostelbasiliken die
Laterankirche zu besuchen. In der Zeit des großen abendländischen Schismas entschied man
sich für 33 Jahre Abstand zwischen den Jubeljahren. Papst Urban VI. orientierte sich in seiner
Bulle „Salvator noster“ 1389 - auch wegen der Kürze des Menschenlebens - am Lebensalter
Jesu und fügte nun Santa Maria Maggiore als von den Pilgern zu besuchende Kirche hinzu.
1470/71 legten Papst Paul II und Papst Sixtus IV endgültig den 25 Jahre-Rhythmus fest. Nun
wurde die das Privilegium einer Gewinnung des Jubiläumsablasses im „annus remissionis“
auch den ablasssuchenden Christen gewährt, die nicht nach Rom kommen können. Diese
Ausdehnung und Übertragbarkeit des Jubelablasses geschahen wohl 1350 zunächst für die Bewohner von Mallorca. Ihnen wurde ein ‚Ersatz‘ für die ‚Romfahrt‘ ermöglicht, um den
Jubliläumsablass in ihren Heimatdiözesen zu erlangen. Ihnen wurde auferlegt, bestimmte, von
den Bischöfen dazu gewählte Kirchen in ihrer Heimat zu besuchen, zu fasten und eine
Geldspende zu entrichten, die sich an den Romreisekosten zu orientieren hatte und die teilweise
nach Rom für Bau- und Restaurierungsmaßnahmen an den Hauptkirchen abgeführt werden
musste. Sogenannte „ad-instar-jubilaei“-Ablässe wurden anlässlich vieler Heiliger Jahre
gewährt für die, die also quasi zu Hause eine „Pilgerfahrt im Geiste“ machen wollten. Stets galt
also beides: Der Papst teilt die Ablässe aus dem „thesaurus ecclesiae“, den Gnadenschatz, aus
und zugleich vermehrte er den pekuniären „Kirchenschatz“.
Heilige Jahre waren Ausdruck wachsender Petrusverehrung. Die Päpste luden ein und
appellierten alle Stände des „populus christianus“ zum Besuch „ad limina apostolorum“, zur
Bußwallfahrt, zum Pilgerweg an die Schwellen und Gräber der Apostel Petrus und Paulus, zur
andächtigen Betrachtung des ‚Schweißtuchs der Veronika‘ (vera icon, Volto Santo), der
Kreuzfragmente in Santa Croce und anderer nicht immer zugänglicher Reliquien, in späteren
Jahrhunderten zum betenden Besteigen der Heiligen Stiege, zum Besuch der Katakomben und
anderer wichtiger Kirchen Roms. Die Ewige Stadt wucherte mit ihren wie auf einer
Theaterbühne präsentierten Schönheiten und reizte mit dem ihr eigenen Genius loci. Da nur
Päpste Heilige Jahre ausrufen und Heilige Pforten eröffnen können, wurden diese Jubeljahre in
Zeiten einer Sedisvakanz erst nach einer erneuten Papstwahl im Februar eröffnet, so 1550 und
1775. Wegen der Tiber-Überschwemmung an St. Paul vor den Mauern wurde deshalb 1624 in
S. Maria in Trastevere eine Heilige Pforte geöffnet, ähnlich im Jahre 1700 und auch 1825 nach
der Zerstörung von St. Paul vor den Mauern durch einen verheerenden Brand im Jahre 1823.
Nur selten fielen Heilige Jahre aus. Dies geschah im Jahre 1800 in der napoleonischen Zeit
wegen des Todes des Papstes Pius VI. und der Verschleppung seines Nachfolgers nach
Frankreich, 1850 wegen der Errichtung der römischen Republik und der Flucht von Papst Pius
IX. aus Rom nach Gaeta im Königreich Neapel - und 1875, wegen der Annexion des
Kirchenstaates und dem angespannten Verhältnis des Vatikans zum jungen italienischen Staat.

Das alttestamentliche Jobeljahr als Modell
Das ‚fromme Begehren‘ des Volkes Gottes verlangte also nach einem solchen ‚gnadenreichen
Jahr‘ und hatte die alttestamentliche Tradition auf seiner Seite. Das Jobeljahr (die Vulgata
übersetzt annus iubilaeus) soll ein Jubeljahr sein. Mit einem „Jobel“, also dem Hall eines
Widderhorns, eines ‚Schofar‘ genannten Blasinstrumentes (Jos 6,5; Ex 19,13, eröffneten die
Juden nach 7 x 7 Jahren das 50. Jahr (Leviticus 25,8-55, v.a. V.10; 27,16-25). Das 50. Jahr, das
Erlassjahr (schenat ha-jobel) sollte für das Volk Israel das ‚Freijahr‘ eines neuen Anfangs, der
Wiederherstellung gerechter Besitzverhältnisse, der Rückerstattung von veräußertem Besitzes,
der Freilassung der jüdischen Sklaven, der Erholung des bewirtschafteten Erdbodens sein. Es
ging um die die erneute Schaffung gottgewollter gerechter Verhältnisse, um Schuldentilgung
und vor allem um das Bekenntnis, dass Gott der Herr der Welt und der Eigentümer des Landes
ist. Dieses Jahr trug nach jüdischem Verständnis einen sozialen und theozentrischen Akzent:
Nach 50 Jahren soll alles wieder in die Ursprungssituation zurückkehren. Papst Franziskus
greift diesen Gedanken auf, wenn er am 26.12.2024 eine fünfte Heilige Pforte im römischen
Gefängnis Rebibbia eröffnen wird: „Ich bin gekommen, den Gefangenen die Entlassung zu
verkünden und den Gefesselten die Befreiung“ “ (Jes 61,1). Wir wissen nicht, ob und welche
realen Folgen dieser Appell der Streichung von Geldschulden im jüdischen Alltagsleben hatte.
Unser Wort ‚Jubiläum“ leitet sich ab von diesem Wort ‚Jobel‘, dem Schall des Widderhorns
der Juden zur Ankündigung dieser Freudenzeit; jubilus und jubilare flossen zusammen es
verbindet sich mit dem Freudenjubel, dem „Jauchzen“ (Luther), dem „Juhu“ (iubilium) des
freudig erregten Volkes.
Heilige Jahre -Antwort auf die Sehnsucht nach „Perdono“, nach Vergebung
Nicht erst seit 1300 wurde die Romfahrt für Pilger attraktiv. Der Dreiklang Wallfahrt-Buße-
Ablass, die Sorge um das persönliche Seelenheil und das Streben, das Heilige zu sehen und zu
ertasten, machte dem Glauben des mittelalterlichen Menschen Beine. Da nicht jeder Christ
Kreuzritter werden konnte und die Heilige Stadt Jerusalem durch den Sarazenen-Einfall für
Wallfahrer fast unerreichbar wurde, rückte die Stadt der Apostel als ‚heilige Stadt‘ auf. Das
‚Ersatzziel‘ wurde zum Sehnsuchtsziel der Pilger. Der durchaus sozialkritische Hintergrund des
jüdischen Jobeljahres wurde in der Gestalt des Heiligen Jahres eher vergeistigt. Ein Magnet für
Wallfahrer war der bei Heiligen Jahren in Aussicht gestellte Sündenablass, der damals dieHauptattraktion‘ war und viele um ihr Seelenheil besorgte Pilger und Büßer anlockte. Die
Erwartungshaltung vieler weitgereister Wallfahrer war hoch, die Kunde von der in Rom
lockenden fassbaren „nahen Gnade“ (Berndt Hamm) machte Menschen mobil. Die Fernpilger
eilten mit sog. Indulgenzlisten durch die Stadt und bemühten sich, an den heiligen Stätten ihr
Tagespensum zu schaffen und Ablässe zu erwerben. Bereits Bonifaz VII. machte differenzierte
Vorgaben: Den Römern verlangten die Päpste einen dreißigmaligen Besuch der Apostelgräber
ab. Auswärtige Pilger diesseits der Alpen blieben etwa 15 Tage in Rom und pendelten zwischen
dem Petrus- und Paulusgrab hin und her. In manchen Heiligen Jahren wurde von Pilgern von
jenseits der Alpen ‚nur‘ ein achtmaliger Besuch der Gräber Petri und Pauli erwartet. Für viele
Fernpilger war diese Romfahrt ein riskantes und oft lebensgefährliches Abenteuer. Diebe und
Verbrecher trieben sich auf den Straßen Roms herum; die Versorgungslage in der überfüllten
Stadt war oft prekär. Auch Prominente statteten der Stadt in Jubeljahren Besuche ab und
verrichteten ihre Andachtsübungen. Die Stadt waren überfüllt, Krankheiten breiteten sich aus.
Oft waren es Bruderschaften (v.a. die Erzbruderschaft der Hl. Dreifaltigkeit), die sich um die
Lebensmittelversorgung, Unterbringung und die Krankenpflege der Pilger in den Hospizen
kümmerten. Das Gedränge im Gassengewirr von Rom, das um 1300 kaum 30 000 Einwohner
zählte, muss gewaltig und an Verkehrsengpässen wie der Aeliusbrücke (Hadriansbrücke), also
der späteren Engelsbrücke, oder bei den Massenaufläufen vor den Heiligtümern
lebensgefährlich gewesen sein. Dante war wohl Augenzeuge dieses ersten Heiligen Jahres und
erzählte vom lebensgefährlichen Gedränge auf dieser Tiberbrücke (Inferno 18,25. 28ff); im
Jahre 1450 kam es auf dieser engen Tiberbrücke im Menschengedränge zu einer Katastrophe;
über 130 Pilger wurden dabei getötet.
Rom versetzte Menschen in geistliche Unruhe und lockte in Heiligen Jahren mit einer
außergewöhnlichen ‚spirituellen Vergünstigung‘, dem „Perdono“, mit Indulgenzen. Immer
ging es jedoch auch um Handfestes. Ein Heiliges Jahr hatte stets auch (besonders 1450) eine
ökonomische Auswirkung auf die Stadt, war ein gewaltiger Beitrag zur Wirtschaftsförderung,
kurbelte die dortige Konjunktur an und wurde im späten Mittelalter zum Anlass genommen,
die teilweise unwürdigen ruinösen Zustände in dieser Stadt zu beseitigen. Heilige Jahre gaben
den Päpsten immer Gelegenheit, ihren eigenen Machtanspruch und das Bild einer
‚triumphierenden Kirche‘ in Architektur und Zeremonien und unter dem Einsatz suggestiver
und affektiver Zeichen zu repräsentieren. Unter Sixtus V. wurde 1475 die Ponte Sisto gebaut,
es wurden schnurgerade Straßen durch die Altstadt nach St. Peter hin geschlagen und ein
ausgeklügeltes Straßennetz geschaffen zur Bewältigung der Pilgerströme. Alexander VI. ließ
die ‚Via Alessandrina‘ zwischen Engelsburg und dem Vatikan bauen, den heutigen „Borgo
nuovo“. Unter Papst Gregor XIII wurde 1573 für das Heilige Jahr 1575 die Via Merulana
zwischen Santa Maria Maggiore und dem Lateran gebaut. Baufällige Basiliken wurden
restauriert. Anlässlich des Heiligen Jahres 1750 wurde die ‚Spanische Treppe‘ gebaut. Im Blick
auf das Heilige Jahr 2025 gab es ein spektakuläres Tunnelprojekt am Ende der Via della
Conciliazione (die wiederum erst zum Heiligen Jahr 1950 vollendet war) an der Piazza Pia, um
den Autoverkehr durch diesen Tunnel zu leiten und den Pilgern eine verkehrsberuhigte Zone
auf ihrem Weg von der Engelsburg zum Petersplatz zu bieten.
Außerordentliche Heilige Jahre
Papst Pius IX. 1933 und Papst Johannes Paul II. 1983 haben bereits „außerordentliche“ Heilige
Jahre ausgerufen, die an die 1900. und 1950. Wiederkehr des ‚Jahres der Erlösung‘ erinnerten.
Zugleich geriet das Heilige Jahr (vom 2. April 1933 bis zum 1. April 1934) nach den ‚Lateranverträgen‘ von 1929 zu einer Art Versöhnungsfeier zwischen dem Vatikan und der
faschistischen Regierung Italiens. Papst Franziskus hatte 2016 ein „außerordentliches Heiliges
Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen. Anders als 2025 erlaubte er 2016 den Bischöfen der
Weltkirche, in ihren Diözesen eigene Heilige Pforten in überregional bedeutsamen Kirchen zu
bestimmen.
Die Öffnung Heiliger Pforten als eine suggestive Geste
Die erste heilige Pforte (Porta santa) wird Papst Franziskus zur Zeit der Vesper am Heiligen
Abend, dem 24.12.2024, im Petersdom in Rom öffnen. Nach römischem Denken begann das
neue Jahr am Weihnachtsfest. Ausgerechnet der berüchtigte Borgiapapst Alexander VI. hat
diesen Ritus der ‚Apertura della Porta‘ vor der Feier der ersten Vesper zur Weihnacht 1499 an
St. Peter zur Eröffnung des 8. Heiligen Jahres eingeführt. Er wählte diese Zeremonie auch als
sinnenträchtiges Zeichen für die päpstliche Schlüsselgewalt (vgl. Jes 22,22). Er öffnete die
‚goldene Pforte‘ (Porta aurea), die durch eine Mauer verschlossen war. Man berief sich auf eine
mündliche Überlieferung, die von der Tradition einer alle hundert Jahre vorgenommenen
Zeremonie der Pfortenöffnung sprach. Der fromme Einsatz dieses Borgiapapstes für das von
ihm städtebaulich durchdachte und zugleich ‚erlebnisorientierte‘ Heilige Jahr und die darin
angebotenen Reliquienschauen ist bemerkenswert, zumal sein skandalträchtiges Pontifikat von
Mythen umgeben ist. Bei der Schließung der Heiligen Pforte (Epiphanie 1501) fehlte der Papst
allerdings. Bis heute wird die Liturgie der Eröffnung eines Hl. Jahres von den im Jahre 1500
allererst gewählten Ritualen und den drei zeremoniellen Hammerschlägen geprägt. Inspiriert
wurde die päpstliche Innovation der rituellen Öffnung vierer Heiliger Pforten durch seinen
Kämmerer und Zeremonienmeister Johann Burckardus (1450-1506) aus Straßburg (italienisch
Argentinen), dessen tagebuchartigen Aufzeichnungen wir viele Details verdanken und der
vielleicht dem Papst auch die Anregung gab, die ‚Goldene Pforte‘ - umrahmt von
Antiphonenversen, Psalmengesang (Ps 118,19f; Ps 51) und einem päpstlichen Gebet - zu
öffnen. Bis heute erhalten ist das Wohnhaus des Zeremonienmeisters, der „Palazzetto del
Burcardo“ mit der „Torre Argentina“ nahe des nach diesem elsässischen Liturgen benannten
‚Largo Argentina‘ in Roms Innenstadt in der Via del Sudario 44. Papst Alexander VI. schlug
noch mit einem einfachen Maurerhammer die Türvermauerung ein. Seit 1524 ist dieser
Hammer golden, später silbern. Wie Mose in der Wüste mit seinem Stab auf den Felsen schlägt
und ihm Wasser für das durstige Volk Israel entlockt (Ex 17,6, Num 20.11), so ermöglicht der
Papst durch die Öffnung der Heiligen Pforte mit der Hammerpicke dem neuen Volk Gottes
einen „außerordentlichen“ Weg der Erlösung (vgl. Ps 78,15f). Der Borgiapapst zog mit dieser
Zeichenhandlung die Grabeskirche des hl. Petrus der ‚Porta aurea‘ am Lateran vor. 2024 wurde
am 9. November das Fest der Weihe der von Kaiser Konstantin dem Papst geschenkten
Salvatorbasilika vor 1700 Jahren gefeiert. In der Lateranbasilika muss es wohl bereits beim
nächsten Mal 1350 (oder 1390?) eine Heilige Pforte, eine ‚Goldene Pforte‘ gegeben haben, da
in einem Dokument aus dem Jahre 1400 von der Öffnung der Pforte der Lateranbasilika die
Rede ist. Nach der Beschreibung eines gewissen Giovanni Ruccellai aus Viterbo aus dem Jahre
1450 habe Papst Martin V. 1423 zum ersten Mal in der Geschichte des Jubeljahres die Heilige
Pforte geöffnet. Die auch S. Giovanni in Laterano genannte „Haupt- und Mutterkirche“ aller
Kirchen Roms und der Welt konnte nach dem Aufenthalt der Päpste in Avignon und dem
Wohnortwechsel der Päpste hin zum Vatikanhügel ihre frühere Stellung nicht mehr
wiedergewinnen. Im Jahre 1500 stand an der Hl. Pforte an St. Peter eine berüchtigte
Spendentruhe aus Eichenholz, in die hinein die Pilger ihre Ablassspende, ihren ‚obolus‘ vor
allem für den Neubau von St. Peter und auch zur Finanzierung des ‚Türkenkreuzzuges‘
einwerfen konnten; der Eindruck konnte entstehen, der Pilger könne sich mit diesem sehr
‚gegenständlichen‘ Opfer den Jubiläumsablass kaufen und ‚Eintritt zahlen‘ in das Heiligtum.
In Erinnerung kommt der Spottvers: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem
Fegfeuer springt.“ 17 Jahre nach diesem Hl. Jahr kam es zum Thesenanschlag Luthers in
Wittenberg. Er kämpfte in seinen Tischreden gegen die Gewinnsucht der Päpste. Im folgenden
Hl. Jahr 1525, das aufgrund der durch die beginnende Reformation ein Krisenjahr war und nur
wenige Pilger anzog, war diese fragwürdige ‚Spendenbox‘, auch angesichts der vom
‚Ablassskandal‘ losgelösten Reformationsereignisse im fernen Deutschland, verschwunden.
1557 kam es zu tumultartigen Situationen beim Öffnen der Hl. Pforte an St. Peter durch Papst
Gregor XIII.; der Hammer zerbrach beim Schlagen auf die Ziegel-Blendwand; jeder ‚fromme‘
Schaulustige wollte nicht nur Trümmerreste der Mauer, sondern auch Geldmünzen und
Medaillen ergattern, die bei den Schlussfeierlichkeiten des Hl. Jahres 25 Jahre zuvor in die
Mauer verbaut worden waren. Die Herausgabe von Gedenkmünzen und Medaillen gehörte bald
zur Tradition Heiliger Jahre.
Seit 1500 also gibt es dieses Türritual, ohne dass wir uns das Hl. Jahr nicht mehr vorstellen
können. Der Papst vollzieht einen dreifachen Hammerschlag und spricht: „Aperite mihi portas
iustitiae“. „Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit. Eintreten will ich in Dein Haus, o Herr.
Öffnet die Tore, denn Gott ist mit mir.“ Dann öffnet sich die linke Seiteneingangstür von St.
Peter (also nahe der 1499 noch in der alten Basilika aufgestellten Pietà des Michelangelo) bzw.
wird zurückgerollt. Die jetzige hl. Pforte im Petersdom hat vom Bistum Basel 1950 gestiftete Bronzeflügel – eine Reverenz an Papst Pius XII. und ein Dank dafür, dass die Schweiz im Krieg
verschont wurde. Am linken, offenstehenden Türflügel ist dem Pilger in Augenhöhe die
Berührung des Kreuzes möglich. Am Stephanustag, dem 26.12.2024, wird der Papst ‚außer der
Reihe‘ eine weitere Heilige Pforte im römischen Gefängnis Rebibbia öffnen. Die Öffnung
dreier weiterer heiliger Pforten durch den Papst (in manchen Jahren auch durch
Kardinallegaten) in den Patriarchalbasiliken werden folgen, am 29.12.2024 in der
Lateranbasilika, am 1.1.2025, dem Oktavtag von Weihnachten, in der römischen
‚Weihnachtskirche‘ Santa Maria Maggiore und am 5.1.2025 in Sankt Paul vor den Mauern. Der
Januar trägt den Namen des römischen Gottes Ianus, des Gottes der Ein- und Ausgänge (lat.
ianua = die Tür). Im Lateran ist die Hl. Pforte eine unter Papst Johannes Paul II. im Jahre 2000
vom Bildhauer Floriano Bodini geschaffene Tür. Auch die Tradition mit der Öffnung von vier
Heiligen Pforten hat der Borgiapapst im Jahre 1500 begründet. Bemerkenswert ist, dass die
„heiligen Pforten“ nie die Hauptportale der Basilika sind, sondern jeweils eine Nebenpforte. So
prächtig diese Pforten auch sind, sie erinnern an den Ernst, bestimmte Schwellen zu
überschreiten und Türen zu passieren. Das Durchschreiten der Heiligen Pforte ist ein sichtbares
Zeichen für den kühnen Entschluss eines Menschen, neue Wege zu beschreiten und neue
Anfänge zu wagen. Es gab im Mittelalter das Verbot für ‚öffentliche‘ Sünder, ohne öffentliche
Buße durch Kirchentüren hindurch in das Kircheninnere zu gehen. Wer also diesen Schritt wagt
und eintritt, setzt ein äußeres Zeichen für eine innere Wandlungsbereitschaft. Ich möchte ein
neues Leben beginnen und bekräftige diese Bereitschaft zur inneren Reinigung durch eine
expressive Geste, durch den Eintritt in das Heiligtum durch dieses symbolträchtige „Tor zur
Erlösung“.
Macht hoch die Tür! Machet die Türen weit! Auch außerhalb der Heiligen Jahre werden die
Heiligen Pforten von den Gläubigen wie Berührungsreliquien verehrt; manche Teile der Türen
sind blank abgegriffen. Die Hl. Pforte erinnert an die „enge Tür“ (Lk 13,24f; Mt 7,13f), an die
Möglichkeit, endgültig vor eine verschlossene Tür zu geraten (Mt 25,10). Die Heilige Pforte ist
ein Gleichnis für die geöffnete Himmelstür (Offb 3,8 und 4,1, vgl. Ez 43,1-4). Diese einladende
Öffnung ist ein Hoffnungszeichen in dieser krisenhaften Welt; sie erinnert an die
„Himmelspforte“, die Jakob am Ende der Himmelsleiter gesehen hat (Gen 28,17). Das Hl. Jahr
2025 ist auch ein Bekenntnis zum Sohn Gottes, „wesensgleich dem Vater“. Jesus Christus ist
die Tür (Joh 10,7.9). „Wenn er öffnet, wird niemand schließen, wenn er schließt, wird niemand
öffnen“ (Jes 22,22, vgl. Offb 3,7). Die Heiligen Pforten stehen ein Jahr lang offen, bis der Papst
am 6. Januar 2026 die letzte Heilige Pforte an St. Paul vor den Mauern wieder verschließen
wird. Er wird die Türen verschließen, nicht vermauern (lassen); das Vermauern geschah zum
letzten Mal 1950; seit 1975 (Papst Paul VI.) wird sie nur verschlossen werden.
Das Heilige Jahr in Rom wird ein Großereignis praktizierter Frömmigkeit, aber auch eine
logistische Herausforderung werden. Ähnlich wie vor Olympischen Spielen, löst ein Heiliges
Jahr einen Bauboom und eine Welle von Restaurierungen aus. Es geht nicht nur um die
Reinigung des Innenlebens der Pilger, sondern auch um die Reinigung und Verschönerung der
Ewigen Stadt. Zahlreiche Baustellen seit dem Herbst 2023 in Rom zeigen, wie sehr sich dieses
Pilgerziel für 2025 herausputzt. Heilige Jahre sind religiöse und kulturelle Erlebnisse.
Geschätzte 33-45 Millionen Pilger werden in dieser faszinierenden Stadt erwartet.
Das Jahresfest ist ein „Jahr des Verzeihens“ und will unsere Freude über die Vergebung, die
Freude der Umkehr und die Sensibilität für unsere eigene Gefährdung wecken. Pilgernd werden
wir bereit, Schuld zuzugeben, die auch im Namen der Kirche geschah, und den neuen Anfang
zu wagen. Innerhalb des Heiligen Jahres wird der Papst es sich nicht nehmen lassen, durch
gezielte Heiligsprechungen Zeichen zu setzen. Oft waren Heilige Jahre vergangener
Jahrhunderte von Heiligen oder von Heiligsprechungen geprägt. Die hl. Birgitta von Schweden
und ihre heilige Tochter Katharina waren beim Heiligen Jahr 1350 dabei. Der hl. Karl
Borromäus und der hl. Philipp Neri prägten das Heilige Jahr 1575 mit. Damals gingen große,
von Laienbruderschaften geleitete Pilgerzüge durch Rom. Die Pilgerprozessionen wurden
inspiriert vom hl. Philipp Neri, der die Trinitatisbruderschaft ins Leben rief und auch die
‚Sieben-Kirchen-Wallfahrt‘ anregte, wodurch S. Lorenzo furi le mura, Santa Croce in
Gerusalemme und S. Sebastiano fuori le mura als Hauptpilgerziele zu den vier
Patriarchalbasiliken hinzukamen. 1675 wurden Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz
heiliggesprochen, 1925 Thèrese von Lisieux und der hl. Pfarrer von Ars, 1933 Don Bosco und
1950 Vinzenz Pallotti. Im April 2025 wird u.a. der junge, in Italien hochverehrte und in Assisi
beigesetzte Carlo Acutis (1991-2006) als „Patron der digitalen Welt“ und „Influencer Gottes“
heiliggesprochen werden.
Heilige Jahre wurden immer auch zum Anlass für Neuerungen genommen: 1750 die
Kreuzwegandacht und die Aufrichtung von Kreuzwegstationen im Kolosseum (1870 entfernt),
1925 die Einführung des Christkönigsfestes, 1950 die Verkündigung des Dogmas von der
Leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel.
Geistliche Aspekte des Heiligen Jahres und der Durchschreitung Heiliger Pforten
Eine Pilgerfahrt nach Rom in diesem Heiligen Jahr, das bewusste Durchschreiten der
besonderen Pforten, das Gehen auf uralten Pilgerwegen und das „Wallen“ hin zu den Gräbern
der Heiligen in dieser wunderbaren Erinnerungslandschaft des Glaubens ist Glaube zum
Anfassen, ist ein schönes ‚rituelles Spiel‘, eine geistliche Erneuerungsbewegung, kein
triumphalistisches Event, keine bloße Massenkundgebung, keine veräußerlichte
Leistungsfrömmigkeit. Angesichts der vielen Pilger wird die Frömmigkeit auch eine
Geduldsübung in Warteschlangen vor den Heiligen Pforten werden. Als „Pilger der Hoffnung“ werden die Wallfahrer „die Schwelle der Hoffnung überschreiten“ (so der Titel eines Buches
von Papst Johannes Paul II, 1994).
Die „Heilige Pforte“ zu überschreiten, ist als Teil der Abenteuerreise einer Pilgerfahrt eine
Mutprobe. Franz Kafka, der mit seiner Gleichnis „Vor dem Gesetz“ die vielleicht wichtigste
Tür-Parabel des 20. Jahrhunderts verfasst hat, hat diesen Moment des Zögerns und der
Mutprobe der Überschreitung einer Türschwelle in seiner Kurzgeschichte „Heimkehr“ auf
einzigartige Weise formuliert. für einen ‚‘verlorenen Sohn‘, der nach vielen Jahren
zurückkehren will in sein Elternhaus: „Ich wage nicht, an der Küchentür zu klopfen. Nur von
der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher
überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen
leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht zu hören, herüber aus den Kindertagen.
Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren
… Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jemand die
Tür öffnete und mich fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren
will.“ (Franz Kafka, Sämtliche Erzählungen, Frankfurt 1970, S.321). Die Türschwelle
symbolisiert „Schwellensituationen“, auf der wir abwartend verharren und über die wir nach
einer wichtigen Entscheidung oder an einem dichten Drehpunkt unseres Lebens in neue und
unbekannte Welten eintreten. Es gehört Mut und Entschlusskraft, den Willen zum Neubeginn
und Sehnsucht dazu, aus sich herauszugehen, diesen Übergang zu wagen und in das Innere des
Heiligtums einzutreten.
Im Heiligen Jahr wird ein Zeitraum eingeräumt, um vielleicht geistliches Neuland zu betreten.
In der römischen Sakraltopographie wird eine eher gewöhnliche Pforte zum
außergewöhnlichen und herausfordernden Ort, der uns Pilger vor Gott verortet. Die Pforten
sind insofern heilig, als sie den Zugang eröffnen zu dem, der allein heilig ist, zum ‚winzigen
Jesus‘, der in seinem Leib die ‚enge Tür‘ ins Gottesgeheimnis ist.
Zudem begeht die Kirche 2025 das 1700-Jahre-Jubiläum des Konzils von Nizäa (heute das
türkische Iznik) im Jahre 325. Hier wird im Dogma bekräftigt, was in Rom gefeiert wird:
Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch ist „die Tür“ zum Heil. In ihm erfüllt sich die Zusage
Gottes: „Ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr schließen kann.“ (Offb 3,7).
Voraussichtlich 2033 wird es erneut ein „außerordentliches“ Heiliges Jahr geben, 2000 Jahre
nach dem Erlösungsereignis von Tod und Auferweckung des Herrn.
In unserer kalten und kriegerischen Welt voller diffuser Zukunftsängste und Hoffnungsarmut
wollen wir „Pilger der Hoffnung“ sein Hoffnungswege gehen und an Hoffnungstüren klopfen.
Hoffnung ist fragil, sie bedarf des Schutzes, der Stütze durch andere Hoffende, auch Hoffnung
auf Verzeihung. Wir werden Boten geteilter und weitergegebener Hoffnung sein und uns den
Frieden und die Vergebung Gottes schenken lassen. Jedes Jahr, das der Herr uns schenkt, kann
ein Jahr der Gnade sein. Dieses Zeitfenster kann zu einem ‚Jahr der Versöhnung‘ und der
geistlichen Vertiefung werden. Für viele Zeitgenossen ist die uns von Christus in der Taufe
geöffnete Tür zur Kirche zugefallen, der Zugang zur Gemeinde zugeschlossen. Auch das bis
heute mit der Tradition des Heiligen Jahres eng zusammenhängende Ablasswesen ist schwer
zu vermitteln. Manche verharren unentschlossen auf der Schwelle. Der weihnachtliche Glaube („Heut‘ schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis“ (GL 247,4)), dieses vom
Evangelisten Lukas besonders hervorgehobene „Heute“ des Heils, soll ein ganzes Jahr
zeichenhaft in den suggestiven Zeichen der geöffneten Türen spürbar bleiben.
Viele Wege führen nach Rom und von Rom weg, doch es stimmt auch, was Papst Benedikt
XVI. sagte: „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt“.
Kurt Josef Wecker


Viele Wege führen nach Rom und von Rom weg, doch es stimmt auch, was Papst Benedikt
XVI. sagte: „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt“.
Kurt Josef Wecker
Literatur:
Arnold Angenendt, Geschichte der Religiosität im Mittelalter, Darmstadt 1997.
Ders. / Thomas Lentes, Gezählte Frömmigkeit, in: Frühmittelalterliche Studien 29(1995), S.
1-71.
Clemens Bombeck, Auch sie haben Rom geprägt, An den Gräbern der Heiligen und Seligen in
der Ewigen Stadt, Regensburg 2004
Enno Bünz, Das Jahr 1300. Papst Bonifaz VIII, die Christenheit und das erste Jubeljahr, in:
Ders., (Hg.), Der Tag X in der Geschichte, Stuttgart 1997, S. 50-77.
Arnold Esch, Bonifaz IX. und der Kirchenstaat, Tübingen 1969, v.a. S. 336ff.
Ders. Im Heiligen Jahr am römischen Zoll. Importe nach Rom um 1475, in: Helmrath, Johannes
u.a. (Hg.), Studien zum 15. Jahrhundert, FS Erich Meuthen II, München 1994, S. 869-902.
Gloria Fossi, La Storia dei giubilei, 4 Bände, Roma 1997-2000.
Francesco Gioia, Pilger in Rom. Ein spiritueller Kunstführer, Regensburg 2. Aufl. 2002.
Ferdinand Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, Darmstadt 1978
Michael Hesemann, Rom im Heiligen Jahr, Illertissen 2024.
Josef Imbach, Rom ohne Heiligenschein. Geschichten der Ewigen Stadt, Mannheim 2010,
S.206-218.
Paul Imhof, Das Heilige Jahr. Aus dem Kirchenschatz einen Ablass gewinnen, in Geist und
Leben 56 (1983) S.401-405.
Eva-Maria Jung-Inglessis, Romfahrt durch zwei Jahrtausende in Wort und Bild, Bozen 4. Aufl.
1985.
Dies., Das Heilige Jahr in der Geschichte, Bozen 1974.
Franz Xaver Kraus, Das Anno Santo 1900, Essays, II, Berlin 1901, 219-336.
Herbert Krüger, Das Heilige Jahr 1500 und Erhard Etzlaubs Romweg-Karte, in: Erdkunde

Viele Wege führen nach Rom und von Rom weg, doch es stimmt auch, was Papst Benedikt
XVI. sagte: „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt“.
Kurt Josef Wecker
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Ders. / Thomas Lentes, Gezählte Frömmigkeit, in: Frühmittelalterliche Studien 29(1995), S.
1-71.
Clemens Bombeck, Auch sie haben Rom geprägt, An den Gräbern der Heiligen und Seligen in
der Ewigen Stadt, Regensburg 2004
Enno Bünz, Das Jahr 1300. Papst Bonifaz VIII, die Christenheit und das erste Jubeljahr, in:
Ders., (Hg.), Der Tag X in der Geschichte, Stuttgart 1997, S. 50-77.
Arnold Esch, Bonifaz IX. und der Kirchenstaat, Tübingen 1969, v.a. S. 336ff.
Ders. Im Heiligen Jahr am römischen Zoll. Importe nach Rom um 1475, in: Helmrath, Johannes
u.a. (Hg.), Studien zum 15. Jahrhundert, FS Erich Meuthen II, München 1994, S. 869-902.
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Francesco Gioia, Pilger in Rom. Ein spiritueller Kunstführer, Regensburg 2. Aufl. 2002.
Ferdinand Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, Darmstadt 1978
Michael Hesemann, Rom im Heiligen Jahr, Illertissen 2024.
Josef Imbach, Rom ohne Heiligenschein. Geschichten der Ewigen Stadt, Mannheim 2010,
S.206-218.
Paul Imhof, Das Heilige Jahr. Aus dem Kirchenschatz einen Ablass gewinnen, in Geist und
Leben 56 (1983) S.401-405.
Eva-Maria Jung-Inglessis, Romfahrt durch zwei Jahrtausende in Wort und Bild, Bozen 4. Aufl.
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Franz Xaver Kraus, Das Anno Santo 1900, Essays, II, Berlin 1901, 219-336.
Herbert Krüger, Das Heilige Jahr 1500 und Erhard Etzlaubs Romweg-Karte, in: Erdkunde
4(1950), S, 137-140.
Jügren Miethke, Das ‚Jubeljahr‘ Bonifaz VIII.: päpstlicher Anspruch auf Weltgeltung in:
Lothar Gall (Hg.), Das Jahrtausend im Spiegel der Jahrtausendwenden, Berlin 1999, S. 137-
175.
Ulrich Nersinger, „Das ist das Tor zum Herrn“. Heilige Pforten – Zugänge zu Gott, in:
Vatikanmagazin Dezember 2024, S. 22-28.
Desmond O’Grady, Alle Jubeljahre. Die ‚Heiligen Jahre‘ in Rom von 1300 bis 2000, Freiburg
1999.
Ludwig von Pastor, Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittealters (1417-1799) 16
Bände in 22 Teilbänden, Freiburg 1886-1933 (Neuauflage Freiburg 1955-1961).
Nikolaus Paulus, Geschichte des Ablasses im Mittelalter. 3 Bände. Mit einer Einleitung und
einer Bibliographie von Thomas Lentes, (nach der ersten 1922 erschienenen Ausgabe)
Darmstadt 2000.
Ders., Zur Geschichte der Jubiläums vom Jahre 1500, in: Zeitschrift für katholische Theologie
24 (1900), S. 173-180.
Jürgen Petersohn, Jubiläumsfrömmigkeit vor dem Jubelablaß. Reliquientranslation und
‚remissio‘ in Bamberg (1189) und Canterbury (1220) in: Deutsches Archiv zur Erforschung des
Mittelalters 45(1989) S. 32-53.
Paul Gerhard Schmidt, Das römische Jubeljahr 1300 (=Sitzungsberichte der
Wissenschaftlichen Gesellschaft an der Johann-Wolfgang-Gothe-Universität Frankfurt 38,4)
Stuttgart 2000.
Ludwig Schmugge, 1413 – Das vergessene Heilige Jahr, in: Hagen Keller (Hg.), Italia et
Germania, Festschrift für Arnold Esch, Tübingen 2001, S. 191-198.
Antonio Serrano, Die Heiligen Jahre, Dachau 1999.
Heribert Smolinsky, Jubeljahr II in TRE Bd 17, Berlin 1988, S. 282-285.
Carl Stange, Der Jubelablaß Bonifaz‘ VIII. in Dantes Commedia, in: Zeitschrift für
Kirchengeschichte 63 (1950/51), S. 145-165.
Nikolaus Staubach, Romfahrt oder Selbsterfahrung? Der Jubiläumsablass im Licht
konkurrierender Kirchen- und Frömmigkeitskonzepte, in Ders., Rom und das Reich vor der
Reformation, Frankfurt 2005, S. 251-270.
Johann Vincke, Der Jubiläumsablass von 1350 auf Mallorca, in: Römische Quartalschrift
41(1933), S. 301-306.
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Volkstum in Geschichte und Leben, Düsseldorf 1934, S. 243-257.
Ders., Zum Jubiläumsablass des Jahres 1350, in: Römische Quartalschrift 49 (1954), S. 251-
255.
Anton de Waal, Das heilige Jahr in Rom, Münster 1900.
Andrea Weinmann, Sola fides salvat rusticum – Das Heilige Jahr 1500 aus der Sicht des
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das Reich vor der Reformation, Frankfurt 2004, S.237-249.
Josef Wicki, Das Heilige Jahr 1575 in den zeitgenössischen Berichten der Jesuiten: Archivum
historiae pontificiae 13(1975) S. 283-310.
Kurt Josef Wecker



Ihr seid das Licht der Welt –
Martin von Tours – eine Lichtgestalt des Glaubens
Betrachtung von Kurt Josef Wecker, Pfr.

Martin hatte vor 1708 Jahren Geburtstag, er starb vor 1627 Jahren. 81 Jahre wurde er alt, sehr alt für seine Zeit. So lange ist das her! So fern ist er und doch so nahe! Damals brachte Martinus Licht in diese Welt.
Hergarten und Abenden haben ihn als Pfarrpatron, in unseren Gemeinden wird er in   Martinszügen geehrt (seltsamerweise nicht in Frankreich, wo er doch beheimatet ist). Im Mai bin ich mit einigen Gemeindegliedern nach Tours an der Loire gepilgert; wir haben das Grab dieses Bischofs in der Krypta seiner Kirche besucht, dort die Messe gefeiert und „Sankt Martin, Sankt Martin …“ gesungen.
Zu den Patrozinien in Abenden am Vorabend (10.11. um 18.00 Uhr) und am Montag 11.11., also dem eigentlichen Martinstag, um 18.00 Uhr in Hergarten, lade ich herzlich ein.
In Nideggen ist am 10.11. um 9.30h ein Kinder- und Familiengottesdienst zum Martinstag.
Vor den Martinszügen in Vlatten (7.11. 17.30h), auch in Berg (8.11. 18:00h) oder Schmidt (11.11. 17:45h) sind zuvor kleine Wortgottesdienste zur Einstimmung geplant.
Das Motto der nächstjährigen Erstkommunion „Ihr seid das Licht der Welt!“ erinnert an die leuchtenden Laternen am Martinstag, die unsere Kinder als „Kinder des Lichtes“ basteln und damit dem hl. Martin hinterherlaufen. Alles für einen fernnahen Heiligen! Manchmal stocke ich: Ist das, was wir über ihn erzählen, nur ein schönes Wintermärchen, bloß eine schöne heilige Szene, von Kindern aufgeführt, nur das Sinnbild für ein gutes Werk, die Illustration des Jesusgebotes, Nackte zu bekleiden? Ist Martinus nur eine schöne Lichtgestalt im sinkenden Jahr, ein liebenswürdiger Vorbote des Advents, der folgenlos durch das Kirchenjahr wandert und abwandert...?
So ein Getöse, so viel „Jedöns“ um ein geteiltes Textil? Die folgenreiche Kleiderspende für einen Bettler im nordfranzösischen AEine Mantelhälfte, die keinem so richtig hilft! Die keinem von beiden steht?
Jedöns um einen Mantelfetzen, der nur noch für die Altkleidersammlung taugt, bestenfalls! Und doch kommt uns ein Heiliger nahe, der nicht nur in diesem einen Augenblick – der das Gewicht der Ewigkeit hatte – seine Körperwärme, sein Herzblut mit einem Fremden teilte.
In dieser unscheinbaren und doch faszinierenden Szene vor dem Stadttor im winterlichen Amiens leuchtet die Wahrheit eines ganzen Lebens auf. Da gab es einen, der sich selbst ein Leben lang 'gab' und verteilte: seine Wärme, seinen Glauben, sein Zeugnis, seine Wunder, sein Ansehen. Genau das ist ein Heiliger, der zugleich auch ein beinharter Asket war, ein „Gefäß Gottes“: einer, der den heiligen Gott in Wort und Tat nachahmte und durchscheinen ließ. Ja, das galt für diesen Soldaten Gottes: „Ohne Kampf keine Krone“. Das galt auch später für diesen Parade-Asketen, einen „miles Christi“, der mehr war als nur Mantelteiler; er, der im Jahre 361 das erste abendländische Kloster schuf und sich im Kampf gegen die heidnischen Götterstatuen, Kultplätze, heiligen Bäume und Tempel auch 'martialisch' und religiös 'intolerant' zeigte, der im Kampf um die Freiheit der Kirche vom Staat, in Trier vor dem Kaiser, sich auf die Seite des in der Lebensform ihm durchaus ähnlichen Bischofs Priszillian von Ávila stellte und angesichts des kaiserlichen Todesurteils über diesen Mann in Trier im Jahre 385 unterlag. Martinus war kein genialer Rhetor, Schriftsteller, kein einflussreicher Kirchenbeamter. Er war Bischof wider Willen (die Gänse verrieten ihn in seinem Versteck), kein kirchlicher Karrierebeamter. Es ist bezeichnend, dass er befürchtete, in seinem Bischofsstand seine Fähigkeit zu heilen und seine Wunderkraft zu verlieren. Darum blieb er auch als Bischof Mönch und Eremit.
In seinem langem Leben wurde ein Moment besonderer Dringlichkeit zur Schlüsselstelle seines Lebens - diese Lichtsekunde in winterlicher Zeit in der Garnisonsstadt Amiens wohl im Jahre 335.
Martinus ist ein Heiliger, der mich bewegt, im Herbst Lebensbilanz zu ziehen. Was habe ich verpasst und übersehen? Was kann ich noch nachholen, gut machen? Die Mantelteilung war buchstäblich ein Schnitt, ein 'Cut', ein einzigartiger und unwiederbringlicher Einschnitt im Leben. Ja, das Leben ist wie ein gewobenes Tuch, wie mit einem Schwert wird es geteilt. Martins Leben wurde durchkreuzt, so wie der Soldatenmantel von einem scharfen Stahl-Schwert zerschnitten wurde.
Vielleicht wird es in unser aller Leben einmal so sein, dass uns ein bestimmter Augenblick wie ein Standbild im Jüngsten Gericht gezeigt wird: eine Weichenstellung, wo das Profil meines Lebens hervortrat und ans Licht kam, wer ich war oder hätte sein können, wo ich gerührt oder ungerührt vorüberging, versagt habe oder das einzig Richtige tat. Ein Augenblick, als ich über meinen Schatten sprang und etwas von mir herausrückte - um eines anderen willen... Es werden womöglich Momente sein, wo ich vielleicht gar nichts Besonderes gemacht haben, nur das, was sich eigentlich gehört. Das waren Lichtsekunden, wo ich 'nur' stehengeblieben bin, nur genau und lange genug hingeschaut habe und mich erschüttern ließ, wo ich merkte: Nur ich bin jetzt gefragt, unersetzbar, unaufschiebbar; nur ich kann spontan helfen. Es verschlägt mir die Sprache, ich kann den anderen nicht mit billigem Rat abspeisen oder mir keine gute Ausrede zurechtlegen, die da lauten könnte: „Da kann ja jeder kommen; man kann sich schließlich nicht um jeden und alles kümmern; ich habe meine eigenen Probleme. Ich bin unter Zeitdruck...“
Wie fühle ich mich, wenn ich mich zu einer solchen guten Tat wie einer Mantelteilung hinreißen lasse? Bin ich über mich selbst überrascht und gerührt, weil ich mir das gar nicht zugetraut hätte, weil ich mich selbst darin nicht wiedererkenne. Bin ich glücklich, froh, eine wenig seelisch und moralisch gestärkt durch diese erbauliche Leistung, ohne großes Nachdenken etwas losgelassen zu haben, eine gute Tat verrichtet zu haben?
Hätte ich doch den Mut, den Blick, das Herz, die Hand dieses Martin! Werde ich je die geheimnisvolle Paradoxie des Glaubens verstehen; dieses: „Wer teilt, gewinnt“; dieses: „Wer nimmt, verliert“; dieses „Man behält nur, was man hergibt“. …?
Wann werde ich dieses Geheimnis des Glaubens, diese Mathematik des Himmels verstehen: „Wer andere groß macht, wird dabei nicht klein, der verdoppelt den Mantel...“?
In meiner Kindheit in Mönchengladbach kannten wir keine Sternsingeraktion; stattdessen gingen wir am Martinsabend, nach dem Zug zum Martinsfeuer, von Haus zu Haus. Da hieß es noch nicht im Halloween-Sound: „Süßes oder Saures“, doch ebenso dringlich, fast drohend:
Hier wohnt ein reicher Mann
der uns vieles geben kann.
Vieles kann er geben, lange soll er leben,
selig soll er sterben,
das Himmelreich erwerben.
Lass uns nicht so lange stehn,
denn wir müssen weitergehn, weitergehn.
„Wir sind Bettler, das ist wahr!“ Das sollen die letzten Worte Martin Luthers gewesen sein, der am Martinstag, dem 11.11.1483 auf den Namen des Tagesheiligen in Eisleben getauft wurde.
Wir sind Bettler, wir betteln um mehr Licht in dieser zwiespältigen und von Krieg und Kälte gequälten Welt, um Menschen, die stehenbleiben und helfen und um die Geistesgegenwart, selber stehenzubleiben und zu helfen.

Einen lichtvollen November wünscht
Kurt Josef Wecker





Erntedank – Nichts zu danken?!
Betrachtung zum Oktober von Kurt Josef Wecker
„Ich würde ja gerne danken, ich weiß nur nicht wofür…“, so ähnlich soll die hl. Elisabeth von Thüringen reagiert haben, als man sie mit ihren Kindern aus der Wartburg warf und sie sich in der Gosse von Eisenach wiederfand – ein Bündel voll schreiendem Elend. Wofür Gott danken? Manchen fehlen die Worte der Dankbarkeit; vielleicht ist der Adressat des Dankes verblasst. Ratlos und sprachlos erlebt sich selbst eine Heilige wie Elisabeth an einem Tiefpunkt ihres Lebens. Zu viele Dank-Tage? Am 3. Oktober sollten die Deutschen dankbar sein für die Wiedervereinigung, zu Erntedank für die Ernte. Der meteorologische Herbstbeginn läutet die Zeit der Bilanz ein, legt mir den Dank für das Geschenk des endlichen Lebens nahe. Erntedank – da können wir uns vor Gott eingestehen, wie schwer uns das dankbare und aufmerksame Leben fällt – dies auch angesichts üppig aufgerichteter Erntedanktische und -körbchen, die sinnenfroh vor dem Altar mancher Kirchen drapiert sind. Erntedank ist mehr als nur religiöse Folklore. Die Lebensernte, anschaulich und unsichtbar, aber auch manche Mangelerscheinungen sollen heute ins Herbstlicht, nein - in Gottes schöpferisches Gegenlicht hineingehoben werden.
Ich wünsche uns, dass wir alle einen sehr konkreten, urpersönlichen Grund haben, „Gottseidank“ zu sagen.  Gottseidank – das ist ein wunderliches Kompositum. „Gottseidank“ (2 Kor 9,15), dass wir auferstehen dürfen und können. Danke, dass wir denken, nach-denken können, dass wir allen Grund haben, wohltuende Erfahrungen und Begegnungen hineinzulegen in den Erntekorb. Unsere Erntedank-Ensembles vor den Altären verdeutlichen: Ein wenig von unserem Überfluss fällt ins Auge – pure Natur und durch unsere Hände gegangene kultivierte Natur. Leicht verderbliche Ware mit Verfallsdatum, „die bunte Gnade Gottes“ (1 Petr.4,10). Wir zeigen uns heute vor Gott mit kleinen Zeichen für das, was uns kostbar und wichtig ist. Und wir gratulieren dem Schöpfer: Gott das hast du gut gemacht! Dankeschön sagen wir für das, was unfassbar ist wie die frische Luft und was mir nie selbstverständlich werden darf. Für etwas, was mich überwältigt hat oder was in mir ein flüchtiges Aufatmen hervorrief. Womit habe ich verdient, dass ich ‚Früchtchen‘ da bin, dass mir dieses Glück widerfuhr, dieser Mensch begegnet ist, dass ich aus dieser brenzlichen Situation so glimpflich und mit heiler Haut davonkam, dass ich das Verlorengegangene oder schon verloren Gegebene wiederfand? Es hätte ja auch ganz anders kommen und ausgehen können! Mit so mancher glücklichen Wendung war nicht zu rechnen. Oder mit der Wohltat, dass mir – trotz allem – Vertrauen geschenkt und mir – wider Erwarten – vergeben wurde!
Ja, es gibt Glücksmomente und Widerfahrnisse, dafür kann ich mich bei keinem Menschen bedanken. Da suche ich einen ganz anderen Adressaten, den ich mit meinem Gebet umarme. Wem anders als Gott kann ich Danke sagen dafür, dass ich Geschöpf bin und bleibe, auch wenn mir die ‚Selbstoptierung‘ nicht gelingt?! Wohin soll ich mich wenden, wenn ich dankbar wahrnehme, dass ich da bin, mich tagtäglich entgegennehme aus seiner Hand, dass mir immer noch, immer wieder Lebenszeit geschenkt wird? Dass es diese Welt gibt, auf der die Ernten wachsen und reifen? In wachen Augenblicken geht mir auf: Nein, ich bin nicht der große Macher; ich bin mir geschenkt, beschenkt mit mir selbst, auch mit meinen Talenten, meiner Phantasie. Ich wurde mir zugeeignet und durfte Fuß fassen auf ‚Schwester Erde‘. Erntedank - Denk dein Leben als Geschenk, als Zueignung.  Ich habe ein Zuhause, eine Heimat und muss sie mir nicht erst erobern. So sehr ich für mich verantwortlich bin, gilt umso mehr: Für mich ist gesorgt. Diese Selbsterfahrung ist verwandt dem Bekenntnis: Ich bin Geschöpf, ich bin nicht Herr meiner selbst, meiner Welt, meiner Ernten. Zwar gilt: Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten. Aber die andere, die gnadenvolle Wahrheit gilt genauso: Ich bin ein Bedürftiger und darf sogar ernten, wo ich nicht(!) gesät habe. Gracie!
Wir blicken hinein in den womöglich phantasievoll ausstaffierten Altarraum und nehmen darin die Spuren dessen wahr, der diese Resultate seiner Einfallskraft - und uns als seine Geschöpfe – ins Werk gesetzt hat. Die Erntegaben sind vielfältige Liebeserklärungen Gottes an uns, die wir mehr sind als Endverbraucher, Wir dürfen auch Genießer sein! Ja, wir dürfen die Erntegaben kultivieren und genüsslich verzehren. Wir wollen die Natur würdigen als Gottes Kunstwerk. Auf unseren Lippen, in Liedern und Gebeten outen wir uns und machen den Dank hörbar. Der Dank ist mehr als ein diffuses Gefühl. Dank stellt sich ein, wenn ich entdecke, dass ich mein Leben nicht in der Hand habe, dass ich von guten Mächten umgeben bin; dass es ein für die Geschichte Mitteleuropas ungewöhnliches Wunder ist, dass wir 85 Jahre nach Kriegsausbruch so lange in Friedenszeiten leben dürfen – ein fragiler Friede, wie der nahe Krieg in der Ukraine zeigt.
Womöglich macht sich weniger der ‚Geist der Dankbarkeit‘ als vielmehr ein Gefühl des Unbehagens in unserem Gotteshaus breit. Erntedank wirkt wie eine unzeitgemäße Tugend, die man neu polieren und zum Strahlen bringen muss. Wofür Dank sagen in einer Welt der Dienst-Leistungen, auf die ich Anspruch anmelde?
Viele kennen eine tiefe Dankbarkeit, die gar nicht an (einen) Gott glauben. Niemand, auch kein Gläubiger, ist von der Krankheit der Undankbarkeit, der Verbitterung, der Gleichgültigkeit, der Vergesslichkeit gefeit.
Es wird manche Zeitgenossen auch in unseren Pfarrgemeinden geben, die nicht sagen könnten, wem und worum sie – beim besten Willen – danken sollten. Menschen kommen in die Gottesdienste oder zur Marienwallfahrt, denen zum Klagen und Bitten, zum Suchen und Fragen, Schweigen und Trauern zumute ist, aber eben nicht zum Dankgebet.  „Nichts zu danken“, sagen wir zuweilen beinahe abwehrend.
Wir müssen respektieren, wenn unter uns Menschen sind, die nicht genau wissen, an wen sie ihren Erntedank richten sollen und deren Leben eben keine einzige große Danksagung ist. Was, wenn unser Dank ins Leere ginge? Wenn ich meine Fähigkeit zu staunen verloren hätte? Es mag Gemeindeglieder geben, die können nur ihre Lippen bewegen zu unseren Erntedankgebeten, doch sie können beim besten Willen nicht für sich und ihr Dasein dankbar sein; oder es fällt ihnen niemand ein, für den sie dankbar sind. Es ist ein Wunder, wenn ich danken kann!
Auch Zeitgenossen, denen das Glauben schwerfällt, atmen dankbar auf: „Da habe ich noch mal Glück gehabt“. „Wie habe ich das nur geschafft…?“. „Womit habe ich das verdient…?“.
Verordneter und erzwungener Dank ist eine giftige Sache. Mir steht es nicht zu, Sie und Euch auf Erntedank hin zu trainieren, zu einem ‚Dankopfer‘ zu zwingen und zu vermitteln: „Nun bedankt euch gefälligst!“ - oder Ihnen mit pädagogisch drohendem Zeigefinger nahezulegen: „Du musst (Gott) dankbar sein!“  Was für eine seltsame Mixtur von Frömmigkeit, Zucht, Zwang, Vorwurf, eingeschliffenen Ritualen und erzwungenen Verhaltensmustern wäre das. Der Satz „Du sollst danken“ ist nicht das elfte Gebot, keine pflichtschuldige Floskel. Mein „Merci“ wächst spontan aus einem bewegten Herzen, dem das Leben nicht selbstverständlich ist.
Das wäre Erntedank: Mir fallen Menschen ein, für die ich Gott danke. Du bist dankenswert! Dankeschön, Gott, für den liebenswerten, aber auch für den schwierigen Anderen!  Zu guter Letzt wollen wir dem danken, der seine Gnade auch dem Undankbaren schenkt und dem, welchem nicht nach Erntedank zumute ist. Gott ist auf meinen Dank nicht angewiesen und freut sich doch, wenn mein Herz Resonanz gibt. Danke, Gott, dass du da bist, einfach so …

Ihnen und Euch einen gesegneten, goldenen Oktober
Kurt Josef Wecker, Pfr.





Christus triumphiert über den Tod in seinem Tod
Das Fest „Kreuzerhöhung“ und der „erhöhte“ Christus in der Pfarrkirche St. Johann Baptist

Betrachtung von Kurt Josef Wecker

„Triumphkreuz“, so nennen wir das große Kreuz, das vielleicht um 1220 entstand und nun bereits wieder nach gründlicher Restaurierung in der am 13. Oktober 2024 in der ebenfalls ‚rundumerneuerten‘  St. Johannes-Baptist-Pfarrkirche in Nideggen hängt. Es entstand im Hochmittelalter, im Übergang von der Romanik zur Gotik. Haupt, Rumpf und Beine des Christuskörpers sind Original; die Dornenkrone und die Arme wurden 1955 ergänzt, auch das wohl verlorengegangene Auflagekreuz mit den auffallenden Kreuzenden wurde erneuert. Damit ist diese hölzerne Plastik - vermutlich aus Lindenholz - aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts wohl das älteste und kostbarste Holzkreuz unserer GdG.
Am 14. September feiert die Kirche das Fest „Kreuzerhöhung“.
Unmerklich für die Augen der Öffentlichkeit, wurde das alte Kreuz bereits im Juli wieder – nach gründlicher Reinigung und Festigung - an einen zentralen Ort in der Pfarrkirche St. Johannes Baptist in Nideggen zurückgeführt und „erhöht“. Hoch oben hängt es an seinem angestammten Platz über dem „Triumphbogen“, dem Langhaus/ Mittelschiff zugewandt, ein wenig tiefer als vor der Restaurierung, doch immer noch – erhöht, nun unberührbar, fast den Augen entzogen, und so, dass wir unseren Kopf in den Nacken zurücklehnen müssen, um zu ihm aufzublicken. Man könnte dieses Holzkreuz fast übersehen. In isolierter Position hängt Er dort oben und ermöglicht keinen Nahkontakt. Dieses Kreuz kann auch nicht am Karfreitag verhüllt und in die liturgische Handlung einbezogen werden. Doch ER beherrscht den Raum.  Ein Triumphkreuz ist auf Entfernung angelegt, entweder wie in Nideggen oder (wie in vielen anderen Kirchen) auf einem Balken im Triumphbogen, auf einem Lettner. Unsere Blicke fallen zunächst auf die Apsis, auf das Fresko mit der „Maiestas Domini“, dem wahrhaft herrscherlich thronenden Christus, ein Gemälde, das fast eine ähnliche Entstehungszeit hat wie der Crucifixus. Das Triumphkreuz und die Maiestas Domini erinnern an die von Osten her erwartete Wiederkehr des richtenden Christus (vgl. Mt 24,30).
Die Aufhängung des Kreuzes an einem markanten Schnittpunkt im Kirchenraum, diese hoheitliche Höhe, macht auch das Triumphale dieses Gekreuzigten aus. Ein seltsamer Triumph! In Wahrheit ist der Triumph Christi in dieser Darstellung ganz tief verborgen. Christus triumphiert über dem Tod in seinem Tod. Hoheit in der Niedrigkeit. Es gibt riesige Triumphkreuze. Christus in Überlebensgröße. Der Corpus des hiesigen Christus crucifixus ist lebensgroß: 170 cm. Manche Kirchenführer bezeichnen das Nideggener Kreuz als „romanisches Triumphkreuz“. Doch dieses Triumphkreuz nimmt eine Mittelstellung zwischen Romanik und Gotik ein, ist eher eine Darstellung des Gekreuzigten, die durch den Wandel der Frömmigkeit und des Christusbildes in der Gotik verursacht wurde, und entstand in der Phase des Hochmittelalters, als die bildende Kunst Abstand nahm vom aristokratischen Christus victor, dem Siegerchristus, dem „Rex triumphans“, dem triumphierenden Christuskönig, dem Christus coronatus, der eine Herrscherkrone trug. Viele kennen das Gerokreuz aus dem Kölner Dom (um 965), das zwar aus der romanischen Epoche stammt, aber keinen triumphierenden Christuskönig zeigt. Dem zu Tode erschöpften „Christus patiens“ des Nideggener Kreuzes mit seinen drastisch dargestellten Wunden sieht man das gewaltsame Sterben an. Der leidende Erlöser und Schmerzensmann hat ausgelitten. Die durch den Lanzenstich nach dem Tod Jesu verursachte Seitenwunde ist überdeutlich erkennbar; Jesu Blut quillt hervor. Die Augen des Herrn sind zwar halb geöffnet, doch der Blick ist gebrochen: Christus im Augenblick seines Dahinscheidens. Der Kopf des Gekreuzigten ist ein wenig nach rechts geneigt. Blutspuren finden sich auf der Stirn. Der Mund ist nach dem Aushauchen des Lebens leicht geöffnet. Wir erkennen aus der Nähe die Rippenzüge, Jesu ovales, bärtiges Gesicht, die Nägel in den offenen Handtellern mit den stark blutenden Wunden, die auf den Schultern aufliegenden längeren Haare. Dieser Christuskönig trägt keine Königskrone, sondern eine (nach der Restaurierung behutsam kolorierte) Dornenkrone; sie ist Christus tief aufs Haupt gedrückt. Die Passionsreliquie der Dornenkrone wurde damals sehr verehrt und findet sich gehäuft ab 1220 auf den Kreuzigungsdarstellungen. 1239 erwarb König Ludwig IX. von Frankreich diese Reliquie in Konstantinopel. Jesus auf dem Kreuz in Nideggen  trägt kein hohepriesterliches Gewand, keine Tunika (wie auf vielen romanischen Darstellungen), sondern einen bis zu den Knien reichenden, in königlichem Rot gehaltenen, blau gesäumten Lendenschurz, der rockartig bis zu seinen Knien reicht, gestaltet mit kunstvoll geschnitzten Quer- und Längsfalten. Der schlanke Corpus hängt frontal gestreckt und nicht gekrümmt am Kreuz. Die Darstellung der Schmerzen dieses Christus dolorosus/ Christus patiens ist zurückhaltend. Unsere räumliche Distanz zu diesem Holzkruzifix erschwert das Mitleiden, die ‚compassio‘ - die Aufforderung zu meinem Mitleid klingt eher verhalten an. Die erlittene Passion wird nicht dramatisch zur Schau gestellt. Jesu Füße stehen nicht – wie bei den romanischen Kreuzen - parallel nebeneinander auf einem Suppedaneum; im romanischen „Viernageltyp“ werden die Füße mit zwei Nägeln am Kreuzbalken festgenagelt. Die Füße des Christuscorpus von Nideggen werden nicht gestützt durch ein Fußbrett, sondern sind übereinandergelegt; mit einem einzigen Nagel sind sie an den Kreuzbalken geschlagen („Dreinageltyp“). Solch eine Wiedergabe des Kreuzigungsvorgangs steigert die Schilderung des Leidens Christi, ist wohl historisch zutreffend und wird auch vom Christusnegativabdruck auf dem Turiner Grabtuch bezeugt. Wir kennen nicht das Aussehen des ursprünglichen Nideggener Kreuzbalkens. War er kostbar geschmückt (crux gemmato) oder einem Lebensbaum nachempfunden (Lignum vitae)?  Doch der Leib Jesu ‚braucht‘ das Auflagekreuz; er hängt am Balken, er steht nicht souverän, er schwebt nicht majestätisch quasi vor dem Balken.
Nur wenige konnten diesen nun wieder so unerreichbar „erhöhten“ Christus im Atelier der Restauratorin und bei der erneuten Aufhängung aus der Nähe betrachten und auf die edlen Gesichtszüge und in die - nun weit entrückte - klaffende Seitenwunde Jesu hineinblicken. Wer sich dem Christusleib aus der Nähe ausgesetzt hat, wurde durch die expressive Gestalt und die Details des Corpus erschüttert. Nur aus der Nähe fallen die Rotzeichnung der Lippen, die Lidränder, die Augenbrauenbögen, die Blutmale auf. Dankbar sind wir, dass wir dieses Kreuz so gut restauriert wiedererhalten haben. Doch sehen wir darin mehr als ein wunderbar konserviertes ‚Kunstdenkmal‘! Christi Opfertod strahlt aus. Gekreuzigte Liebe! Man spürt die suggestive Präsenz des Gekreuzigten. Sein brechender Blick sucht mich. „Die „Stunde“ (Joh 7,30) des Heils hat geschlagen. Wir werden gefühlsmäßig mitgenommen, das Leiden Christi nachzuempfinden. Das lateinische Original des Passionsliedes „O Haupt voll Blut und Wunden …!“ („Salve cruentatum“) entstand ungefähr zur Entstehungszeit dieses Crucifixus. Jesus, wo sind die Zeichen deines Sieges? Wir halten das ‚Hängen Christi‘ über uns aus. Was für eine Kreuzerhöhung! Die Gottesdienstgemeinde steht unten im Kirchenschiff, wie damals Maria, Johannes und das gaffende, betroffene oder an der Kreuzigung mitwirkende Volk. Die Gemeinde findet sich im Kirchenschiff wie auf dem „volkreichen Kalvarienhügel“ ein, und wir feiern auf dem