Katholische  Kirchengemeinde    St. Hubertus Schmidt
 

Der Gottesdienst zu Palmsonntag mit Pfarrer Kurt Josef Wecker

 

Video zur Segnung der Palmzweige

Einführung in den Palmsonntag

Ist das eigentlich ein richtiger Palmsonntag? Wo so vieles fehlt, was uns lieb und teuer ist: die flatternden Bänder an den Palmsträußen der Kommunionkinder, die Prozession mit Jesus draußen auf der Straße oder am Stadttor oder auf der Burg, das jubelnde Hosianna, eine gewisse fast schon österliche Ausgelassenheit; Palmzweige, die an das Leben erinnern, an den Gottesfrühling, an den Sieger über Leid und Tod. Zweige, mit denen wir das Holz des Kreuzes zu einem Lebensbaum verwandeln…. All das fehlt. Wir können uns nur erinnern, wie es war und hoffen auf Zeiten, wo all das wieder eine schöne Normalität sein wird

Wir sind Sinnenmenschen. Wir brauchen einen Pack-an, gerade in diesen Zeiten, wo es so wenig anzufassen gibt. Normalerweise tragen wir diese grünen Buchsbaumzweige in den Händen, bewegen uns gemeinsam in Prozession; und spielen gewissermaßen das schöne schwere Spiel des Glaubens, pflegen diese schöne bewegliche Weise, uns Ostern anzunähern. All das wird uns in diesem Jahr nicht möglich sein. Es schmerzt, dass so vieles fehlt. Auch alles Laute und Zerstreuenden wird dieser Woche abgehen. Wie werden wir uns dem schönsten Geheimnis des Glaubens annähern? Wie werden wir aus dieser schweren Karwoche herauskommen und in das Fest finden, das wir Ostern nennen?

Ich lade Sie und Euch ein, dass wir uns geistlich mit der Hl. Schrift in der Hand, dem Gotteslob, mit brennenden Kerzen live vor den Toren Jerusalems versammeln und Jesu leisen Advent feiern.

Wir können singen

„Ihres Mächtigen, ich will nicht singen (GL 829)

„Singt dem König Freudenpsalmen“ (GL 280)

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit (218, 1+5)

„Tochter Zion“ (GL 228)

„Jesus zieht in Jerusalem ein, Hosianna“ (Neues geistliches Liedgut)


Predigt

Liebe Mitchristen,

vor wenigen Tagen, da segnete der Papst in einer so eindrucksvollen Liturgie auf dem leeren, regennassen Petersplatz die Welt- die große und die kleine, den Erdkreis und die Stadt. Ein Segen, bestimmt für die ganze Erde, denn die ganze Erde ist von einer gefährlichen Krankheit bedroht. Ein kleiner Mann und eine große Geste, eine schlichte und doch gottvolle Gebärde des Glaubens. Er segnete diese schwerkranke Welt. Er segnet eine Welt, die eine schwere, ernste Karwoche durchlebt. Das müssen wir aushalten, dass es zunächst einmal dunkel ist. Wir können nicht zu schnell das Licht am Ende des Tunnels vorwegnehmen. Diese Karwoche der Welt. „Kara“ - das heißt Klage, Wehklage, Sorge. So viele Kreuzwege! So viele unbeantwortete, ungestillte Fragen. Wir Menschen halten uns Ihm mit bohrenden Fragen hin: Hat sich Gott zurückgezogen, hat er sich leise entfernt von seiner Welt? Bei wem können wir Gehör finden?

Kreuzwege, durchkreuzte Wege. So viele Pläne und Hoffnungen wurden in diesen Wochen durchkreuzt. Aber auch: so viel Mitmenschliches trat hervor, so viel Segensreiches! So viel Mitleid und Einsatz bis zum Letzten. So viel freiwilliger Verzicht auf das eigene Wohlergehen.

Der Papst stellte auch die Kirche unter den Rettungsschirm des Segens, die den Virus nicht einfachhin ‚wegbeten‘ kann; arm und entblößt ist sie wie die Altäre am Karfreitag. Auch unsere Seelen sind entblößt. Selten erfuhren wir es deutlicher als in diesen Tagen: wie verletzlich diese Welt ist, wie verwundbar unser Leben ist, wie vernetzt dieses globalisierte Weltdorf ist. Alle Landstriche, alle Schicksale müssen unter den Segen Gottes. Alle Kontinente sind betroffen.  Diese gebrechliche Welt steht vor dem Osterfest; wir alle, die wir vor wenigen Wochen nicht ahnten, was für ein Schmerz und Verzicht so vielen Zeitgenossen auferlegt wird. So viel namenloses Leid. So viele Schmerzensfrauen und Schmerzensmänner.

Mit „aufgescheuchten Seelen“ begehen wir Palmsonntag. ER zieht ein in diese kranke Zeit, so wie er damals ohnmächtig einzog in die Stadt, die ihm den Tod brachte und uns das Leben. Er zieht sich nicht zurück, er zieht nicht an uns vorbei, er zieht ein in die Leidensgeschichten unserer ernsten, strengen Tage; er zieht ein in unser Fragen: Warum und Wie lange noch?  Er zieht ein auf einem Esel und wird das Lamm Gottes sein, das sich abschleppt an uns. So sieht kein Held aus, kein Zauberer. Er zieht ein nicht als unverwundbarer Halbgott.

Er kommt zu uns als der Gottesknecht, der unsere Krankheiten trägt.

Sein Weg nach Jerusalem ist nur äußerlich fast triumphal. Er kommt in eine Stadt, die ihm den Tod bringt. Er kommt als das Opferlamm, das die Sünde und Krankheiten der Welt trägt.

Sich opfern füreinander, das tun Menschen in diesen Tagen. Sie schenken Augenblicke der Liebe und lassen ahnen, dass der Himmel offen bleibt über uns. Unter Lebensgefahr setzen sich Helferinnen und Helfer der Krankheit aus. Sie tun es nicht, weil Jesus es ihnen vormacht oder vorschreibt. Sie tun es aus freien Stücken, aus Pflichtgefühl, aus Leidenschaft für ihren Beruf. Sie wahren Haltung, sie tun, was sie tun müssen und weit mehr. Die Gesellschaft erwartet quasi, dass einzelne Berufsgruppen in diesen Tagen über sich hinauswachsen und Opfer bringen. Ist das Berufsrisiko? Wir sind dankbar für Menschen, die füreinander leben, die ihr Wissen, ihre Kompetenz, ihre sicheren Handgriffe einbringen, damit andere Überlebenschance haben. Und auch für rücksichtsvolle Menschen, die sich aus Liebe und Fürsorge voneinander distanzieren und auf das Schöne verzichten: auf die Umarmung, den Kuss, den Händedruck.

Unsere Kirchentore sind gewissermaßen geschlossen für öffentliche Gottesdienste. Wir können nicht zusammenkommen, um vor unserem Herrn gemeinsam das Grün der Zweige auszulegen und das Kreuz zu schmücken.

Alles ist anders; doch Er kommt trotzdem. Er will in uns hineinziehen. Er tritt durch die Tore unserer Ohren und Herzen in uns ein, hinein in unsere Angst und Einsamkeit In uns, die wir so verunsichert sind.  Er darf das, er darf einziehen in unser bewegtes Innenleben. Er darf uns nahekommen, Sein Geist darf uns anstecken. Für Ihn gelten keine Abstandsregeln. Jesus hat sich anstecken lassen vom schreienden Elend der Aussätzigen. Bereits in diesen lebensgefährlichen Gesten in Galiläa begann Jesu ‚Opferleben‘, sein totaler Lebenseinsatz, seine Passion. In solchen Berührungen setze er sein Leben für uns aufs Spiel und nimmt seinen Karfreitag vorweg.

Was für eine Ouvertüre in die Karwoche! Unter normalen Umständen würde diese Woche vielleicht laut und hektisch verlaufen. Der alltägliche Stress, den man gerne in Kauf genommen hätte. Wir wären viel wegen Besorgungen unterwegs gewesen, hätten uns Reisewünsche erfüllt. Ich erinnere mich an zurückliegende Karwochen:  Sie verliefen gemeinhin nicht traurig oder besinnlich; denn wir hatten in vergangenen Jahren viel Schönes zu tun und zu proben und vorzubereiten… Und vielleicht hätten wir die Todesangst und Einsamkeit Jesu am Ölberg und auf seinem Kreuzweg nur im Evangelium gehört, aber nicht am eigenen Leib mitempfunden.

Musste ein solcher Virus kommen, damit wir auf den harten Kern der Karwoche gestoßen werden, auf die Lebensgefahr Jesu, seine Verlassenheit, seine Todesangst? Bitten wir den Herrn, dass er uns hilft, in diese schwere Karwoche hineinzufinden, damit wir ahnen, was das bedeutet: dass Jesus keine Berührungsangst hat vor den Füßen der Jünger, dass ein Zufallspassant Jesus beim Kreuztragen hilft. Wir spüren, wir sehr wir einander brauchen, auch um uns im Glauben zu stützen, um stellvertretend vor Ihm füreinander einzustehen. Vielleicht werden wir in dieser Karwoche 2020 ahnen, was uns trägt, was wir schmerzlich vermissen. Wir werden ein Fest ersehnen, dass dem einen die Auferstehung bringt – eine Rettung, die auf uns alle überspringen soll.

Hosianna, Gottesknecht, trage unsere Krankheiten mit, zieh ein in diese schwerkranke Welt und erbarme dich ihrer!



Fürbitten

Darum bringen wir die schwere Lage und das Leben so vieler bittend vor Gott:

Zieh ein in das Leben der Helfer und Helden dieser Tage. Sie sind in diesen Tagen ganz damit beschäftigt, für andere da zu sein. Bitten wir für die, die vielleicht nicht glauben und doch über sich hinauswachsen. Für alle, die andere nicht aufgeben, die immer weiterkämpfen und Kranke verarzten.

Zieh ein in das Leben dieser zerbrechlichen Welt. Bitten wir um Menschen, die ihnen in dieser Zeit des Abstands zu Nächsten werden; und die Fantasie entwickeln, dass wir einander nicht allein lassen. Bitten wir um Beter, die die Not dieser Welt in dein Ohr tragen. Bitten wir für die Geduldigen, die nicht aufgeben und gelassen und entschlossen das Menschenmögliche tun und sich verausgaben.

Zieh ein in das Leben der Menschen, um die wir uns sorgen, unsere Lieben, die Großeltern und schwer Erkrankten, die Überforderten und in ihrer Existenz Bedrohten. Zieh in das Leben der alten Menschen, an deren Ohr in diesem Jahr kein Lachen der Enkel dringt, die alleine essen beten müssen. Sterbenden Trost spenden, Toten ein Minimum an würdiger Bestattung ermöglichen.

Zieh ein in das Leben der Einsamen und Ängstlichen, der Gefährdeten und Hoffnungslosen; derer, die wie gelähmt auf die Nachrichten und Bilder dieser Tage starren und die an keine gute Zukunft mehr glauben können. Bitten wir für die Leidenden und Gequälten und die, die niemanden haben, an den sie sich wenden können. Für die Schwerkranken und Sterbenden, die ihre Angehörigen nicht sehen und spüren können. Für die, die wegen Corona in diesen Kar- und Osterwochen um ihr Leben kämpfen und sterben werden. Und für die, die mit dem unwiederbringlichen Verlust eines Menschen leben müssen.

So stehen wir mit unseren Bitten und Hoffnungen, Gott, vor dir. In den immergrünen Zweigen halten wir uns dir hin, unsere Klage und unseren Dank, unsere Bitte und unsere stumme Hoffnung. In dir leben wir, bewegen wir uns und sind wir. Aus dir fallen wir nie heraus. Dir sei die Ehre und der Lobpreis, jetzt und in Ewigkeit. Amen

Kurt Josef Wecker



Texte zu Palmsonntag

Evangelium zu Palmsonntag 2020  (Mt 21,1-11)

Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte
   und nach Betfage am Ölberg kam,
   schickte er zwei Jünger voraus
und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt;
dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden
   und ein Fohlen bei ihr.
Bindet sie los, und bringt sie zu mir!
Und wenn euch jemand zur Rede stellt,
   dann sagt: Der Herr braucht sie,
er lässt sie aber bald zurückbringen.
Das ist geschehen,
   damit sich erfüllte,
   was durch den Propheten gesagt worden ist:
Sagt der Tochter Zion:
   Siehe, dein König kommt zu dir.
Er ist sanftmütig,
und er reitet auf einer Eselin
   und auf einem Fohlen,
   dem Jungen eines Lasttiers.
Die Jünger gingen
und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte.
Sie brachten die Eselin und das Fohlen,
legten ihre Kleider auf sie,
und er setzte sich darauf.
Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus,
andere schnitten Zweige von den Bäumen
   und streuten sie auf den Weg.
Die Leute aber, die vor ihm hergingen
   und die ihm folgten, riefen:
Hosanna dem Sohn Davids!
Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn.
Hosanna in der Höhe!
Als er in Jerusalem einzog,
   erbebte die ganze Stadt
und man fragte: Wer ist dieser?
Die Leute sagten:
   Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.  


Meditation:

Jesus Christus
mit dir will ich aufstehen

gegen Not und Tod
gegen Folter und Leiden
gegen Armut und Elend
gegen Hass und Terror
gegen Zweifel und Resignation
gegen Unterdrückung und Zwang

Mit dir will ich aufstehen
gegen alles, was das Leben behindert

Mit dir will ich einstehen
für alles,
was das Leben fördert

Es genügt nicht
Hosanna, Hosanna zu rufen

darum
sei du meine Kraft
dass ich aufstehe mit dir                            

(Helene Renner)


Gebet:


Herr Jesus,
wir begleiten dich auf deinem Weg,
bei deinem Einzug in Jerusalem,
beim letzten Abendmahl,
bei deiner Salbung,
bei deinem Tod und deiner Auferstehung.
Mit deinem Leben, Sterben und Auferstehen machst Du uns Mut,
auch auf unserem Lebensweg
immer wieder aufzustehen und weiterzugehen. - Amen.



(Franz Wenigwieser)

Texte aus: https://predigtforum.com/programmuebersicht


Fürbitten zu Palmsonntag:

Gott, der du Jesus zu uns geschickt hast,
damit du uns Menschen gleich wirst und nahe bist:
Wir bitten dich:
Für die zerschlagenen und stimmlosen Menschen auf der Erde
Für die kranken und einsamen Menschen.
Für uns, um Kraft, anderen beizustehen.
Für die Mächtigen - um einen demutsvollen Umgang mit Macht.
Für die geschundene Schöpfung.
Für die Verstorbenen.

Gott - menschgeworden weißt du, was wir brauchen.
Wir vertrauen uns deiner Hilfe und Begleitung an.
Berühre uns mit deinem Segen. - Amen.

© Mag.a Angelika Gumpenberger-E., Pastoralassistentin St. Franzikus, Wels.

Hl. Messe zum 5. Fastensonntag mit Pfarrer Kurt Josef Wecker


Entnommen aus: https://predigtforum.com/programmuebersicht

Die dazugehörige Predigt und Texte 

Predigt am 5. Fastensonntag in der Corona-Krise 2020

Evangelium: Joh 11,1-45

Kurt Josef Wecker, Pfr. (Heimbach-Nideggen)

Liebe Mitchristen, uns alle gibt es nur, weil da einer ist, der uns alle beim Namen gerufen hat: Komm heraus, Lazarus-Mensch! Am Anfang, als wir das Licht der Welt erblicken durften, sagte er: Tritt aus der Geburtshöhle heraus.  Und dieser Ruf dessen, der uns alle bei unserm Namen kennt, verstummt nie. Uns alle wird es nur in Zukunft geben, wenn dem großen Ostern Jesu ein kleines Ostern folgen wird; die Stunde, in der Christus uns aus der Grabhöhle, aus der Nacht des Todes, ins Licht rufen wird; ein Licht, das schöner ist als das Frühlingslicht des Samstags vor dem Passionssonntag. Tritt heraus aus deiner Angst, deiner Einsamkeit. Die Auferweckung des Lazarus ist eine Art Hoffnungsgeschichte. Sie erzählt gegen den Tod an. Sie macht Lust auf Ostern. Wir hören solche Geschichten vom Leben, weil sie uns gerade in diesen Tagen guttun, weil wir uns an sie klammern, weil sie uns geistlich über Wasser halten. Geschichten, wo sich eine kleine Gemeinde, ja „der engste Familienkreis“, um ein Grab schart. Menschen, die von der Situation eines Todesfalls überfordert sind. Jesus, der erschüttert ist und weint. Geschichten, wo Er in der Krise dabei ist, dazwischentritt und Trauernde nicht alleine lässt, wo Jesus auf dem Weg in seinen Tod einem anderen das Leben schenkt und uns einen kleinen Vorgeschmack von einem Leben, das keinen Tod kennt.

Komm! ins Offene, Freund!“ so dichtete Friedrich Hölderlin, der vor 250 Jahren am 20. März 1770 geboren wurde und der die letzten 36 Lebensjahre - geistig umnachtet und in Selbstgesprächen kreisend - in einem Turmzimmer in Tübingen zubringen musste. „Komm! in Offene, Freund!“, so wollen wir es auch hören von unserem Herrn. Komm. Lazarus, komm ans Licht!

In dieser frostigen Nacht ist Beginn der Sommerzeit, ein kurzer Sonntag. Was für ein Frühling und Sommer wird das werden? Wer ist im Frühling schon gerne ein Stubenhocker? Gottlob wurde uns keine Ausgangssperre, ‚nur‘ Kontaktverbot auferlegt. Doch so viele sind im Dunkel und sehen nur Nebel. Ungewohntes wird uns zugemutet, der gemeinsame Kirchgang ist unmöglich - weil es um Vieles geht, Rücksichtnahme aufeinander, um Risikominimierung, um Leben und Tod. Manche sind das Zu-Hause-Sitzen mehr gewohnt als andere; sie liebten schon vor der erzwungenen Einsamkeit die Stille und Zurückgezogenheit. In normalen hektischen Zeiten sehnen sich viele danach, zur Ruhe zu kommen, mehr Zeit zum Lesen zu haben, oder mit Muße Musik zu hören und die Welt von zu Hause aus zu entdecken. Doch uns wird eine Zwangspause auferlegt, in Russland eine Woche Zwangsurlaub verordnet. Nun überfällt uns diese Ruhe wie aus heiterem Himmel: die Introvertierten und die Extrovertierten gleichermaßen. Uns wird Verzicht auferlegt, ein Fasten ganz eigener Art. Wir sollen verzichten und auf Abstand gehen, um irgendwann uns wieder umarmen zu dürfen.

Für uns Christen ist diese Erfahrung einschneidend und sehr schmerzhaft. Tritt heraus! So hören wir Jesu Wort an Lazarus, der sprachlos bleibt. Doch wir können heute nicht gemeinsam vor Ihn treten. Wir leiden unter dieser Entzugserscheinung schon einen weiteren Sonntag seit der Kontaktsperre. Wir können uns nicht gemeinsam um den unsichtbaren Gott scharen. Ein Stück geistlicher Heimat in unseren Pfarrgemeinden, den vertrauten Sonntagsräumen, wird uns genommen. Wir können uns nicht als Gemeinde wiedersehen und zum gemeinsamen Gottesdienst physisch versammeln; viele feiern den Sonntag ‚am Küchentisch‘ oder auf der ‚Bettkante ‘und ‚in engstem Familienkreis‘ mit…. Die Infektionsschutzgesetze machen die Versammlung, die Zusammenkunft, das Gemeinschaftserlebnis unmöglich. Wir vermissen die ‚echte‘ Zusammenkunft, die Stimmen des Anderen, den Händedruck der Banknachbarin. Vieles wird abgesagt. In diesen Coronazeiten fällt Kirche nicht aus, weil auch Ostern nicht ausfällt. „Kirche fällt anders aus“, so bringt es der evangelische Kirchenkreis in Münster auf den Punkt. Eine digitale Gemeinde versammelt sich mancherorts am Fernsehen oder in den sozialen Netzwerken. Dies ist nur ein Versuch, aus der Not geboren. Virtuelle Gottesdienste sind nur ein blasser Schimmer der Gemeinschaftsfeiern, in der wir leibhaftig Christus ‚schmecken‘. Und doch sind wir alle geistlich versammelt vor Ihm, der sich lautlos zu uns gesellt. ER hat uns „angesteckt“ mit der Flamme der Liebe, der Sehnsucht, der Hoffnung. Er ist immer da und mischt sich heilsam ein, wo zwei oder drei in Seinem heiligen Namen versammelt sind (Mt 18,20).  

Das Unbeschwerte kann nicht gelingen in diesen Tagen. Nicht nur die Kinder fragen: Wie lange geht das noch so weiter? Wir wissen nicht wie lange. Wann wird wieder Normalität einkehren? Wie lange halten wir das aus? Wann werden wir unsere Großeltern, wann werden wir unsere Enkel wiedersehen? Wann kommt ein Mittel gegen Corona und ein erfolgreicher Impfstoff? Wann können wir wieder zu dritt und in Gruppen auf die Straße gehen und uns treffen? Und was wird das für eine Welt sein, in die wir irgendwann wieder zurückkehren sollen? Und: Ist das alles wirklich wahr, oder bilden wir uns diese surreale Welt bloß ein?  Wie ein böser Traum, aus dem man irgendwann erwacht? Wie lange werden wir auf die Antwort auf diese Frage warten müssen? So beschwert stehen wir Lazarus-Menschen in diesen Wochen vor dem verborgenen Gott.

Unsicher stochern wir im Nebel herum. Es ist eine Zeit, in der wir auf hoffnungsvollere Nachrichten und Trendumkehr hoffen, uns klammern an den Strohhalm einer winzigen optimistischen Prognose. Die sozialen Netzwerke sind zwar schön und gut, aber sie alleine reichen nicht aus. Die, die zu Hause sind, dürfen sich gewissermaßen als Privilegierte fühlen. In unserem Lebensraum kann man sich sooft die Hände waschen wie man will. Aber kann das ein Inder oder Afrikaner oder ein Migrant auf Lesbos? Oder Menschen in unvorstellbar beengten Wohnverhältnissen? Oder die Obdachlosen? Und auch in unserem Nahbereich gibt es sehr unterschiedliche Gefahrenzonen. Wir dürfen nicht vergessen, dass es so viele ‚systemrelevante‘, oft unterbezahlte und unterschätzte Berufsgruppen gibt, die in der Gefahrenzone draußen arbeiten müssen, die dem Risiko einer Ansteckung durch das „gruselige Virus“ und - als Kassiererin an der Kasse – dem Frust und der schlechten Laune der genervten Kunden ausgesetzt sind. Der Alltag derer, die bei allen Stimmungsschwankungen und dem drohenden ‚Lagerkoller‘ oder gar Gewaltübergriffen zu Hause sein müssen und dürfen, ist anders als der Alltag der vielen im Notstand draußen, der Ärzte und den Schwestern und Pflegern in den Krankenhäusern und Altenheimen, den Sicherheitskräften, den Mitarbeitern der Verkehrsbetriebe, den Politikern in ihrem Entscheidungsstress, den Wissenschaftlern in ihren Forschungslabors…

Und was ist mit den Menschen, die allein wohnen und niemanden haben, mit dem sie Kontakt pflegen können? Sie führen innere Monologe, schauen stumm aus dem Fenster in den erwachenden Frühling, doch auf menschenleere Straßen und Plätze. Da sitzen wir nun alle mehr oder weniger still zu Hause und hoffen darauf, dass der Ausnahmezustand nicht zum Dauerzustand wird. Die Sorge eint uns - und die Hoffnung, dass bald gegen diese Gefahr ‚ein Kraut gewachsen ist‘.  Die globale Krise eines winzigen „Ungeheuers“ schweißt uns zusammen - zu einer globalen Gemeinschaft von mehr oder weniger Isolierten, Heruntergebremsten. Stille und Stillstand statt Bewegung und Begegnung. Soviel Verzicht war nie! Verzicht auf liebgewordene Gewohnheiten, Freizeitbeschäftigungen, Freiheitsausübungen. Die Welt ist leiser geworden - und der eigene Alltag vielleicht konturloser. Dieser Alltag ist nicht von allen guten Geistern verlassen, nicht gott-leer. Da will Er dabei sein, in unserem Suchen und Fragen, unserem Tasten nach dem rettenden Ausweg, auch in meiner kleinen Welt und meinem „Kämmerlein“, in den eigenen vier Wänden, wo Familien spürbar zusammenrücken müssen.

Wir brauchen dich Herr - wie die alten Seefahrer die Sterne!“ (Papst Franziskus). Wir brauchen den, der den Kampf gegen den Tod aufnimmt und uns aus dem Dunkel ruft: „Komm! ins Offene, Freund!“ (F. Hölderlin).              

Kurt Josef Wecker

Gebete in Zeiten der Corona-Pandemie am 5. Fastensonntag 2020

Gott, in einer schwierigen Zeit rufen wir zu dir. Wir sind verunsichert. Alles ist so ungewohnt. Und du, Gott, bist so still. Wir suchen dich. Wir tragen unsere Not in deine Nähe.

Du darfst um unsere Ratlosigkeit wissen. Denn du bist dabei in der Krise. Vor dir fragen wir: Wie geht es weiter? Das Leben der Kranken, das gesellschaftliche Leben, die Betreuung der Kinder und Jugendlichen, das kirchliche Leben…? Wir leben im Ausnahmezustand und sehnen uns nach Normalität.  Angst beschleicht uns vor der unsichtbaren Bedrohung und vor dem, was noch werden kann. Wir können uns auf Ostern nicht so richtig freuen. Wie werden wir in dieser zerbrechlichen Situation unser größtes und schönstes Fest feiern? Viele verlieren den Überblick. Und, ja, wir haben Angst, weil wir uns als so verwundbar erfahren; Angst vor der Krankheit, oft mehr noch vor dem Alleinsein, der Einsamkeit. Wir sind gefährdet und können andere gefährden. Wir haben Angst, weil Menschen, die uns lieb und kostbar sind, krank werden können, weil sie schon krank sind, weil auch wir krank werden können. Alles, was eben noch verlässlich und selbstverständlich war, wird fraglich. Dieses Suchen und Fragen tragen wir vor dich, Gott. Was zählt vor deinen Augen? Was ist wesentlich, was haben wir in Tagen des Glücks und der Normalität vergessen?  Sei du unsere Hoffnung, unser Beistand, unser Fels. Sei du unser Alleernächster. Amen.

„Wir brauchen dich Herr, wie die alten Seefahrer die Sterne!“ (Papst Franziskus) Wir brauchen dich, Christus, nötiger denn je. Lass uns erfahren, dass du uns gerade jetzt nahe bist, erschüttert wie beim Tod deines Freundes Lazarus, fassungslos angesichts der macht der Krankheit zum Tod.  Schenke uns auch heute dein Wort, dein Ohr, dein Herz. Ruf uns heraus aus den Gräbern der Angst und Verzweiflung. Lass uns spüren, dass unsere Welt in deinen Händen ruht und auch heute deine Osterwunder geschehen. Sei bei uns, wenn uns das Wasser bis zum Hals steht und wir nicht ein noch aus wissen.

Erwecke neu unsere Osterhoffnung, segne diese Welt, unseren kleinen Glauben, unsere zerbrechliche Existenz. Und überlass uns nicht dem Dunkel. Lass uns in diesen schweren Tagen zusammenwachsen, geistlich beieinanderbleiben und dem Wunder des Ostermorgens entgegengehen. Amen


Fürbitten

Gott, wir vertrauen auf Christus, der diese Welt in Händen hält und der uns in der Gefahr nicht uns selbst überlässt.


Wir bitten für alle, die dich nun ganz besonders brauchen, die derzeit besonders gefährdet sind. Halte deine schützende Hand über die Erkrankten und die, die jetzt mit dem Tod kämpfen. Bewahre die Familien und Freunde der Infizierten vor der Ansteckung.

Wir beten für alle Mediziner und Biologen, die ihr Wissen, ihre Weisheit und Kompetenz einsetzen, um das Virus zu bekämpfen. Inspiriere sie mit deinem Geist, dass sie der Wege zur Bekämpfung der Krankheit finden und dass ihre Erkenntnis allen Menschen zugutekommen.

Wir bitten um Kraft für alle, die in diesen Wochen bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten beansprucht sind: Ärzte und Pflegende und Seelsorger in den medizinischen Einrichtungen, Arztpraxen, Pflegeheimen und Hospizen.

Wir beten für die Kinder und Jugendlichen und ihre Großeltern, die sich in diesen Zeiten einander nicht sehen und umarmen können. Für die Eheleuchte und Familien, die es in beengten Wohnverhältnissen schwer haben miteinander. Für die Lehrkräfte an den Schulen, die ganz neue Wege des Lehrens finden müssen.

Wir bitten für alle, die sich in diesen Tagen ehrenamtlich und kreativ für Hilfsbedürftige einsetzen und gerade den Alten und Vereinsamten in praktischen Hilfsdiensten nahe sind.

Wir bitten dich für diese Gesellschaft im Ausnahmezustand: um Respekt, Besonnenheit und Geduld, um Vorsicht und Rücksicht, um einen wachen Blick für die, die uns nun besonders brauchen.

Wir bitten für die, die an anderen lebensbedrohlichen Krankheiten leiden und für die Menschen in den Kriegsgebieten, Hungerzonen und Flüchtlingslagern, die noch schlimmer dran sind und die ums nackte Überleben kämpfen.

Wir beten für die politisch Verantwortlichen, die ringen um die angemessene Entscheidung. Schenke ihnen einen klaren Blick. Erleuchte die, die oft unter Zeitdruck Entscheidungen mit weitreichenden Folgen fällen müssen.

Für die, die angesichts der Corona-Krise wirtschaftlich bedroht sind, deren Arbeitsplätze und Einkommen in Gefahr sind, die großen materiellen Schafen befürchten.

Wir bitten für uns in dieser Krise. Ändere auch uns, bekehre uns. Gib uns Einsicht in das, was im Leben wirklich zählt. Wecke unsere Phantasie und die Kräfte zum Guten. Mache uns rücksichtsvoller, liebevoller, solidarischer.

Wir bitten dich für unsere Gemeinden, für alle, die sich dafür einsetzen, dass das kirchliche Leben weitergeht, für alle, die Nachbarschaftshilfe organisieren. Dass wir miteinander im Gebet verbunden bleiben und gemeinsam den schweren Weg gehen.

Für unsere Verstorbenen, auch die, die wir in der vergangenen Woche im engsten Familienkreis beigesetzt haben und die wir in den kommenden Wochen beisetzen werden.


Gott und Heiland, dir legen wir diese zerbrechliche Welt nahe.  Ermutige und stärke uns. Wir vertrauen dir. Auf dein Erbarmen hoffen wir und deinen lebenspendenden Geist erbitten wir, durch Christus, unseren Herrn.


Kurt Josef Wecker

Maria, die Eine, muss zu Hause sein, wenn Er kommt?

Betrachtung zum Fest Verkündigung des Herrn (25. März 2020)

Kurt Josef Wecker, Pfarrer (Nideggen/Heimbach)


1. Maria allein zu Haus

Wir sind in diesen Tagen der Corona-Pandemie viel zu Hause - zu unserem Schutz und aus Respekt vor dem Nächsten. Viele von uns sind nun nur noch zu Hause, auf sich selbst zurückgeworfen. Und wäre das Wetter nicht frühlingshaft sonnig, so dass sich manche allein oder zu zweit nach draußen wagen - dann fiele uns bereits am Anfang dieses Ausnahmezustands die Decke auf den Kopf. Es ist gar nicht so einfach, es zu Hause mit sich auszuhalten oder auf engem Raum permanent mit Familienangehörigen zusammenzuleben. Doch viele von uns können in diesen Tagen nicht in sicherere Selbstisolation zu Hause sein. So viele unter uns sind nun außer haus, in den Krankenhäusern, Pflegeheimen, an den Discounterkassen. Wie viele verausgaben sich im Dienst an den Kranken und Alten, bei den Sicherheitsbehörden, an den Kassen der Supermärkte. Sie schweben in Gefahr, kommen an die Grenze ihrer Kraft und ahnen das Risiko, selbst angesteckt zu werden.


In dieser Zeit, in der viele von uns gemeinsam allein sind und unser vor kurzem noch normaler Alltag erschüttert wird, werden wir hineingenommen in die Stunde der Menschwerdung Gottes. Gott sei Dank war Maria damals zu Hause, als der Himmel sie besuchte! Mitfeiernd treten wir in die Kammer von Nazareth hinein, wo auf engstem Raum Weltbewegendes geschah. Der Himmel ist nicht abgesagt. Der liebe Himmel neigt sich herab auf die Eine. Wen trifft der liebe Himmel dort? Und was tat Maria, als sich der Himmel über ihr öffnete? Gottes Engel tritt zu Maria; er wird sie nicht berührt und mit Handschlag und Umarmung geherzt haben. Er wird sich vor ihr verneigt haben. Er bleibt auf Abstand. Er respektiert dieses Geschöpf und tritt ihr nicht zu nahe. Manche Maler zeigen, wie der Engel respektvoll dem Mädchen eine Lilie reicht. Doch zwischen Engel und Maria ist stets eine scheue Distanz. Gott lässt Raum!


In diesen Tagen lernte ich in einem Leserbrief der Tageszeitung: Im Indischen gibt es einen anmutigen Gruß, der Gruß „Namaste“. Das bedeutet im Sanskrit: „Ich grüße das Göttliche in dir“! Und dabei werden die Handinnenflächen zusammengeführt, in der Nähe des Herzens an die Brust gelegt und der Kopf leicht in Richtung des Begrüßten gebeugt. Ein sehr anmutiger, eleganter Gruß, der auf alles Handgreifliche verzichtet und der den Begrüßten groß macht.


Im scheuen Gruß „Ave Maria!“ geschieht das zentrale Geheimnis des Glaubens. Gott lässt sich ein auf diese zerbrechliche Menschenexistenz. Er wird verwundbar, am Ende tödlich verwundet.  Kann man über das Dogma „Et incarnatus est de Spiritu sancto ex Maria virgine et homo factus est“ predigten oder soll man dieses Zeugnis lieber den großen Komponisten und Malern überlassen? Vielleicht nehmen wir uns Zeit (wir haben nun viel Hör-Zeit!), wie die großen Komponisten Bach und Mozart, Beethoven und Bruckner diesen Wendepunkt des Heils komponiert haben.  Still und leise kommt Er zur Welt. Lassen wir es leise werden in uns, halten wir die Stille aus, die sich nun um uns breitet. Und wenn wir nun bei uns wohnen und uns zu Hause auf das Wesentliche konzentrieren, dann pressen wir im Gebet unser Ohr an die Wand der Kammer von Nazareth.


Viele sind nun vereinzelt. Gott begegnet einem einzelnen Menschen. Ein seltsamer Pilger begegnet Maria, dem vollkommenen Ebenbild Gottes. Gott selbst ist Pilger. Er kommt, bevor wir aufbrechen zu ihm. Er sucht sein Ziel, ohne es zu berühren. Er sucht das Gespräch, ein „Spitzengespräch“. Er kommt wirklich. Diese Zusammenkunft ist keine ‚virtuelle‘ Begegnung, keine Schaltkonferenz zwischen Himmel und Erde. Der Engel Gottes trifft einen zutiefst konzentrierten Menschen, Maria, die sich für diesen Ein-Fall Gottes öffnet und – begnadet – das Unmögliche möglich macht.

Wo Gott ankommt und anklopft, da ist Krisenzeit, Zeitenwende! Nun erfüllt sich die Zeit (Gal 4,4). Menschwerdung „ist angesagt“. Hier geschieht ganz Neues unter der Sonne, Gott kommt dieser Frau – einer von uns – unendlich nahe. Er sehnt sich nach dem Ziel, das er sich auserwählt hat: Maria. Indem er den Engel sendet, ist Gott der erste Marienverehrer!

Et ingressus angelus. Woher kommt dieser unerwartete Besucher? Ein eiliger Bote auf der Suche nach der Goldrichtigen, auf der unendlichen Reise zum Menschen. Bittend pilgert der Engel Gottes zum Gnadenort Nazareth. Er nähert sich lebendigen „Gnadenbild“ Mirjam. Ahnt sie, dass sie die Begnadete ist? Was kommt auf diese junge Frau zu? Der Bote überbringt ihr die unerhörte Neuigkeit! Und diese gute Nachricht wartet auf Annahme, auf Resonanz.


2. Womit war Maria beschäftigt?

Viele sind nun „Homeworker“, mit Heimarbeit beschäftigt. Womit war Maria beschäftigt? Wie hat diese junge Frau Ihn empfangen? Mit offenen Armen, sitzend, stehend, kniend? Hatte sie die Arme verschränkt, die Augen demütig niedergeschlagen? Hat sie gelesen, gebetet, gewebt, meditiert? Jedenfalls war sie in dem Augenblick, auf den es ankam, nicht abgehoben, sondern ‚voll präsent‘. Der Engel unterbricht Maria bei irgendeiner Beschäftigung. Gott fragt: Darf ich stören? Religion ist immer „Unterbrechung“, wie der vor kurzem verstorbene Münsteraner Theologe J.B. Metz betont). Der alte Lauf der Dinge, und sei es die fromme Privatandacht, wird unterbrochen. Es gibt auch ganz andere Unterbrechungen im Lauf der Welt, wie wir sie in diesen Tagen erfahren, wo das öffentliche Leben beinahe auf Null herabgefahren wird.  

Wobei trifft Er mich an, wenn er augenblicklich zum mir kommt? Womit bin ich momentan am meisten beschäftigt? Mit dem atemlosen Verfolgen des Corona-Tickers? Mit Besorgungen für meine Lieben? Mit Telefonaten und Briefkontaktpflege? Mit Home-Office? Mit Schlichten von Streit da, wo ein ‚Lagerkoller‘ droht? Mit der Suche nach einem Freiraum bei so viel Nähe der Familienangehörigen und ganz neuen Begegnungen mit den Nahen? Mit dem Spielen mit Kindern? Mit dem Aufräumen von zu lange liegen Gebliebenem? Mit Zeitvertreib und Langeweile?  Was hält mich in Beschlag? Hätte Gottes Engel die Chance, dazwischen zu kommen, in diesen Tagen, wo unsere Seelen so aufgeraut sind und wir uns fragen, wie es weitergeht, wie lange es so noch weitergeht, ob alles gut ausgeht?


Für den in Maria Wald hochverehrten hl. Bernhard von Clairvaux († 1153) war Maria die demütige Magd, die ganz in der Gegenwart Gottes lebt und sich vorbehaltlos auf Gottes Heilsplan einlässt. Gott wird Mensch dort, wo er in Maria eine Betende antrifft: eine Frau, die ganz Ohr ist, geistlich mit Gott verbunden, eine Sehnsüchtige, die sich zutiefst wünscht, dass sich endlich (in ihr) erfülle, was Er verkündigt hat. Sie wohnt nicht passiv einem Gottesdienst bei; sie lässt sich auf Gottes Gottesdienst in ihr ein und beteiligt sich durch ihr Jawort daran.

Im späten Mittelalter war das den Menschen nicht genug. Ein Mensch, der still und ‚einfältig‘ auf seinem Zimmer sitzt, erschien manchen zu passiv, zu wenig…Viele Verkündigungs-Darstellungen der Maler dieser Zeit zeigen Maria als eine eben noch Lesende, eine belesene Frau – keine selbstverständliche Vorstellung, wenn man bedenkt, wie selten Frauen in Antike und Mittelalter Zugang zur Bildung hatten! Maria ist „Buchbesitzerin“. Den Adligen und später dem gehobenen Bürgertum war es wichtig, dass die demütige Magd zugleich aus davidisch-königlichem Geschlecht und somit „eine von ihnen“ war.

Als der Engel eintritt, wendet Maria ihren Blick vom Buch, dem Gebetbuch. Diese Störung ist für sie nicht unangenehm. Sie ist betend schon bei Gott. Er ist für sie nicht der absolut Fremde. Dieser Besuch ist ersehnt und völlig unerwartet zugleich! Maria ist die von Gott wunderbar Überraschte. Der Engel unterbricht Marias Lesefluss. Ihre Augen müssen nichts mehr entziffern: Sie feiert die leibhaftige „Kommunion“ des Gotteswortes. Viele Theologen und Künstler des Mittelalters nehmen an, Maria habe das Psalterium gelesen, habe aus dem Buch Jesaja die Stelle „Siehe, die Jungfrau wird empfangen“ (Jes 7,14) betrachtet. Wäre es so gewesen, dann hätte ein Text in ihr leibhaftige Wirklichkeit angenommen: In diesem Mädchen, das sich zutiefst wünscht, dass in Erfüllung geht, was Gott verspricht, erfüllte sich die Verheißung: das Kommen des Messias.

Die heilige Schrift schweigt dazu. Doch gut möglich: Maria empfängt das ewige Wort, das ihr der Engel nahebringt, während sie das Psalterium oder ein Prophetenbuch meditiert. Im Lesen des Wortes Gottes erfüllt sich die Prophetie, geschieht Fleischwerdung des Wortes, Inkarnation. Der Engel trifft auf die, die mit Gottes Wort „umgeht“. Sie wird von Gottes Wort affiziert. Wer Marias Magnificat nachsingt, der ahnt mit Lukas, wie belesen diese Frau war, wie „gekonnt“ sie mit Gottes Wort schwanger ging. Maria – eine „Intellektuelle“? Eine uns eher fremde Vorstellung! Wir glauben, dass Maria eine einfache junge Frau in einem winzigen Örtchen Galiläas war. Aber im Mittelalter war die Vorstellung verbreitet: In Maria, der Gebildeten, nimmt Gott Format an. Sie - eine „Lehrerin des Glaubens“. Später wird sie als „Lehrerin der Apostel“ (Rupert von Deutz) verehrt, wird Patronin von Schulen und Universitäten. Die Wissenswelt sucht ihr Protektorat. Im Mittelalter wird sie zur Leitfigur für Frauenbildung.

Der Glaube – das wird uns in diesen Tagen der „Hauskirche“, der Wortgottesfeiern im Wohnzimmer deutlich – wächst aus dem ‚Wiederkäuen‘ der Heiligen Schrift, der Vertiefung in Gottes Verheißung.


3. Verkündigung in der seltsamen Passionszeit 2020

Wir feiern das Fest Verkündigung des Herrn in der Fasten- und Passionszeit 2020, einer einzigartigen Zeit, in der uns viel Verzicht abverlangt wird. Soviel Stillstand. Soviel Aushalten von Unbeweglichkeit, der unfreiwillige Rückzug, das Seinlassen von so vielem Liebgewordenen. Für viele wird es ein schwerer Leidensweg und für manche eine Zeit des Abschieds von ihren Lieben. Der Zusammenfall eines so fast weihnachtlichen Festes wie Verkündigung und der österlichen Bußzeit am 25. März war für die Tradition vollkommen stimmig: „Man glaubt, dass Jesus an dem Tag empfangen wurde, an dem er litt“, sagte Augustinus (in: De trinitate IV,4). So wird zusammengehalten, was zusammengehört: die Verkündigung des Herrn und das Aushalten des Gekreuzigten. Diese Frau ist beide Male – heute und unter dem Kreuz – offenes Gefäß, reine Empfänglichkeit. Sie wird sich nicht verweigern und nicht die Flucht vor Gott antreten.

Heute feiern wir Gottes leisen Besuch. Doch dieser Besuch bleibt bei uns und lässt diese verstörte Welt nicht mit sich allein. Maria ist zu Hause und für Ihn antreffbar. Sie ist die Türöffnerin für Gottes Kommen und die Pforte, durch die er eintritt, Maria schenkt dem Glauben, der verborgen anwesend ist, der sich ihr zumutet. Wir feiern ihre hellwache Reaktion. Ihr Ja in Nazareth und unter dem Kreuz und Jesu Ja zum Kreuzweg sind Ja-Worte, die sie ein für alle Mal für uns alle aussprechen.

Maria wird ‚voll von Gott‘. Seit diesem Moment der Menschwerdung schlummert Gott in ihr. Wir feiern Maria, die wache Frau, die hörbar Ja sagte zum Engel und ein Leben lang das Wort buchstabierte, das sie empfing.

Entdecken oder gestalten auch wir zu Hause unseren „Herrgottswinkel“. Auch wir sind von Gott Gegrüßte. Für diese schwer geprüfte Welt kommt Er zur Welt. Unser zerbrechliches Leben, in das Er heute einkehrt, halten wir ihm hin. In der uns nun zugemuteten Stille, vielleicht Einsamkeit, wollen wir auf Ihn stoßen und einkehren in sein leises Geheimnis.

Kurt Josef Wecker


Geistliche Impulse zum 4. Fastensonntag

Predigt am 4. Fastensonntag angesichts der Coronakrise

Kurt Josef Wecker, Pfr. (Nideggen/Heimbach)

Evangelium Joh 9,1-41

Liebe Mitchristen,

solch einen Ausnahmezustand haben wir alle noch nicht erlebt. Solch einen Sonntag hat es vielleicht in der ganzen Kirchengeschichte noch nie gegeben. Der Sonntag Laetare, der Herrentag auf dem Weg zum Osterfest, soll eine heilsame Unterbrechung sein. Doch er kollidiert mit einer anderen erzwungenen, verhängten, aber notwendigen Unterbrechung. Etwa zwei Millionen Deutsche, die sich an normalen Sonntagen in Gotteshäusern versammeln würden, stehen vor verschlossenen Türen oder erleben sich ein wenig verloren und vereinzelt in leeren Kirchenschiffen oder können nur medial als Zuschauer-innen eine Gottesdienstübertragung erleben. Heute können wir nicht zusammenkommen, um uns gemeinsam zu stärken. Das ist eine erzwungene Rückkehr in die Situation der Urgemeinde: als sich die kleine Gemeinde im Obergemach zusammenscharte, einmütig im Gebet (vgl. Apg 1,13f). Heute nehmen wir Jesu Wort wörtlich: „Wenn du betets, dann geh in deine Hinterkammer und verriegle dein Tor; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Und dein Vater, der ins Verborgene blickt, wird dir vergelten“ (Mt 6,6).

Denn ein für uns unsichtbare Gegner, das Corona-Virus zwingt uns dazu. Die Corona-Pandemie ist dabei, unser komplettes Leben umzustellen und hat auch das kirchliche Leben lahmgelegt. Unfassbares geschieht, was wir allein nicht in der Hand haben. Etwas, was wir vor Wochen noch weit weg glaubten, im Fernen Osten, hat uns erreicht und bringt die gewohnte Ordnung durcheinander. Mit diesem Unabsehbaren und total Unvertrauten müssen wir leben – und mit der Selbstbeschränkung, die von uns verlangt wird. Haben wir uns eine solche Fastenzeit vorstellen können, einen Verzicht auf das Vertraute und Haltgebende, auf den leiblichen Empfang der Eucharistie, auf das gemeinsame Hören auf Gottes Wort? Was nun von uns verlangt wird, das ist Vorsicht und Rücksichtnahme, Besonnenheit, Maß und Solidarität. Es gibt ein lateinisches Sprichwort: „Wenn Rom brennt, ist es unrecht, Geige zu spielen“. Und darum ist es richtig, dass wir heute physisch auf Abstand bleiben. Das fällt so schwer! Zudem ist Frühlingsanfang; die Natur zeigt allmählich ihre verheißungsvolle Seite. Es sind die Tage, an denen wir ansonsten „aus uns herausgehen“, uns gesellig und feiernd zusammenfinden. An diesem Sonntag ist Tag- und Nachtgleiche; der Tag, von dem an das Tageslicht auf der Nordhalbkugel wieder überhandnimmt.

Doch wir spüren: Seit diesen Märztagen 2020 ist alles anders. Wir fahren gewissermaßen im Nebel. Niemand beneidet die Verantwortungsträger, die in diesen Tagen schwere und folgenreiche Entscheidungen treffen müssen, mit hohem Wissenstand und hoher Verantwortung, aber doch ins Dunkle und Ungewisse hinein. Die Wissenschaftler und Politiker, die ahnen, dass wir mit einer noch so unbekannten Herausforderung konfrontiert sind, die man nicht allein technisch und methodisch souverän in den Griff bekommt. Menschen müssen Entscheidungen fällen, von denen man wohl erst später weiß, ob sie richtig und rechtzeitig waren. Das gesamte öffentliche Leben ist heruntergefahren. Und so seltsam anders wird es auch in absehbarer Zeit bleiben. Die Natur hat ihre eigene Wirklichkeit. Das Coronavirus zwingt uns, auf Abstand zusammenzukommen und eine Art „eucharistische Fastenzeit“ zu leben.

Alles, was gerade in diesen Wochen das kirchliche Leben auch in unseren Pfarren bestimmt, ist lahmgelegt. Fast nichts geht mehr. Pilgerwege in und nach Heimbach werden gestoppt, der katechetische Weg der Eltern in die Taufe ihrer Kinder, der Kommunionkinder in das Fest der Erstkommunion werden unterbrochen. Das tut weh.

Die Messfeiern, die wir Priester in diesen Wochen ohne Gemeinde (und doch stellvertretend für die Gemeinden) feiern, sind nur ein Notbehelf. Wir Priester können zwar die hl. Messe feiern, stellvertretend und im Wissen darum, wie viele Gemeindeglieder sich dem innerlich anschließen; doch diese Feier ist arm. Ich blicke in leere Bankreihen und vermisse Sie und Euch als Mitfeiernde!  Ich vermisse bereits an diesem ersten Sonntag des Ausnahmezustands schmerzlich das, was uns so selbstverständlich geworden ist: das Zusammenkommen der Betenden zur Feier des Herrentags. So vieles musste abgesagt werden; so viel liebevoll Vorbereitetes wird stillgelegt und vertagt. Wir bleiben zu Hause und kommen doch am Herrentag in unseren Häusern zum Gebet zusammen und sind gemeinsam dem nahe, der unser Allernächster ist. Wir versuchen, im Gebet geistlich zusammenzurücken und dem nahe zu kommen, der bei seiner Welt in dunklen Stunden bleibt und nie von uns lässt.

Was für eine Paradoxie, auf die auch unsere Kanzlerin hinwies: Wir müssen Abstand halten von unseren Mitmenschen, gerade auch von denen, die uns lieb und teuer sind. Fürsorge durch Distanz. Das Herz sucht vielleicht Nähe und Berührung, der Verstand gebietet Abstand. Distanz um Gottes und des Nächsten willen! Wir müssen unseren Lebensstil ändern, werden auf uns selbst zurückgeworfen. Diese Konzentrationsübung haben wir uns nicht ausgesucht, sie wird mir zugemutet, sie steht uns bevor. Wir werden uns in den kommenden Wochen drinnen und innen neu entdecken. Andere werden draußen bis an ihre Grenzen gefordert. Was uns Aschermittwich gesagt wurde, spüren wir nun existenziell: wir sind verwundbar. Und wir sind potentielle Gefahrenherde; wir sind gefährdete Gefährder, mögliche Überträger.  Wir müssen Leib und Leben des anderen schützen, uns selbst schützen.

Doch wir müssen in diesen Wochen auch unsere Seele schützen. Darum rücken wir im Gebet geistlich zusammen. Das Gebet wird nun unsere Kraftquelle, und Lichtsignale wie die brennenden Kerzen im Fenster vernetzen uns. Jetzt ist die Zeit für die Fürbitte und das Bittgebet, aber wir brauchen nun auch den Raum für die Klage, auch die Sprachlosigkeit, das Schweigen und das vielleicht leise Gotteslob. Wir brauchen nun die Geistesgegenwart Gottes, der uns einfallsreich mache für kleine Gesten und liebe Aufmerksamkeiten in den vor uns liegenden Tagen und Wochen. Viele leiden unter der vorübergehenden Vereinzelung. Wir bitten in diesen Tagen um ein waches Leben: um Geduld, Rücksichtnahme, Vorsicht, Besonnenheit, um Zärtlichkeit, die sich eben nicht nur in Berührung und körperlicher Nähe erweist. Wir bitten um Einsicht in das, was im Leben wirklich zählt; eine kleine Hilfestellung, einen Anruf, eine Nachbarschaftshilfe… Hoffentlich macht uns diese Not erfinderisch! Was bleibt uns in diesen einzigartigen Tagen des Fastens und der „Umkehr“ zu tun? Viel Kreativität im Kleinen ist gefragt. Gute Einfälle müssen wir uns schenken lassen, wie wir einander trotz allen Abstands nahe bleiben.

Und dabei ist es zu kurz gegriffen, wenn wir uns fragen: Was können wir in dieser Krise, aus dieser Krise lernen? Als sei Gott einer, der uns wie ein Psychologe und Pädagoge mittels dieser Krise umerziehen will…. Doch bleibt die Frage: Was will uns Gott mit der Zumutung dieser elementaren Lebenskrise sagen? Wie wird diese Grenzerfahrung mich ändern, meinen Glauben, meine bisherigen Prioritätensetzungen? Wir werden – mit einem Wort Bonhoeffers „auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen“. Vieles Laute und Schnelle, Äußerliche und Abwechslungsreiche wird nun nebensächlich. Es wäre viel, wenn der unsichtbare Gott wieder tiefer in mein Blickfeld gerät, wenn wir dankbarer leben mit dem Geschenk unseres endlichen Lebens und die schützen, die nun am Gefährdetsten sind, die alten und kranken Menschen und die, die inmitten der Coronakrise an den Grenzen Europas oder in Syrien um ihr Überleben kämpfen.

Im heutigen Evangelium geht es um eine Blindenheilung Jesu. Um Augen, die sehen, um das rechte Augenmaß, das er schenkt. Um drastische körperliche Maßnahmen, mit denen Jesu der Blindheit eines Namenlosen zu Leibe rückt (Joh 9,6). Suchend und fragend und klagend und auch anklagend stehen Menschen in diesen Tagen vor dem Schöpfer.  Wie sehen meine Augen? Wie nehme ich augenblicklich den anderen wahr? Haben wir Angst voreinander? Nehmen wir uns vorrangig als potentielle Bedrohung wahr oder als Geschöpfe, die in derselben Lage sind wie ich: verwundbar, vorsichtig, ängstlich? Jesus heilt die blinden Augen. Verdränge ich wie mit Scheuklappen die Realität? Menschen zeigen in diesen Krisentagen, was an Menschlichem in ihnen steckt. Das Beste und das Schlechteste im Menschen kommen in solchen Zeitenwenden zum Vorschein. Viel Augenmaß wird von den Entscheidungsträgern verlangt. Wir hören von vielen Helferinnen und Helfer, die bis über die Grenze des Menschenmöglichen gehen und mit ihrem Lebenseinsatz zeigen, was das ist: Hingabe, Opfer, Einsatz bis zum Letzten. Die schlichte Fürbitte des Krankenhauspersonals an die ‚Privilegierten‘, die dort nicht wirken müssen, lautet: „Wir bleiben für Euch im Krankenhaus. Bleibt Ihr für uns zuhause.“  

So wie Jesus damals dem Blinden den Augensinn gibt, so muss auch er uns heute berühren. Er darf es! Er darf unendlich nahe an uns heran, in unsere Augen, die vielleicht nicht sehen wollen und können:  die Realität der Bedrohung, die Sterbenden und Schwerstkranken in den Hospitälern anderer Länder und auch bei uns. Nicht zu begreifen ist die Blindheit von Menschen, die so tun, als seien sie vital und immun und als gäbe es die Gefahr für sie nicht. Menschen, die in dieser Zeit der Lebensgefahr immer noch als Sorglose leben und sich innerlich wegdrehen und wegschauen und nicht sehen wollen, was die Stunde geschlagen hat. Wir können nicht einfach so unbekümmert weitermachen. Der Tanz auf dem Corona-Vulkan muss ein Ende haben. Ein junger Unverbesserlicher sagte: „Das Leben ist zu kurz für eine lange Auszeit“. Aber genau diese Auszeit wird von uns verlangt.

Und darum bitten wir um das Augenwunder Jesu heute. Herr, ziehe nicht an deiner Welt vorbei. Weite unseren Blick für die, die uns nun gerade brauchen, für die, deren Leben sich nun gerade drastisch ändert; für die Erkrankten, die um ihr Leben kämpfen; für die Verängstigten und  Isolierten; für die Familien, denen die ständige Nähe womöglich zur Belastung wird; für die, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen; für die Politiker, die entscheiden müssen  und die Wissenschaftler, dass ihre Erkenntnisse allen zugutekommt.

Göttlicher Augenarzt und Heiland! Wecke in uns und in dieser Gesellschaft die Kräfte zum Guten. Und segne uns Herr. Bleibe bei uns. Lass uns glauben, dass diese Schöpfung in deinen Händen ruht.

So segne und behüte uns an Leib und Seele unser Gott, der allmächtig und barmherzig ist - der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen

Kurt Josef Wecker


Evangelium zum 4. Fastensonntag (Joh 9,1.6-9.13-17.34-38)

In jener Zei sah Jesus unterwegs einen Mann, der seit seiner Geburt blind war.
Jesus spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig,
strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte zu ihm:

   Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Das heißt übersetzt: der Gesandte.
Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen.
Die Nachbarn und jene, die ihn früher als Bettler gesehen hatten,
sagten:

   Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte?
Einige sagten: Er ist es.

Andere sagten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich.
Er selbst aber sagte: Ich bin es.
Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern.
Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte.
Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei.
Er antwortete ihnen:
Er legte mir einen Teig auf die Augen und ich wusch mich und jetzt sehe ich.
Einige der Pharisäer sagten:
Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält.
Andere aber sagten:
Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun?
So entstand eine Spaltung unter ihnen.
Da fragten sie den Blinden noch einmal:
Was sagst du selbst über ihn?
Er hat doch deine Augen geöffnet.
Der Mann sagte:
Er ist ein Prophet.

Sie entgegneten ihm:
Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren?
Und sie stießen ihn hinaus.
Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten,
und als er ihn traf, sagte er zu ihm:

   Glaubst du an den Menschensohn?
Da antwortete jener und sagte:

   Wer ist das, Herr, damit ich an ihn glaube?
Jesus sagte zu ihm:

   Du hast ihn bereits gesehen; er, der mit dir redet, ist es.
Er aber sagte:

   Ich glaube, Herr!
Und er warf sich vor ihm nieder.


Meditation:


Die Augen öffnen und sehen:

Die Menschen um uns
mit ihren Sorgen und Nöten
mit ihrer Angst und Ratlosigkeit.

Die Augen öffnen und sehen:

Die Quellen der Freude
die Zeichen der Hoffnung
den Anfang neuen Lebens.

Die Augen öffnen und sehen:

Wir sind nicht allein
Gott ist mit uns unterwegs
in unseren Brüdern und Schwestern.

Die Augen öffnen und sehen:

Das Licht unseres Lebens
die Freiheit der Herzen
die grenzenlose Liebe unseres Gottes.


                                      (Helene Renner)


Gebet:

Herr Jesus Christus,
du heilst den Blinden.
Er kann sehend durch das Leben gehen.
Du heilst auch unser Herz.
So können wir sehend
in unser Leben,
zu den Mitmenschen gehen.
Segne uns, dass wir immer
mehr mit deinen Augen sehen
und so zum Segen werden. - Amen.


Fürbitten zum 4. Fastensonntag:

1. Wir beten für alle, die unter der Corona-Pandemie leiden: Für die an Covid19 Erkrankten, die im Krankenhaus sind und für alle in Quarantäne.

2. Für die Berufstätigen, die unsicher sind, wie es weitergeht. Für Arbeitgeber und Selbständige, deren Existenz in Gefahr gerät. Für alle, die voller Angst sind und sich bedroht fühlen.

3. Wir beten für die vielen Menschen, die unermüdlich im Einsatz sind: Für alle, die sich in

Arztpraxen und Krankenhäusernum das Wohl der Patienten und Patientinnen kümmern.

4. Für alle, die sich jetzt im Alltag und in der Freizeit anders verhalten als sonst. Und für alle Verantwortlichen, die für das Land und für Europa wichtige Entscheidung treffen müssen.

5. Für die Frauen und Männer, die im Lebensmittelhandel und in Apotheken arbeiten,um die Grund-versorgung aller gewährleisten zu können. Für alle in den Laboren, die unter Hochdruck Tests auswerten und nach Medikamenten und Impfstoffen forschen.

6. Wir beten für alle Christen und Christinnen, die in dieser besonderen Zeit herausgefordert sind;
und für die Seelsorgerinnen und Seelsorger, die neue Formen entwickeln, wie Menschen ihren Glauben miteinander teilen.

7. Für die Gläubigen, denen die Gottesdienstgemeinschaft fehlt. Für alle, die einander beistehen und sich ermutigen.

8. Wir bitten für uns selbst: Für die Sorgen und Nöte, die jeder und jede von uns mitbringt.
– In Stille nennen wir dir die Namen derer, die uns besonders am Herzen liegen


Du bist nicht laut

doch bist du da

still und schweigend

neigt sich der Tag

still und dankbar

dem der ihn gab

still und klein

nur staunen kann

still und suchend

erkennen dann

still und geborgen

von Liebe gerührt

still in Stille

Gott verspürt

                (Kevin Küpper)


Das Bild zum Text steht uns nicht zur Veröffentlichung zur Verfügung. Wir verweisen daher auf den Pfarrbrief in der Kirche.

Paul Hey, Die drei Könige aus dem Morgenland

Bildbetrachtung von Pfarrer Kurt Josef Wecker (Nideggen/Heimbach)

Paul Hey schuf kurz vor dem ersten Weltkrieg (1910) das stimmungsvolle Aquarell „Die drei Könige

aus dem Morgenland“, das uns in diesem Jahr auf die Weihnacht einstimmt. Wer war Paul Hey

(1867-1952)? Hey war ein Künstler mit hohem Verbreitungsgrad, ein inzwischen unbekannter Kinder-

und Märchenbuch-Illustrator, ein Designer für Zigarettenwerbung und Zigarettenbilder, Gestalter

von Schul-Wandbildern und von ehedem beliebten Bildpostkartenserien, ein Zeichner und

Idyllenmaler von ‚Heimatkunst‘, auch von christlichen Motiven zu den Festen des Kirchenjahres.

Kaum ein Künstler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – zwischen Wilhelminischem Kaiserreich

und der Weimarer Republik – erreichte eine solche Breitenwirkung und Popularisierung wie dieser

Münchener ‚Kleinkünstler‘, auch wenn sein Name dem Betrachter oft unbekannt blieb. Er stand

anfänglich mit Käthe Kollwitz in Kontakt, wirkte in Gauting bei München. Dieser volkstümliche „Maler

der heilen Welten“ verstand sich darauf – vergleichbar mit Ludwig Richter oder Moritz von Schwind -

eine suggestive Atmosphäre zu schaffen, ohne dass es kitschig, idyllisch oder allzu gemütvoll wirkt.

Die Wallfahrt der Weisen durch die Schneewüste

Weihnachten ist es zwar drinnen behaglich, aber an diesem Fest sind wir eingeladen, nach draußen

zu treten, nach oben zu blicken. Draußen kann man den Himmel besser sehen. Vielleicht werden wir

Weihnachten auch zu ‚Himmelsguckern‘, ärgern uns über graue Wolken und Schmuddelwetter,

staunen über die Unermesslichkeit des Alls oder erschrecken angesichts eines leeren, zeichenlosen

Himmels. Heys Bild „Die drei Könige aus dem Morgenland“ hinterlässt einen seltsamen Eindruck: Eine

Karawane stapft in einer klaren, kalten Winternacht durch eine Schnee-Wüste. Diese Landschaft

wirkt sehr nordisch; man könnte sagen: eine ‚typisch deutsche‘ Vergegenwärtigung des

Heilsgeschehens. Solche Schneefelder gibt es wohl kaum vor Jerusalem. Wir nehmen Menschen war,

die unterwegs sind unterm Firmament. Schemenhaft bewegt sich eine ‚verschworene Gemeinschaft‘

andächtig und schweigend durch die stille Landschaft einem ganz bestimmten Ziel entgegen.  Wer

geht an der Spitze, wer kennt die Richtung und wer ahnt das Ziel? Die Karawane, die an uns

vorüberläuft, hinterlässt Spuren im Schnee. Männer kommen mit Kamelen und Eseln; es sind

Orientalen mit einem Turban auf dem Kopf; darunter sind die drei Weisen, die „Magoi“ -

tiefblickende, darum ‚königliche‘ Menschen. Sie kommen mit ihrem Gefolge, wohl ihren Dienstboten.

Die Lichtführung auf dem Bild ist sehr gelungen: Einer der Begleiter trägt offenbar eine Laterne,

deren Schein einen der Magier in ein geheimnisvolles Licht taucht. Diese Männer bewegt keine

romantische Sehnsucht nach der unerreichbaren Ferne; dargestellt ist auch nicht das auserwählte

Wüstenvolk Israel auf dem Weg in das Gelobte Land. Das sind keine orientierungslos

umherstreifenden Nomaden, auch keine Händler auf der Weihrauchstraße, die ihren eigenen

Geschäften nachgehen. Ein auffallender Stern (Mt 2,2) hat Wissensdurstige neugierig gemacht. Ein

Komet mit einem gewaltigen Lichtschweif gab ihnen Orientierung. und sie begaben sich auf eine

Abenteuerreise. Auch dieses fremde „Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.“ (Jes

9,10). Erst im Nachhinein wird sich zeigen, dass Gott sie zum Aufbruch drängte, dass dieser

Wüstenzug die erste Christus-Wallfahrt, die erste „Heiliglandreise“ war, dass diese Sternenkundige -

vielleicht aus dem Zweistromland - Pilger waren und ihnen am Ziel in einem Kind der „strahlende

Morgenstern“ (Offb 22,16) aufgehen wird. „Durst und Schweiß der langen Reise, wer denkt daran

zurück…“ (GL 829,3). Sterne geben Grund zum Staunen; die Gestirne sind die am ‚höchsten‘

liegenden und entferntesten Objekte, die wir Menschen wahrnehmen können; längst verglühte

Sterne, die Vergangenheit geworden sind; also Licht von ‚gestern‘, das uns heute erreicht. Wenn wir

den gestirnten Himmel über uns bestaunen, dann blicken wir in die Vergangenheit. Manches Licht war tausende Jahre lang unterwegs zu uns. Nachts kommen diese Leuchten zum Vorschein, sofern

uns nicht die immer mehr um sich greifende ‚Lichtverschmutzung‘ den Ausblick auf das gestirnte

Universum verunmöglicht. Doch es sind ‚nur‘ Geschöpfe, vom Schöpfer ins Werk gesetzte und

angeknipste ‚Lampen‘ (Gen 1,14f) am Himmelszelt. An das Universum können wir keine Wünsche

richten. Wir sind keine Sonnenanbeter oder Menschen, die sich vom Horoskop abhängig machen.

Davor wird schon in Dtn 4,19 gewarnt: „Wenn du die Augen zum Himmel erhebst und das ganze

Sternenzelt siehst, die Sonne, den Mond und die Sterne, dann lass dich nicht verführen! Du sollst dich

nicht vor ihnen niederwerfen und ihnen dienen. Der Herr, dein Gott, hat sie allen anderen Völkern

überall unter den Himmel zugewiesen.“ Die Karawane nimmt den Kometen als Wegzeichen wahr.

Mehr nicht! War der Komet in Wahrheit die auffällige Konjunktion, das enge Nebeneinander der

Planeten Saturn und Jupiter im Sternzeichen des Fisches im Jahre 7 vor Christus? So vermuten

Historiker. Der Stern wurde zum ‚Navi‘. Irgendwann hat der Himmelskörper, der so auffällig zum

Vorschein kam, seine Schuldigkeit getan. Er wird stehen bleiben (Mt 2,9), denn er war nur ‚Vorläufer‘

und wird überflüssig. Weihnachten ist ein Geschehen voll kosmischer Anmutung - und ein ‚Suchspiel‘.

Selbst die Sterne spielen mit beim Krippenspiel, doch nur eine Nebenrolle. Denn der Stern von

Bethlehem ist bloß stummes Zeichen eines weltbewegenden Wunders, dass der wahre

‚Morgenstern‘ auf die Erde gefallen ist, dass wir den Retter ‚ganz unten‘ suchen dürfen im Futtertrog,

in einem armseligen Kind. Da kommen zur Weihnacht zusammen, was man sonst säuberlich

scheidet: Ein kosmischer Ausnahmezustand, königliche Weise, stinkende Tiere und ein

Armeleutekind, das in Wahrheit das Königskind ist. In diesem ‚kleinen Gesicht‘ kommt Gott am Rand

des Imperiums in einem Erdloch ‚zum Vorschein‘. Dieses Kind, einmal zum Mann geworden, wird zum

„Stern der Gotteshuld“ (GL 220,4) werden, der mit uns wandert und unsere Lebenswege beglänzt.

Meine Lebensreise, sie läuft in Christus auf Gott zu, ob ich es glaube oder nicht.

Die Karawane zieht weiter

„Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst“ („dä Sultan hät Doosch“ – so heißt es bei den

‚Höhnern‘). Ein arabisches Sprichwort lautet: „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter“. Die (im

Orient als unrein geltenden) Hunde kläffen, doch die Kamele und Esel schreiten unbeirrt voran. Diese

Reisenden gehen neugierig und mit langem Atem. Die Sternkundigen sind keine Sterngucker, die in

ihrem Elfenbeinturm blieben; sie waren bereit zur Entdeckungsreise nach dem Neuen und

Unerwarteten. Das ist ‚Schöpfungsfrömmigkeit‘.  „Blicke auf zu den Sternen, hab‘ acht auf die

Gassen“, rät der Dichter Wilhelm Raabe. Der adventliche Hinweg dieser Reisenden ist lang, sie

werden Umwege machen und irgendwann wieder auf der langen Heimreise sein. Unser Weg zur

Christmette ist trotz größerer Pfarrverbände gut erreichbar. Wir haben die Wahl. Doch der

Weihnachtsgottesdienst dieser Winterreisenden findet nicht im ‚Nahbereich‘ statt. Nein,

Weihnachten ist nicht einzuordnen in das Gewohnte und Altbekannte, ist nicht ‚das Abenteuer direkt

um die Ecke‘. Gott kommt von weither zu uns und lädt uns ein, ‚Fernpilger‘ zu werden. Die anonymen

Gottsucher aus dem Osten sind – in ihrem Suchen und Forschen - von Gott Besuchte. Das ist die

Weihnacht der Ferngereisten, der Fernstehenden, der unerwarteten und späten Gäste. Was haben

sie dabei? Welcher Ruf machte ihnen Beine? Spürt diesen diese Nachtwanderer, dass ihnen die

Weihnacht bevorsteht. Im Gang ist eine Suchbewegung von Gottbewegten - unterwegs zum

Geburtsort des Messias. Begabt mit der Weisheit des Ostens, reisen sie auf ihren Kamelen und haben

Platz für Gepäck und Geschenke, für Gold, Weihrauch und Myrrhe. Der Startschuss zum Aufbruch

kam für diese Klugen von außen. Es musste ein äußeres Zeichen sein, so wie auch das

Weihnachtsevangelium aus offenem Himmel und aus Engelsmund den Hirten Beine machte (Lk

2,9ff). Von sich her kämen wir nicht drauf, dass uns in der Heiligen Nacht das Heil widerfährt.

Weihnachten reden wir uns nicht ein. „Extra nos“ (Luther),  ‚ außerhalb von uns‘ und gerade deshalb

‚für uns‘ geschieht Weltbewegendes. Ohne den Stern hätten die späten Weihnachtsgäste keinen

Grund gehabt aufzubrechen, wären sie auch nie durch die weglose Wüste am Ziel angekommen. Trotz ihrer Neugier und ihres Wissensdurstes haben diese anonymen Pilger kein selbstgestecktes Ziel.

Wer sucht, der findet – doch nicht immer das Richtige. Wer sucht, der wird gefunden vom Stern und

von einem Ziel, das wir uns nicht ausdenken können und das uns doch gleichsam magnetisch anzieht.

Am Ziel der Reise geht diesen Reisenden auf, dass sie gekommen sind, um auf die Knie zu fallen und

anzubeten – und dann beschenkt heimzukehren in ihr Land (Mt 2,12).  „Siehe, die Weisen haben sich

aufgemacht. Ihre Füße liefen nach Bethlehem, ihr Herz aber pilgerte zu Gott“ (Karl Rahner).

„Eine wahrhaft ungeheure Reise“ (Franz Kafka)

Wir Betrachter haben das Nachsehen. Wir sehen Rückenfiguren. Sie laufen an uns vorbei. Uns bleibt

nur die Rückenansicht. Doch diese Perspektive ist eine Einladung zur Entscheidung: Bleibe ich

sesshaft und verpasse die Gunst der Stunde? Oder will ich mich dieser Gruppe anschließen, die nicht

seelenruhig zu Hause sitzen bleiben konnte? Wollen wir uns mitnehmen lassen oder verträumt einer

Karawane ‚aus tausendundeiner Nacht‘ nachschauen? Leide ich an geistlichem Bewegungsmangel?  

Hey versetzt den Zug der Weisen in eine ‚deutsche Landschaft‘. Hier geschieht ‚Liveschaltung‘

zwischen damals und heute! Halten wir – hier und heute - unerwartete Orte und Zeiten für möglich,

an denen sich die Begegnung mit dem Unendlichen ereignen kann? Und falls ich mich diesen

Vorläufern anschließen sollte - werde ich Schritt halten? Werde ich den langen Atem behalten, dabei

zu bleiben? Werde ich am Ziel enttäuscht sein, weil ich mir mehr versprochen habe als ein Kind und

dessen Mutter (Mt 2,11)? Wird mich der Lockruf Gottes zum Suchen und Fragen bewegen? Oder

bleibe ich ungerührt im Gewohnten, bleibe ich der/die Alte? Das diesjährige Bild zum Fest zeigt also

die Weihnacht der Spätkommenden. Der Evangelist Matthäus sagt uns: Auch ihr fernen und späten

Gäste, auch ihr Anderen gehört dazu, mitsamt den neuen Erfahrungen, die ihr mitbringt, die uns

bereichern und vielleicht irritieren. Die Spuren dieser Karawane im Sand und Schnee sind längst

verweht. Die frommen Sterndeuter sind längst von der Bildfläche abgetreten. Das waren keine

Kirchenmänner, keine Funktionäre und Amtsträger. Fremde Gäste waren beim Kind zu Besuch, doch

sie wurden darum keine Apostel oder Missionare. Am Reiseziel stand ihnen eine irritierende und

beglückende Begegnung bevor: das irdische Gegenüber zu dem gewaltigen Stern hoch oben ist der

Gott ‚in Knechtsgestalt‘ ganz unten. Zu sehen gab‘s nicht mehr als eine Mutter-Kind-Gruppe. Lohnt

sich der Aufwand für dieses armselige Ziel? Hast du, Gott, nicht mehr zu bieten?   

„Entdecke mich!“ - so das Motto der Heiligtumsfahrt 2021 in Aachen. Entdeckt das Neue, das vor uns

liegt und uns entgegenkommt! Entdeckt das Wunder, das Gott längst für Euch bereitet hat! Lasst uns

aufmerksam schauen und gehen und staunen und anbeten; lassen wir Verwandlung an uns

geschehen! Weihnachten macht uns staunen. Der neue Mensch geht uns auf, er taucht still und

ohnmächtig auf. Der, der den Namen ‚Jesus‘ trägt, ist der Morgenstern, der in den Schoß Marias, auf

die Erde, in den Erdtrog von Bethlehem, in unser Fleisch und Blut gefallen ist. Er ist der neue Star, der

nie untergeht und verblasst. „Unterwegs“ (Hebr 13,14; 1 Petr 2,11) waren die jüdischen Hirten, um in

einem nächtlichen Suchspiel nach einem Kind ‚in Windeln gewickelt‘ Ausschau zu halten und darin

nach dem verheißenen Messias. „Unterwegs“ waren diese heiligen Heiden. Nur wer den Weg nicht

scheut, erfährt das Ziel. Nur wer den Standortwechsel vornimmt, erfährt Verwandlung und sein

Weihnachtswunder. Werde ich mich auf den Weg machen zu dem, der ‚Weg‘ und Wahrheit ist?  Gott

hat eine unendliche Reise hinter sich, um bei mir und dir anzukommen; er taucht nicht als blasse Idee

in den Köpfen der Gelehrten auf, er ist keine Sternengottheit. ER tritt zu uns als Mensch. Er – einer

von uns. In dem winzigen Jesus setzt er sich zu uns in Bewegung, um bei dir und bei mir

anzukommen, um uns anzusehen. Keine Nacht ist zu dunkel, und kein Weg ist zu weit für ihn.  

Ihnen und Euch gesegnete Krippenwege, eine frohe Weihnacht und ein heiles Ankommen unter

Seinen Augen! Möge Christus, der neue ‚Stern‘, auch in unserer Nähe zum Vorschein kommen!                   

Kurt Josef Wecker, Pfr.


Leider steht uns dieses Bild zur Veröffentlichung nicht zur Verfügung , daher verweisen wir an dieser Stelle auf den Pfarrbrief in unserer Kirche.

 


Ostern – Faszination und Erschrecken

Bildbetrachtung von Kurt Josef Wecker, Pfarrer

 

Was ist da wohl passiert in aller Herrgottsfrühe an diesem Ur-Sonntag? So fragen wir uns zu Ostern und stellen

 

uns zuweilen die Auferstehung Christi so vor, aber können wir sie konkret im Bild festhalten.

 

 Vincenzo Campi (geb. 1530 /1536, gest. 1591), ein unbekannter Maler aus dem norditalienischen Cremona,

 

 malte um 1580 ein Ereignis, das alle Maße sprengt. Das Bild befindet sich mit 14 anderen ‚Tondi‘ (Rundbildern)

 

 heute in der Kollegiatskirche S. Bartolomeo Apostolo in Giuseppe Verdis Geburtstort Bussetto  bei Parma

 

 in der Emilia-Romagna. Es stellt uns eines der „glorreichen Geheimnisse des Rosenkranzes“ vor Augen:

 

 Christi Auferstehung. Und dabei legt Campi sich keine Zurückhaltung auf. Anschaulich und dramatisch geht es zu.

 

 Aber wünschen wir uns eine solche Christuserscheinung? Wünsche ich mir eher Frühlingserwachen

 

 als Christi Erwachen? Kann man Ostern so anschaulich ins Bild bringen? Campi will das Geheimnis der Auferstehung

 

 – den im Evangelium nicht beschriebenen Augenblick des Verlassens des Grabes - nicht scheu wahren.

 

Nein, er füllt die ‚Leerstelle‘ und stellt uns den Auferstandenen drastisch, voller Pathos, ja bombastisch und

 

durchaus ‚fragwürdig‘ vor Augen. Ostern ist ein ‚öffentliches Geheimnis‘ und eine sehr fremde

 

Geschichte, ein uraltes und immer neues Wunder. Campi betont die ‚körperliche Auferstehung‘ Jesu.

 

Befremdlich auf uns Betrachter wirkt der Versuch des Künstlers, uns das unvorstellbare Mysterium

 

von Ostern, das von der Bibel nicht Erzählte, trotzdem nahezubringen. Verwegen überschreitet er die

 

Grenze, die das Evangelium setzt; die Osterbotschaft hingegen mutet uns Glaubenden zu

 

auszuhalten, dass der Vorgang der Auferstehung unseren Blicken entzogen bleibt. Doch die

 

Vorstellungskraft des ‚Augenmenschen‘ Campi bedient meine Neugier, mein Schauverlangen. Der

 

Maler aus Cremona missachtet gewissermaßen das Bilderverbot - als sähen wir, wie die Grabwächter

 

und aus sicherer Distanz, dem unfassbaren Geschehen der österlichen ‚Lichtsekunde‘ zu.  

 

Campi setzt mit einem ausdrücklichen Körperinteresse den österlichen Herrn vertikal und frontal in

 

Szene: Christus erscheint als Ganzfigur, der in der Mittelachse des Bildes schreitet. Mit ‚himmelndem

 

Blick‘ ist er unterwegs nach ‚oben‘; er hält sich dem göttlichen Vater entgegen. Jesus trägt den

 

Kreuzstab und das im Osterwind flatternde Auferstehungsbanner. Der barfüßige Osterheld ist kaum

 

bekleidet; ein Manteltuch in leuchtendem Blau umhüllt diesen überlegenen, machtvollen Sieger, der

 

wie ein heidnischer Gott, wie ein athletischer Apoll wirkt: Christi Aufstieg zum Licht, sein Übergang

 

vom Tod zum Leben. Kann diese Heldengestalt der Gekreuzigte sein? Die Wundmale Jesu muss man

 

mit der Lupe suchen, die Seitenwunde ist nur zu ahnen. Hat sich Jesus durch die österliche Tat des

 

Vaters so gewandelt? Dieser Christus ist offensichtlich das Sinnbild des erlösten, verklärten

 

Menschen, der „schönste Herr Jesus“ (GL 364), Triumphator über den alten Feind, den Tod. Jesu

 

Lichtleib leuchtet auf im übernatürlichen Glanz. Leichtfüßig, beinahe schwebend, entmaterialisiert,

 

mit hochgestelltem gewinkeltem Bein – so tritt er auf den Sargdeckel des „Heiligen Grabes“. Diese

 

energiereiche Gestalt wirkt so souverän, als habe sie längst das Leiden des Karfreitags hinter sich

 

gelassen, als sei der Gekreuzigte von seinen tödlichen Verletzungen erlöst und seien die Wunden des

 

Karfreitags wundersam auf seinem makellosen Körper geheilt. Liegt hier eine Verwechslung vor? Wie

 

kann der gemarterte Leib des gekreuzigten Herrn auf einmal so schön sein? Man muss wohl ein

 

Mensch der Renaissance und ein Maler des Manierismus sein, um diesen kraftvollen Auftritt Jesu zu

 

verstehen. Ja, Ostern ist das Fest der Verwandlung. Auferstehung ist für Vincenzo Campi nicht das

 

mühevolle Erwachen eines geschundenen Leichnams. Hier arbeitet sich kein ausgebluteter,

 

versehrter Gekreuzigter mühsam aus der Grabeshöhle nach oben. Nein, voller übernatürlicher

 

Leichtigkeit und aus eigener Kraft tritt Er hervor. Dieser Christus braucht keine Engel, die das

 

Ostergeheimnis verkünden. Auferstehung scheint mühelos zu geschehen, ist evident. Christus

 

befindet sich im Aufwind - auf dem Weg zur Himmelfahrt und zur endgültigen Verklärung. Wo bleibt

 

im Pinselstrich des Künstlers die Scheu vor dem Unvorstellbaren, wo die Wahrheit des Engelworts „Er ist nicht hier!“?  Der

Lichtschein wirkt wie ein gewaltiger Nimbus. Christus ist der, der als „unbesiegte

 

Sonne“ quasi auf Löwen und Drachen tritt (Ps 91,13) und sich als unwiderstehlicher Sieger durchsetzt

(vgl. 1 Kor 15.55 und Eph 6,14f).

 

Repräsentanten der überwundenen Gegenwelt auf unserem Bild sind die Grabwächter, diese

 

seltsamen Nebendarsteller des Heilsdramas, von denen in den kanonischen Evangelien allein

 

Matthäus (Mt 27, 62-66 und 28, 1-6) erzählt. Sie sind Diensthabende des Imperiums und wurden auf

 

Geheiß des Pontius Pilatus an der Begräbnisstätte Jesu postiert. Die Feinde Jesu - die Hohenpriester,

 

die Ältesten und Pharisäer (vgl. Mt 27,62) - baten den Vertreter Roms um Sicherheitskräfte für das

 

Grab; denn Jesus habe zu Lebzeiten verkündigt, er werde nach drei Tagen auferstehen. Und so

 

wurden die kriegerischen Wächter auf den Plan gerufen; sie nahmen vor dem Grab Aufstellung, um

 

den Leichnam sicherzustellen und sicherzugehen, dass nicht etwa die Jünger dieses Nazareners den

 

Leichnam mit krimineller Energie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion wegnehmen und dann behaupten,

 

der Tote würde doch noch leben. Sicherungsmaßnahmen sollen garantieren, dass kein Ostergerücht

 

in Umlauf kommt. Diese Wachgesellschaft wird aufgeboten als Garant dafür, dass nichts

 

Unvorhersehbares geschieht, dass alles in bester Ordnung bleibt. Nichts ist gewisser und endgültiger

 

als der Tod. Die Fesseln des Todes sind unlösbar, und der Tote bleibt bewegungslos und gehört auf ewig weggeschlossen.

 

   Die Folgen und Wirkungen des Auferstehungsereignisses sind für die Wächter umwerfend. Die

 

räumliche Enge des Bildes unterstreicht deren Aussichtslosigkeit. Die Konfrontation der muskulösen

 

und doch überwundenen Wächter mit dem Auferstandenen gibt dem Bild Dramatik. Gott handelt

 

auch an ihnen: „Als der Engel erschien, erschraken die Wachen aus Furcht und wurden, als wären sie

 

tot.“ (Mt 28,3f).  Jeder der vier Wächter reagiert auf seine Weise. Die vier Wächter befinden sich im

 

dunklen unteren Bildvordergrund, eine erdenschwere Gruppierung, buchstäblich dem Irdischen

 

verhaftet. Der wie schlafend Niedergestreckte erinnert an das Matthäuswort, dass die Wächter „wie

 

Tote“ dalagen. Gegenüber der steilen Vertikale des schwerelosen Christus-Corpus bilden die

 

Wachposten eine Horizontale. Am Boden haftend, sind sie das Gegengewicht zur Leichtigkeit und

 

Erhabenheit Jesu Christi. Der Maler kann sie nur als Besiegte ins Bild bringen, als Gefallene,

 

Gestürzte.  Geblendet, abwehrend, zurückweichend, erschrocken, fixiert, wie bei einem Höllensturz

 

zu Boden gehend, niedergeworfen, in Schlaf gefallen - gebannt von der Wucht der Präsenz des

 

Auferweckten. Ihr Wachdienst war vergeblich. So wirken sie fast komisch. Wenn Gott handelt, sind

 

alle menschlichen Vorkehrungen und Absicherungen vergeblich. Keiner von ihnen wird gegen

 

Christus Hand anlegen. Mir fällt auf, dass drei von ihnen auf das reagieren, was sich ‚über‘ ihnen

 

ereignet. Das, was sie erblicken, sprengt die alte Ordnung, für die sie einstehen. Christus kämpft und

 

siegt durch die Waffe seiner unentrinnbaren Gegenwart, durch die Herrlichkeit seiner Erscheinung.

 

Die vier Männer symbolisieren gewissermaßen den Herrschaftsraum des Todes und der Sünde. Einer

 

von ihnen trägt eine metallische Kopfpanzerung, auf der sich das übernatürliche Licht widerspiegelt.

 

Die Wachen sind gerüstet, der Heilige ist nackt - und frei. Das erinnert mich an den Schlusschor der

 

Priester in Mozarts wunderbarer „Zauberflöte“: „Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht,

zernichten der Heuchler erschlichene Macht!“

 

Es ist paradox: Nach der Deutung des Malers erblicken ausgerechnet drei der Wächter, also die

 

amtlich bestellten „Verhinderer“ des Wunders, die Auferstehung. Doch dieses Sehen, das

 

augenscheinliche Dabeisein bei einer zuvor nie gesehenen Lichtvision, macht sie nicht zu Zeugen.

 

Dabeisein ist nicht alles. Die Wächter, die vom Osterereignis so überrascht wurden, werden nicht zu

 

Verstehenden. Sie erblicken ein furchterregendes Spektakel, mehr nicht. Das bloße Sehen bewirkt in

 

ihnen nichts als Schrecken. Sie nehmen keinen Anteil an dem, was sie sehen. ER erscheint, doch er

 

gesellt sich nicht zu ihnen. Einer der Wächter schläft. Was für eine Ironie: ein schlafender Wächter!

 

Ohnmächtige und schlafende ‚Zeugen‘ sind lächerlich (vgl. Mt 28, 4.11.13). Die Klarheit der Gestalt Christi bleibt den

Männern dunkel und unheimlich. Obwohl diese Gestalten dem Geheimnis räumlich

 

so nahe sind, machen sie keine Ostererfahrung. Ihnen widerfährt auch keine echte

 

Christusbegegnung. Sie werden ungerührt und unverwandelt zurückbleiben. Oder halten wir die

 

Bekehrung der Männer für möglich? Einer der Wächter ist Lanzenträger. Ist dieser Mann Longinus,

 

der blinde Soldat, der das Herz des Gekreuzigten durchstoßen hat und im Blut Christi sehend wurde?  

 

Aus Osterschrecken könnte Osterstaunen werden.  

 

Die Grabwächter erinnern uns daran, wie strittig die Osterbotschaft war und ist. Es ist so schön

 

schwer, an das Ostergeheimnis zu glauben! Mit vielen intellektuellen Verrenkungen lehnt man sich

 

dagegen auf, dass der Gekreuzigte lebt. Auch mein „verknäultes“ Innenleben besetzen Mächte, auch

 

mein Herz umzingeln ‚Wächter‘, Garanten des alten Systems, die wollen, dass alles beim Alten bleibt,

 

dass Jesus ohnmächtig festgenagelt und begraben wurde,  ein Mann der Vergangenheit ist und sich

 

nicht einmischt in meine inneren Angelegenheiten. Wen kann ich heute unter diese Wächter stellen,

 

die ihn im Auftrag der ‚Mächte und Gewalten dieser Welt‘ wegschließen wollen? Nein, es ist nicht

 

menschenmöglich, dass der Herr sich frei macht ‚von des Todes Banden‘ und sich mit der sanften

 

Gewalt seiner Liebe durchsetzt. Will ich Zeuge der Osterbotschaft sein wie die Frauen am Grab? Oder

 

gehöre ich zu denen, die Gottes lebensrettendes Handeln am toten Jesu und Christi Erscheinen nicht

 

für möglich halten? Gehöre ich zu denen, die am liebsten Jesus unter Verschluss halten möchten,

 

damit alles so bleibt, wie es ist; dass es mit Jesus ‚aus und vorbei‘ ist, dass er für immer und ewig ein

 

Mann von gestern ist, bloß ein totes Vorbild?  Könnte ich also in einem österlichen Mysterienspiel die

 

Rolle eines der Wächter übernehmen? Die Osterbotschaft – ist sie eine unbewiesene Behauptung

 

oder ein illusionärer Trost? Glaubst du an ein Leben nach dem Tod, an ein Leben, das der

 

Auferstandene mit dir und mit mir teilen wird? Glaubst du daran, dass Jesu Auferweckung die

 

Reihenfolge von Leben und Tod umkehrt? „Mitten im Tode sind wir vom Leben umfangen“ - so kehrt

 

Martin Luther die Weisheit dieser Welt um, dass wir mitten im Leben vom Tod umgeben sind. Lassen

 

wir uns also durch die ‚natürliche Reaktion‘ der Wächter zumindest heilsam irritieren von der

 

unfassbaren Botschaft, dass ER lebt! In ihrer ‚Heidenangst‘ machen die Wachhabenden deutlich,

 

dass es auch einen Osterschrecken gibt. Das unfassbare Geschehen am Morgen - als dunkler Nebel

 

aufquoll, noch ehe die Sonne aufging - ist zum Fürchten. Auch den Frauen am Grab wird dieser

 

Schrecken nicht erspart bleiben. Vielleicht müsste auch ich mich von Zeit zu Zeit unter diese

 

Wachleute mischen, müsste durcheinandergewirbelt und überwältigt werden von dem Neuen, das

 

Ostern bringt… Wie schwer fällt die unbeschwerte Osterfreude. Ostern macht eher verlegen, und

 

manchen Christen ist der Osterglaube sogar peinlich.

 

Man wünscht sich zuweilen, dass der Herr die Wächter des Todes wegfegt. Es ist eine große

 

Anfechtung für uns Glaubende, dass sich mit Christi Auferweckung so wenig in der Geschichte

 

geändert hat, dass Jesu Sieg so tief verborgen ist und die dunkle Seite der Geschichte

 

überhandnimmt – auch inmitten der Kirche. Dieser Christus wahrt Distanz, auch zu uns Betrachtern.

 

Er ist der Überlegene und Freie, der sich den Zugriffen der Wächter, aber auch den frommen

 

Zugriffen der Kirche entzieht. Uns steht „Christus Victor“ in seiner gleißend hellen Lichtglorie über

 

dem Grab gegenüber. Das Bild zeigt uns die ‚starke Seite‘ Jesu. Es ist eine Versuchung, sich den

 

wundlosen Jesus auszumalen. Campi setzt alles daran, uns Ostern und Erlösung als Sieg, als

 

Erhöhung, als ‚glorreiches Geheimnis‘ zu präsentieren. So wie hier erscheint Er uns nicht. Jesu Blick

 

verdeutlicht: Er ist auf dem Weg zum Vater. Er ist der uns Entzogene. Er gehört auch nicht seiner

 

Kirche. Doch tief verborgen bleibt er da und bittet: Glaubt an meinen Sieg der Liebe, an dem ich euch

 

Anteil gebe. Diese krisengeschüttelte Kirche darf von Seinem Sieg erzählen. Allein dafür ist sie da.

 

Frohe Ostern!

 

Kurt Josef Wecker, Pfr.

 

Das Bad am Heiligen Abend – Gottes Herrlichkeit über dem Waschwasser

Bildbetrachtung zu Lorenzo Lotto, Natività (1521, Pinatoteca Nazionale, Siena)

von Kurt Josef Wecker

Man muss schon in die nichtoffiziellen, nichtkanonischen Evangelien der frühen Kirche eintauchen, um anderes und ‚mehr‘ zu erfahren vom Geschehen der Heiligen Nacht: Details, Anekdotisches, Legenden aus diesen „Apokryphen“ über wunderbare Begleiterscheinungen der Christgeburt… Von Weihnachten ist nie genug erzählt. Ungewohnte Blickwinkel können hilfreich sein, unbekannte und volkstümliche Legenden, die sich um das Weihnachtsgeheimnis ranken und ihren Niederschlag gerade in den Liturgien und Geburtsdarstellungen der byzantinischen Kirche des Ostens gefunden haben. Sie zeigen, wie phantasievoll sich die frühe Kirche, die Ikonenkunst des Ostens (Sinai, Byzanz, Armenien, Russland) und manche Weihnachtsgemälde des Westens das unfassbare Ereignis der Fleischwerdung des Wortes Gottes ausmalten. Da gibt es nichtkanonische Kindheitsevangelien - aus dem 2. Jh.: Protoevangelium des Jakobus 19; aus dem 8./9.Jh.: Pseudo-Matthäus 13,5; auch die ‚Legenda aurea‘.  In diesen Überlieferungen tauchen zwei Frauen auf, von denen Lukas und Matthäus schweigen: zwei Hebammen, Geburtshelferinnen, Badefrauen: Zelomi (Zebel) und Salomo. Dazu kommt das für uns fremde Motiv des ersten Bades des Messias. Josef habe die Geburtshöhle gefunden und sei dann hinausgegangen, um eine ‚hebräische‘ Hebamme (vgl. Ex 1,19) in der Gegend von Bethlehem zu suchen; er fand eine (Zelomi) und nahm sie mit; sie musste nicht tätig werden, sondern nahm gläubig staunend das übernatürliche Geschehen in der von einer Lichtwolke erfüllten Geburtshöhle wahr, wurde Augenzeugin und erzählte dann einer anderen Hebamme vom Wunder der Jungfrauengeburt. Diese (Salome) jedoch zweifelte und sagte: „So wahr der Herr, mein Gott, lebt, wenn ich nicht meinen Finger hinlege und ihren (Marias) Zustand untersuche, so werde ich nicht glauben, dass eine Jungfrau geboren hat“.  Dann habe sie sich zur Untersuchung Marias bereitgemacht. Sie will Maria ‚examinieren‘. Doch: „Weh über meinen Frevel und meinen Unglauben; denn ich habe den lebendigen Gott versucht; und siehe, meine Hand verdorrt, wie vom Feuer verzehrt“. Für ihren Zweifel wird sie von Gott bestraft; dann habe sie gebetet; ein Engel stand auf einmal vor ihr, der sagte: „Salome, Gott, der Herr, hat dein Gebet erhört. Tritt herzu, leg deine Hand auf das Kind, so wird dir Heilung geschehen“. An die Stelle des zweifelnden Josef – diesen Zweifel an seiner Verlobten kann die Kirche nicht allzu stark machen - tritt die zweifelnde Hebamme mit ihrer Reue, der gläubigen Berührung des Gotteskindes, dem ‚Weihnachtsgeschenk‘ der Heiligung ihrer verkrüppelten Hand. Auf dem Aachener Marienschrein sehen wir das Motiv übrigens auch: Dort hat Salomo ihre verdorrte Hand verbunden. Zur Menschlichkeit des Erlösers – dafür steht das in den außerkanonischen Evangelien nicht erwähnte Bad - tritt von Anfang an das Wunderbare seiner göttlichen Ausstrahlungskraft. Salomo tat das, was später viele Kranken taten: Salome suchte Hautkontakt zum Salvator, feierte geistliche Kommunion mit ihm und wurde geheilt. In Bethlehem wird erzählt von einer Wasserquelle in der Geburtsgrotte, in Rom (heute S. Maria in Trastevere) erinnert man an eine Ölquelle, die zeitgleich entsprang, als Er zur Welt kam.

Ein unbekannter, von vielen Zeitgenossen unverstandener, unterschätzter, zugleich tiefreligiöser Maler bringt uns dieses ungewöhnliche Sujet in seiner Deutung der „Nächtlichen Geburt“ nahe. Es muss nicht immer Tizian, Raffael oder Leonardo da Vinci sein. Lorenzo Lotto (1480-1557) war ein venezianischer Künstler, der allerdings von Jugend an ein ruheloses Wanderleben geführt hat. Der Venezianer wirkte in Treviso und Bergamo, Rom und Venedig; zuletzt hat er in den Marken gearbeitet, und ab 1552 war er Laienbruder im Marienheiligtum Loreto. Lorenzo Lotto steht eher in der zweiten Reihe der Renaissancemaler Italiens. Das Gemälde ‚Natività‘ (Geburt) entstand wohl 1521 in seiner Zeit in Bergamo. In Loreto legte er das Armutsgelübde ab. Als Maler hat er weitergewirkt; es heißt, er habe in Loreto die Ziffern auf den Betten des Hospitals gemalt. In Loreto hat er in stiller Abgeschiedenheit sein Leben beschlossen.                                                                          Das Motiv der ‚ungläubigen Salome‘ und ihrer ‚verkrüppelten Hand‘ war eigentlich nur in der vormittelalterlichen Kunst geläufig. Im Westen wurde diese Wundergeschichte als ‚Beweis‘ der Jungfräulichkeit Marias abgelehnt. Der tiefgläubige Renaissancemaler Lorenzo Lotto jedoch rehabilitiert diese Tradition und hilft uns, mit seiner gemalten Weihnachtspredigt einzukehren in das Geheimnis der „stillen, heiligen Nacht“. Er lädt uns ein, quasi in der ersten Reihe zu sitzen und das Fest des Bades Christi, die Feier der Menschlichkeit und Menschenfreundlichkeit Gottes, auszukosten. Gottes Herrlichkeit über dem Waschwasser! Unser diesjähriges Weihnachtsbild, das Kind im Badewasser, ist zwar unbiblisch, aber vielen koptischen, armenischen und orthodoxen Christen und Ikonenmalern ist die Legende wichtig: das erste Bad und das erste Wunder Jesu an der verdorrten Hand einer zweifelnden Frau. Sie ist Zeugin - wie die Frauen am leeren Grab; sie wird beschenkt - wie der ‚ungläubige‘ Thomas am Osterabend, dem sich der Herr auch zur Berührung anbietet. Die Verbindung von Badeszene und dem Motiv der zweifelnden Salome macht den eigentümlichen Reiz dieses Gemäldes aus. Zelomi, die andere, Gott preisende Hebamme, ist nicht zu sehen, ebenso wenig der Engel, der in den apokryphen Erzählungen Salome zur Berührung Christi ermutigt hatte. Jesus, der eintaucht in seine Welt, wird wie jedes auf die Welt gekommene Menschenkind hineingetaucht in das Wasser, wird ‚erniedrigt‘ in das Becken; er nicht nur aus hygienischen Gründen in Badewasser gereinigt. Die junge Maria übernimmt diese Handlung; Salome, die deutlich Ältere, kauert neben ihr. Maria ist so mütterlich ganz ohne Heiligenschein dargestellt: sie leuchtet in ‚fremdem‘ Licht, im Glanz des Neugeborenen. Josef fehlt auf dem hier vorgestellten Bildausschnitt; Lotto malt ihn abseits hinter den beiden Frauen; staunend nimmt er den Moment der wundersamen Heilung der steif gewordenen Hände wahr. Auch das kleine Feuerchen im Hintergrund, das der schweigsame Mann entfacht hatte, fehlt auf dem Bildausschnitt. So wie Jesus in Windeln gewickelt wird wie jedes Baby (Lk 2,7. 11), so ist auch das Bad des armen, nackten Christus ein ‚normaler Vorgang‘ – doch zugleich ein heiliges Geschehen; es dient zur Bekräftigung der Fleischwerdung Gottes, wird zu einem Vorspiel der Taufe Jesu im Jordan durch Johannes, der er sich freiwillig unterziehen wird. Maria ruht sich nicht - ermattet durch die Geburt - als erhabene Gottesgebärerin auf dem Wochenlager aus; sie schaut auch nicht - wie auf den Ikonen - dem Bad des Kindes durch die Hebamme zu. Sie lässt es sich nicht nehmen, ihr Kind selbst zu baden. Das macht Lottos Bild so ungewöhnlich! Knieend wird Maria aktiv, als liebevolle und einfühlsame Mutter. Zärtlich und vorsichtlich birgt sie ihn in ihren Händen, während sich die verkrüppelten Hände der ebenso knieenden Salome ehrfurchtsvoll scheu dem Corpus Christi entgegenstrecken: das Kind wird ihr Heiland. Salome assistiert Maria nicht, sie ist selbst auf Hilfe angewiesen. Wir sehen mehr als eine harmlose Genreszene, die einfach nur eine Begebenheit des alltäglichen Lebens darstellt; überdeutlich und mit tiefer Symbolkraft hebt das Bad die menschliche Natur der Person Christi hervor. An die Stelle der Krippe tritt hier keine Badewanne oder ein einfacher Zuber, sondern ein metallisches Becken. Wir erkennen ein weiteres kleines Becken und einen Krug wohl für kaltes oder warmes Wasser, also Zubehör aus dem alltäglichen Leben einer Wochenstube. Die Badeszene ist Ausdruck der Selbstentäußerung Christi. In aller Menschlichkeit geht uns die Göttlichkeit des Menschgewordenen auf. Kraftvoll sind die Farben der Kleider, azurn, weiß, rot, weinrot, grün - im Kontrast zum nackten Jesus. Das Haar der Frauen ist verhüllt. Christi „Eigen-Licht“ liegt auf allen, spiegelt sich wider auf dem reinen Inkarnat Marias und den beiden steif gewordenen Händen der Salome. Dieses Detail bei Lotto ist bemerkenswert, weil in der Tradition nur von einer verkrümmten Hand die Rede ist. Das bereits den Kreuznimbus ausstrahlende Kind taucht ein in das Urelement Wasser; und wir tauchen ein in das Leuchten, das ausgeht vom Antlitz Christi (2 Kor 4,6). ER ist Lichtquelle - ein Schein, der sich mitteilt. Das Gemälde hält den Moment fest, bevor das Gottesbaby behutsam in das Wasser gesenkt wird. Dieser Augenblick wird wie ein Standbild, wie ein feierliches Ritual zelebriert. Auch von Großen der Weltgeschichte oder den Heldenmythen wird ein „erstes Bad“ erzählt - so von Dionysios, Ganymed, Achill, Alexander dem Großen, ‚Weltheilande‘, die darin mit den Schöpfungsquellen in Berührung kommen. Das Bad weist über den Alltag weit hinaus. Hat sich das Kind dieses Geschehen einfach so passiv gefallen lassen? Salomes Blick ist ganz auf Maria gerichtet, als würde sie stammeln: Wer bist du, wer seid Ihr, wer ist Er? Und Maria wird sie gleich ermutigen: Berühre das Kind behutsam mit deinen noch seltsam geballten Fäusten. Nimm diesen zerbrechlichen Schatz für einen Augenblick – und werde heil!

                                                                                                                                                     Auf die zweifelnde Salome verdichtet sich also der biblische Zweifel an der unversehrten Jungfräulichkeit Mariens „vor, während und nach der Geburt Jesu“. Sie vertritt quasi auch unser Suchen und Fragen. Mit ihr bekommt meine Skepsis Stimmrecht in der Heiligen Nacht. Ich darf mich damit vor Ihm blicken lassen und Ihm meine diffusen Gefühle und meine Unsicherheit wie ein seltsames Weihnachtsgeschenk hinhalten. Wie viele halb-glaubenden oder halb-zweifelnden ‚Weihnachtschristen‘ sind unter uns, die hineintauchen wollen in das Geheimnis der Nacht wie in ‚heiliges Badewasser‘…? Manche sind Heiligabendchristen, die doch das „Stille Nacht, heilige Nacht“ anstimmen oder mitsummen - das Lied, das zur Weihnacht 2018 seinen 200. Geburtstag feiert. Und wieviel Zweifel und Anfechtung stecken in dir und in mir? Was ist geworden aus dieser Frau, die Ihn berühren und sein erstes Wunder am eigenen Leib erfahren durfte? Wird sie die Salome sein, die als Mutter zweier Apostel, der Zebedäus-Söhne, in Erscheinung tritt? Oder ist sie eine Verwandte Marias, die in den engeren Nachfolgekreis Jesu treten und Zeugin des leeren Grabes werden wird (Mk 15,40; Mk 16,1; Mt 27,25)?  Das Bild hebt die Bedeutung der Frau als Zeugin der wunderbaren Geburt Jesu – analog zum Zeugendienst am leeren Grab – hervor.                                                                                                                                                            „Eine Jungfrau hat geboren. Glaube es und werde heil!“. So betet die Ostkirche. Lorenzo Lotto lädt uns mit seinem zutiefst menschlichen und gefühlswarmen Bild ein: Bleibt nicht Zuschauer, werdet Mitwirkende. Sucht auf euren Krippenwegen Heil und Heilung! Weihnachtschrist, tritt ganz nahe heran an die Quelle des Lebens– auf den zu, der dir näher ist als du dir selbst jemals nahe sein kannst!  Lass dich ergreifen von dem „Vere homo“, von dem „Wahrhaft-Mensch-Sein“ des Gottessohnes! Lass dich von ihm anstrahlen und ausleuchten! Halte Ihn für einen kurzen Moment! Nimm ihn dir zu Herzen, aber auch in deine Hände! Trage den, der dich trägt! Empfange ihn und schenke ihn weiter, so wie Maria der Salome dieses Kind für einen heilbringenden Augenblick gönnen wird! Nimm Ihn und lass ihn nicht fallen! Ergreife ihn - und damit das wahre Leben! Tritt heraus aus den allzu grell ausgeleuchteten Räumen dieser Welt, wo alles oberflächlich klar ist und tauche ein in das mystische Halbdunkel dieser Heiligen Nacht! Tauche ein, tauche auf – und lebe wie neugeboren als getaufter Mensch! Das Wunder der Heiligen Nacht ist ‚krass‘. Gott nimmt keinen Scheinleib an. Im gebadeten Jesus wird uns eine radikale Inkarnationschristologie zugemutet. Was hier anhebt, setzt sich fort in der Taufe Jesu, in seiner Verwundbarkeit und Nacktheit, seiner Erniedrigung am Kreuz - und in der Weise, wie ER sich in das eucharistische Brot hineinknien wird. Wir dürfen ihn berühren und lassen uns zuvor seine Berührung gefallen, seine Wunder, die manches Deformierte und Verkrümmte in uns erlöst, die meine müden Hände füllt und die meine Zweifel in Freude verwandelt. Diese nächtliche Botschaft vermittelt leise das Bild, das uns Abendländern noch einmal ein fremdes ostkirchliches Motiv ergreifend ausdeutet.    Es wird Gründe geben, dass mich die Weihnacht viel zu wenig berührt: Blockaden, Zweifel, Gleichgültigkeit, Routine, verbrauchte Hoffnungen… Gerade darum dürfen wir ‚alle Jahre wieder‘ dankbar sein, weil uns Gott Gelegenheit gibt, das Krippenkind innerlich in die Arme zu nehmen - damit wir uns von der Stille, der Schönheit und der Einfachheit des Krippengeschehens ergreifen und erschüttern lassen. Wenn wir Weihnachten wahrhaft feiern, dann bleibt nichts, wie es ist. Die Hände der Zweiflerin werden durch den Leib Christi verwandelt. Ich wünsche Euch und Ihnen, dass auch wir wie Salome ergriffen werden - allein von der heilsamen Gnade, die mich erfassen möchte, von dem Kind, das uns von Maria gereicht wird und das mit mir und mit dir Geschichte machen möchte.

Gesegnete Weihnachten

Kurt Josef Wecker, Pfarrer                                                                                                                                                                                   

 

Was sucht ihr den Lebenden unter den Toten?

Ostergedanken zum Fresko des Beato Angelico aus Zelle 8 des Dominikanerkonvents S. Marco in Florenz (1440/41)

von Pfarrer Kurt Josef Wecker


1. Ostern als Geheimnis malen: Das Unfassbare festhalten

...und hinaus gingen sie, flohen vom Grab. Noch zitterten sie und waren außer sich. Und mit niemand sprachen sie etwas voll Furcht wie sie waren. (Mk 16,8, übers. von Fridolin Stier).

Diesen Schlusssatz aus dem Markus-Evangelium muss ich jedes dritte Jahr in der Osternacht anfügen; denn die kirchliche Leseordnung will uns diesen harten Schluss ersparen. Doch ohne den letzten, vielsagenden Satz seines Evangeliums bliebe die Osterbotschaft des ältesten Evangelisten (Mk 16,1-8) unvollständig. Das Evangelium würde uns beruhigen statt verstören. Das Schwere muss jedoch ausgesprochen werden, und zwar als Teil der Frohen (!) Botschaft: Der Osterschrecken, der den Frauen angesichts des leeren Grabes in die Glieder fährt, das Taumeln und der Schwindel, die Furcht vor dem Unfassbaren, das Vermissen Jesu. Mit einem „voll Furcht waren sie“, mit einem offenen Ende, mit einer Flucht klingt ein Evangelium aus; damit ist für Markus alles gesagt. Auf dieses „Ende mit Schrecken“ läuft die frohe Botschaft dieses Evangelisten hinaus. Ein eher dissonanter Schlussakkord, als hätte sich ein Organist vergriffen, als hätten die Kirchenglocken einen Sprung. Diesen Satz, der sich so schlecht zu einer 'Osterantiphon‘ eignet, die man mit Halleluja einrahmt, will uns die Kirche heute nicht zumuten. Nirgendwo las ich eine plausible Erklärung, warum das Osterevangelium in unseren Lesungsbüchern einen Vers zu früh abbricht und uns dieser Satz in der Osternacht vorenthalten werden soll: dieses kargste, ehrlichste Osterevangelium, die ungeschminkte Wahrheit, die einzig angemessene Reaktion des Menschen auf das, was Gott uns heute zu feiern zumutet. Das ist ein Paradox: Das Zugleich von Furcht und Osterfreude. Die Freude schält sich nur langsam heraus - wie das Licht des neuen Tages allmählich die Nacht vertreibt.

Was gibt es Ostern zu sehen? Giovanni da Fiesole, eigentlich Guido di Pietro (1387-1455) malt uns in diesem Jahr das Osterevangelium, hält einen Moment fest, der jenseits allen Sichtbaren ist. Bekannt ist der Dominikanermönch unter dem Namen Fra Angelico, denn er ist berühmt für seine anmutigen Angeli, seine Engeldarstellungen. 1982 wurde der „Engelgleiche“ von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Bruder Angelico und seine Malergehilfen, die den Zellentrakt des Dominikanerkonvents S. Marco in Florenz um 1440/41 ausmalten, halten den Besuch der Frauen und ihre Begegnung mit dem Osterengel fest. Andachtskunst! Der Mönch, der in der Schlafzelle 8 (eine der drei „Priesterzellen“) seinen engen Lebensraum fand, wird mit dieser Situation in der Felsenkammer konfrontiert. Der hl. Ordensgründer Dominikus, den der Maler knieend links neben die Szene im Profil darstellt, wird zum Vorbild, zur „Identifikationsfigur“ für den in diesem Raum schlafenden, studierenden und betenden Dominikaner. Dieser kann sich kontemplativ versenken in das Wesentliche. Darum verzichtet Beato Angelico auf ‚Landschaft‘ und auf womöglich ablenkende Details und ‚Requisiten‘. Auch wir versenken uns in ein Andachts-, ein Meditationsbild. Wer ist die herausgehobene Frau am Grab? Diese Person tritt heraus, wird als Individuum erkannt. Manche denken an Maria Magdalena, die der Maler aus der Gruppe der drei Frauen (Mk 15,40) herausgelöst hat. Vermutlich jedoch lässt der dominikanische Maler die ‚andere‘ Maria dabei sein: die im Dominikanerorden hochverehrte Mutter Jesu. Sie ist die vierte Grabbesucherin, trägt noch das Rot der Passion und einen weißen Schleier. Vielsagend ist ihre Geste: verwirrt und wie von Schwindel gepackt, fasst sie sich an den Kopf; denn das Grab ist leer, der Leichnam ihres Sohnes verschwunden. Die Muttergottes in der Felsenkammer am Grab? Das wäre ein Detail, von dem die Evangelien seltsamerweise schweigen. Ja, wo war Maria zu Ostern? War die Mutter Jesu, die unter dem Kreuz stand, auch in der Grabhöhle? Oder wurde ihr keine Begegnung mit dem Auferstandenen zuteil? Auf diesem Fresko steht sie im Zentrum, und ihre mehrdeutige Geste drückt Fassungslosigkeit und Erschrecken aus, als befände sie sich unter dem Kreuz. Ihre Gebärdensprache sagt: Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich bin erschüttert, ich bin geblendet! Wohin ist Er verschwunden? Wurde mir auch der Leichnam des geliebten Jesus genommen? Marias innerer Blick ist rückwärtsgewandt. Wird sie sich umwenden und Ihn entdecken? In der Morgendämmerung des österlichen Ur-Sonntags, an dem das Unwahrscheinliche triumphiert, fiel es schwer, das Halleluja anzustimmen. Ostern, die unglaublichste Begebenheit von der Welt, ist für die Frauen zunächst nur zum Davonlaufen. Das Fest überfordert! Den drei eng zusammengerückten Frauen und der Gottesmutter ist ihr Suchen und Fragen, das nur leise Osterstaunen anzusehen. Nicht zu fassen! Christus und sein Tag – das ist zu hoch für uns! Zuviel auf einmal! Zuviel des Guten! Getroffen vom Unmöglichen! Wir müssten uns heute an Augenblicke im Leben erinnern, wo wir das sagen konnten: Das hat mich total überwältigt, das konnte ich nicht begreifen, das kann ich erst nach und nach auskosten und verstehen. Das war zu schön (schrecklich schön!), um wahr zu sein. Ereignisse, die uns aus der Bahn warfen, im Guten wie im Schrecklichen. Osterfreude paart sich mit einer Grenzerfahrung, mit Furcht und Zittern. Seit diesem von Gott gemachten ‚unmöglichen‘ Tag bleibt nichts mehr beim Alten!


2. Christus - kein Mann von gestern

Das 'schwache Geschlecht' ist das stärkste am Ostermorgen. Die Frauen sind Frühaufsteherinnen; sie sind bereits vor Sonnenaufgang auf den Beinen, wollen Ihn noch einmal sehen, eine Salbung nachholen, die am Vortag auf die Schnelle nicht möglich war. In aller Herrgottsfrühe wollen sie den Toten parfümieren und ein wenig konservieren; in aller Totenstille salben, ein leises Gebet sprechen und danach ihren toten Herrn in Ruhe lassen und sich auf den Alltag ‚ohne Jesus‘, die Zeit ‚nach Christus‘ einstellen. Das Leben ohne ihn muss weitergehen. Sie, die den Schrecken des Karfreitages gerade hinter sich haben, können nicht ahnen, dass ihnen nichts erspart bleibt, dass sie ins Passiv geraten. Ihnen steht in der Grabhöhle eine weitere Erschütterung bevor. Die Frauen hatten sich damit abgefunden, dass Jesus nun zu ihrer Vergangenheit gehört; sie wollten zu guter Letzt das tun, was pietätvoll war, damit alles seine Ordnung hat. Sie erwarteten, dass die Totenruhe galt und die Friedhofsordnung in Kraft war. Sie waren 'schon' so früh unterwegs, aber sie waren nicht die Ersten. Da war 'schon' längst vorher etwas passiert. Da hatte sich jemand an diesem heiligen (und für Juden auch 'unreinen' Ort) zu schaffen gemacht. Das war eine völlige Irritation, der erste Schrecken: „Rolling Stones“. Eine Grabplatte, die verschwunden war und den Blick – ins Leere freigab. So oft feiern wir Ostern. Erschüttert mich dieses Fest? Bleibt es eine verstörende Neuigkeit? Habe ich nach dieser Botschaft verlangt? Ist Christus für die Kirche mehr als ein Religionsstifter und Impulsgeber, mehr als ein guter Mann von gestern? Was würde mir fehlen ohne diese atemberaubende Aussicht, dass ich nie mehr ‚ohne Ihn‘ existiere?

Die Frauen waren mutig, in die dunkle Grabhöhle zu treten. Sie wirkt wie ein Tunnel, ein Schlund. Warum war der Körper Jesu aus dem Grab verschwunden? Was saß dieser fremde Andere da auf dem Rand des weißen, rotgeäderten Sarkophags und jagte mit 'Breaking news’ den Frauen eine Heidenangst ein? Ein Wortgottesdienst an seltsamem Ort! Aus der Perspektive der Frauen saß der Engel (Mk 16,5) auf der guten, der ‘rechten Seite', der 'Evangeliums-Seite'. Es konnte nur ein Überirdischer sein, der die Todesstille unterbrach. Nur ein Engel, der das weiße Gewand der göttlichen Welt trägt, konnte die Osterbotschaft überbringen – oder Jesus selbst. Im Osterevangelium des Markus bleibt der Auferweckte, anders als bei Fra Angelico, verborgen. „Ein jeder Engel ist schrecklich“, dichtete Rilke. Das gilt für unseren dominikanischen Marien- und Engelmaler nicht: die Gestalt des Osterengels im gleißenden Weiß - hell wie der Marmor des Sarkophags – ist anmutig; wohl aber sind dessen Worte eine Zumutung. Das Oster-Widerfahrnis ist eine Wucht! Aus dem deutenden Engelsmund und mit den ein wenig lehrhaften Zeigegesten seiner Hände wurde den Frauen eine unerwartete und ungefragte Botschaft nahegebracht. Der Engel gestikulierte wie ein Prediger aus dem Predigerorden des hl. Dominikus. Osterpredigt in Gebärdensprache, Ostern im Fingerzeig des Boten! Ein Finger weist in das offene leere Grab und sagt damit: „Er ist nicht hier!“ Durch den nach oben weisenden überlangen Zeigefinger des Engels wird Christus, der ‚über‘ und ‚hinter‘ den Frauen im halbrunden Abschluss des Bildfeldes in einer Lichtgloriole erscheint, in das Geschehen einbezogen. Stimme und Gestus des Engels werden zur Wegweisung. Christus drängt sich nicht auf. Er wird den „Salbfrauen“ (Peter Handke) und seiner Mutter Zeit lassen, dass sie Ihn wahrnehmen. Der Bote des Himmels bricht das fromme Unternehmen dieses Morgens, den geplanten Salbungsgottesdienst der Grabbesucherinnen ab. Die Suche nach Jesus ist zu Ende. Hier habt ihr nichts zu suchen, hier habt ihr nichts verloren, hier geht’s nicht weiter. Hier greift ihr ins Leere. Brecht die Wallfahrt zum leeren Grab ab! Hier seid ihr völlig deplatziert! Diese verstörende Aufklärung ist die Osterpredigt des Engels.


3. Aufgang der neuen Sonne - der himmelfahrende Christus

Am Ostermorgen sind alle sprachlos. Denn wir alle wissen nicht, was das wohl ist – 'Auferstehung'? Kein noch so frommer Maler kann es sich ausmalen, was in der Felsengrotte passiert ist, noch bevor die Sonne aufging. Meist begnügen sich ältere Osterbilder mit den drei Frauen am Grab und dem Verkündigungsengel. Durch solche eher diskreten Bilder lassen die Künstler den Auferstandenen als Abwesenden anwesend sein. Fra Angelico hingegen nimmt sich durchaus innovativ die Freiheit, den Auferstandenen ins Bild zu setzen. Wir erblicken ‚mehr‘ als die Frauen. Christus geht – quasi hinter ihrem Rücken – auf, wie die ‚neue Sonne‘, eine unfassbar neue Lichtquelle. Der Erhöhte erscheint frontal und schwebt in einer Lichtmandorla. Er trägt die Auferstehungsfahne mit großem roten Kreuz auf weißem Grund. In der rechten Hand hält er den Palmzweig als Zeichen seines Martyriums und Sieges. Das blutverschmierte Leichentuch hat er hinter sich gelassen; Jesus ist gehüllt in ein gleißend helles Verklärungsgewand, in das Kleid der Glorie. In der dunklen Höhle strahlt das ‚andere‘ Licht von Christi Auferstehungsleib auf. Die Lichterscheinung ist voller Leichtigkeit, ohne Erdenschwere, nicht zu fassen. In seiner unwiderstehlichen Aufwärtsbewegung und mit erhabener Siegesgebärde überschreitet Christus die dunkle Grabhöhle und schaut – uns an. Er steht mir gegenüber. Das ist nicht mehr der tödlich versehrte Schmerzensmann am Kreuz; nur unauffällig sieht man die Seitenwunde und eine Nagelwunde. Er – so ganz anders!  Österliche Epiphanie! Christus und Maria bilden die Mittelachse. Wolkenschleier schieben sich zwischen beide. Ostern und Himmelfahrt fallen in eins. Himmelslicht ohne Schatten! Was für eine Überbelichtung! Jesus zeigt sich nicht auf Kommando. Er mutet uns wie den Frauen damals das bloße Wort des Engels zu, keine Berührung, keine tollen Gefühle. Er zwingt uns nicht zum Halleluja. Ein Leben lang lässt er uns Zeit, seine Feste zu verstehen. Er weiß, dass Menschen unter uns sind, denen danach nicht zumute ist und die sich vielleicht nur anlehnen wollen an die uralten Gesänge und Symbole. Vielleicht blicken wir in die falsche Richtung, hören unglaublich seltsame Predigtworte, starren wie Maria ins Leere. Wir brauchen Aufklärung wie aus Engelsmund. Keine Macht der Welt kann den Herrn herbeizaubern. Die erste Osterpredigt kommt aus dem Mund einer fremden Gestalt, die einen kurzen Frauengottesdienst auf dem Friedhof unterbricht und die kleine Gruppe 'aufgescheuchter Seelen' vom ‚Tatort‘ wegschicken wird. Ostern ist zunächst ein Suchen und Fragen - ein Blick- und Ortswechsel. Blickt nicht wie gebannt ins leere Grab, erhebt eure Häupter, entdeckt den, der verborgen ‚realpräsent‘ ist! Lassen wir es zu, dass wir dem Auferstandenen ins Auge fallen - ihm, der uns verborgen gegenübersteht und der uns(!) nachfolgt!


4. Eine überraschungsbereite Kirche

„Außer sich“ geraten – das wäre das Wandlungswunder von Ostern.Wendet euch um, denn er ist so nahe! In der Enge seiner Zelle wird der Mönch in seinem weißen dominikanischen Ordenskleid betend ‚Christus anziehen‘ (Gal, 3.7) und die Sprengkraft und Weite des Osterereignisses meditiert haben. Das Fresko in der Wand einer Schlafkammer wird zum offenen Fenster in Gottes größere Möglichkeiten hinein. Im Blick auf Ihn wird mein vielleicht müde und alt gewordener Glaube wacher und erwartungsvoller. Die Konzentration auf mein Ich wird durch den Blick auf den erhöhten Christus abgelenkt. Vielleicht sehen wir, die wir heute Ostern feiern, etwas fassungslos und mitgenommen aus - wie die Frauen, die die Nachricht von einem unfassbaren Wunder zu verkraften hatten. Vielleicht müssen wir uns von Gott mehr Herzklopfen und Unruhe erbitten, damit uns diese Neuigkeit wirklich packt und der Lebendige uns einleuchtet. Was für ein Augenblick! Er, der Fern-Nahe, steht uns allen gegenüber, sucht unseren Blick. Was für ein unverhofftes Wiedersehen! Werden wir seinem Blick standhalten und Ihm antworten?  

Ihnen und Euch wünsche ich ein gesegnetes Osterfest!

KurtJosefWecker, Pfr.

 

 

 

 

Bildbetrachtung zur Weihnacht 2017 von Kurt Josef Wecker, Pfarrer aus Heimbach

 

 Das Wunder draußen vor der Tür

Anbetung der heiligen drei Könige - Meister des Jakobsaltars, 1430

 

Hat Bethlehem einen Stern verdient?

 

Die Geburtsstadt Jesu strahlt wenig Weihnachtsromantik und Krippenzauber aus. Idyllis Geburtskirche – man muss sie mühsam suchen. Die Weihnachtsstadt in Palästina liegt im Schatten einer brutal die Landschaft zerschneidenden, hohen Mauer, die Jerusalem von der palästinensischen Westbank trennt. Viele Pilger nehmen die bittere und zugleich tröstende Erfahrung mit aus der ‚Stadt Davids‘: Weihnachten kann man sich zu Hause und in unseren Krippenwelten viel idyllischer vorstellen als am Ort des Geschehens.

Bethlehem ist bis heute kein romantischer und auch kein sensationeller Ort, keine Stadt, die im Baedeker-Reiseführer einen Stern verdient hätte. Gäbe es da nicht einen Ehrenbürger…! Warum nur hat sich Gott hierhin ‚verlaufen‘?  

Die Weihnacht der heidnischen Sterndeuter

 

Bethlehem hat einen Stern verdient, auch wenn dieser Stern ausgedient hat und wie ein goldgelber Strohstern am Stallgiebel angeheftet wirkt. Unterm Stalldach entdecken wir ihn auf einem gotischen Tafelgemälde des anonymen „Meisters des Jakobsaltars“; das Bild entstand vor fast 600 Jahren. Der stillgestellte Stern signalisiert und markiert: Hier Halt! Das ist heiliger Boden! Da werden euch die  Augen aufgehen!

Tauchen wir ein in das Bild! Geraten wir hinein in eine dicht gedrängte Szene unter freiem Himmel! Viel Gold glänzt und bezeugt, dass der Himmel offen steht und sich in der Weihnacht auf die Erde herabgeneigt hat. Drei Reisende sind angekommen. Das Bild malt uns die Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Matthäus aus (Mt 2,11), die Ankunft der Sterndeuter an der Schwelle zum Geheimnis. Ihnen geht Gottes Herrlichkeit auf, sie werden ‚einsichtig‘. Wir erblickenkluge Menschen, Sternkundige, Mächtige. Königlich sind sie, weil sie Aufgeklärte, Wissende sind.

 

Ausgestattet mit Durchblick und ‚königlicher‘ Weisheit, haben die drei – vielleicht ganz unabhängigvoneinander und an verschiedenen Orten – einen ungewöhnlichen Stern im Buch der Schöpfung wahrgenommen. Sie hätten sagen können: Schön und gut! Aber was geht mich dieses seltsame Phänomen am Himmel an? Man kann das Neue im Elfenbeinturm ungerührt oder interessiert betrachten und doch achselzuckend zu Hause bleiben. Diese Wissensdurstige aber sind aus der Ruhe zu bringen. Zu plötzlich war der Stern da, zu seltsam blitzte er auf, zu verlockend war der Ruf. Dem Stern hinterher, das Suchspiel beginnt! Die Drei werden Weggenossen. Sie folgten dabei nicht 'ihrem Stern’, wie es manchmal etwas esoterisch heißt. Es war nicht ihr eigener Antrieb, der sie in Bewegung setzte. Ihr Drang aufzubrechen war mehr als Neu-Gier. Ohne den auffallenden Lockruf des merkwürdigen Stern-Zeichens wären diese Magier nicht so weit vor die Tür ihrer Heimat und in keinem Fall nach Bethlehem gelangt!  Gott selbst war es, der Suchende von weither in das Allerheiligste führte und lockte und denen, die suchten, zum roten Faden wurde.

„Auf, lasst uns gehen!“ - so sagten sie wie die Hirten. Können wir das leidenschaftliche Interesse, das Herzklopfen der Weisen aus dem Morgenland nachempfinden? Diese Würdenträger sind Heiden, denen die Heilige Schrift fremd ist, in welcher dem Volk Israel der Messias angekündigt wurde.

 

Und doch finden sie Ihn - und der Messias sie. Ihre Studienreise wurde zur Pilgerfahrt, die Begegnung mit einem Kind zum ‚Gipfeltreffen‘. Bevor später die Apostel zu ‚allen Völkern‘ aufbrechen (Mt 28,19), waren die Völker in Gestalt dieser heidnischen Fremden längst schon bei diesem messianischen König angekommen! Das Kind zieht sie an sich. Die drei griffen nach den Sternen – und fanden - keinen Außerirdischen, der auf der Erde gelandet ist. Sie entdeckten

 

‚Normales‘ und stießen auf ein Baby. Ja, diese Könige wurden gewissermaßen die ersten Heilig-Land-Wallfahrer, keine Kreuzfahrer, sondern friedliche Christus-Pilger der ersten Stunde. Auch wenn sie „religiös musikalisch“ waren -  aus sich heraus hatten sie keinen blassen Schimmer, wen sie entdeckten. Gott war heimlich dabei in ihrem Suchen, auf ihren Wegen, ER war ihr Navi. Nun liegen sie dem seltsamen Gottesgeheimnis zu Füßen, ihnen ‚passiert‘ die Stunde ihres Lebens. Sie begehen ein Fest der Annäherung. Große machen sich klein, Ferne gelangen in die Nähe, leidenschaftliche Sucher werden glückliche Finder und erleben einen Augenblick höchster Erfüllung. Ihnen stand die ‘Entdeckung des Himmels' auf Erden bevor. Ihr Weg hatte ein Ziel.

 

„Durst und Staub der langen Reise, wer denkt daran zurück?“ (GL 829,3). Der Stall mit den auffallenden, filigranen ‚Kirchenfenstern‘ ist nicht zerfallen. Ausgerechnet das offene Gebäude soll an die offene Paradiestür erinnern? Diese offene ‚Stallkapelle‘ haben Ochs und Esel belegt. In der Herberge und auch im Stall ist kein Platz für Ihn. Die Tiere besitzen ein feines Sensorium für das staunenswerte Kind. Wache Tieraugen blicken auf den, der draußen vor der Tür für alle Welt zur Welt gekommen ist:

Er - außen vor! Er - nicht daheim! Er - eine Randexistenz! Da liegt Er - für Mensch und Tier, für Reine und Unreine, für Juden, Christen und Heiden, für Sünder und Gerechte, Ja, das fremde Kind zieht die Aufmerksamkeit von Mensch und Tier auf sich. Die Sterndeuter gruppieren sich im Profil, ihrem Alter entsprechend, hintereinander gestaffelt, stufenförmig, Exotisch bunte Gewänder geben ihnen eine individuelle Prägung. Der Glaube ist bunt. Ab dem 14. Jahrhundert stellte man sich zwar in der Kunst den dritten König als einen Schwarzen vor; doch hier ist Melchior noch junger blonder bartloser Mann. Die späten Gäste kommen nicht mit leeren Händen, sie bringen Goldiges mit. Wir sehen kein Gefolge, keinen Engel. Selbst Josef fehlt (vgl. Mt 2,11). Eng ist die Szene gemalt ist - niemand steht uns im Weg. Wir schauen uns das seltsame Schauspiel womöglich skeptisch und distanziert an. Will ich mehr als nur Zaungast sein? Will ich mich mit gläubigem oder „ungläubigem Staunen‘ annähern?

 

Lassen wir uns hineinbitten in dieses dicht komponierte Bild! Weihnachten rücken wir näher zusammen. Die drei Besucher stehen nicht im Blickfeld. Diese Ankommenden sind ‚Vorübergehende‘, die hier Station machen. Sie werden hier nicht ewig verweilen, auch wenn der Augenblick so schön ist. Bald werden sie uns bald Platz machen. Und dann sind wir gefragt: Ist es menschenmöglich, dass Gott so und ausgerechnet hier zu uns kommt? Ist das schon alles, was uns das Evangelium zur Weihnacht zu sehen gibt? Bloß eine Mutter-Kind-Gruppe? Stallgeruch statt Weihrauch? Hast Du, Gott, nicht mehr zu bieten? Das soll der 'Weihnachtsgott' sein? Der Höchste, der uns nicht blendet und überrumpelt, sondern sich ‚einfleischt‘ in die nackte Existenz des Christuskindes? Kommt der Himmel so menschlich, so nahbar, so ebenerdig, so splitternackt zu uns herunter? Die drei Sterndeuter sind königlich, weil sie dieses Neue ahnen und in die Aura des Einen geraten, weil sie sich irritieren lassen und sich vor der Überraschung verbeugen. Diese Heiden werden die ersten sein, die den wunderbaren Anfang Gottes mit seiner Welt wahrnehmen. Sie sind (nach Matthäus) die Allerersten, die Weihnachten feiern, die auf unausdenkbar Neues, Unerwartetes, Menschenunmögliches stoßen, dem gegenüber alle News dieser Welt alt und verbraucht aussehen. Dieser Neugeborene macht ja auch unruhig, verlangt ein Umdenken, ein Neulernen. Manche Zeitgenossen lassen die Finger weg von solchen Abenteuern und lassen das Neue auf sich beruhen. Wenn ich dem Geheimnis der göttlichen Novität wirklich auf den Grund gehe, dann strahlt es aus und erbittet einen neuen ‚Lebenswandel‘. Diese Männer konnten nicht ahnen, dass der auffallende Stern sie zum 'neuen Adam' führt, zu einem absolut anderen und umwerfend Neuen, der mitten in der Antike die 'Neuzeit' beginnen lässt, die ‚Schwellenzeit‘, die Zeitenwende zum Guten. Den Weisen widerfuhr eine Erscheinung, die gerade in ihrer unspektakulären 'Normalität' so überwältigend und liebenswürdig war. Die wunderbare ‚Wucht‘ eines Kindes beeindruckte diese Gäste schwer, sie zwang aufrechte Männer in die Knie. Angesichts dieses auf die Erde gefallenen ‚Messias-Sterns“ kann der Stern von Bethlehem zum gelben Strohstern am Dach werden. Er hat seine Schuldigkeit als Wegweiser getan. Die drei Fremden haben einen langen Weg zu diesem kleinen fremden Gast auf Erden hinter sich. Doch sie sind ‚in Form‘, nicht reisemüde oder enttäuscht, sondern hellwach und geistesgegenwärtig. Sie können trotz müder Beine knien und ihre ‚Position‘ verlieren. Diese Geste vollziehen Männer, die anderenorts bewundert werden. Jetzt sind sie da vor dem, der ganz ‚da‘ ist für sie. Sie werden schwach vor dem Schwachen; in den Geschenken bieten sie sich an, ihr Ja, ihre Präsenz, ihre Selbstvergessenheit. Ja, damit kann ich Gott beschenken! Die Fremden erleben dieses Kind als heilig. Mutter und Kind wirken nicht aufgeregt angesichts des königlichen Besuchs, sondern bleiben ganz aufeinander bezogen. Der weltbewegende kleine Retter - ihn sehen wir als Schoßkind. Maria wird im traditionell blauen mantelförmigen  Überhang gemalt. Sie sitzt wie auf einem mit Brokat bedeckten Thron und hält die ‚nackte Wahrheit‘. In seiner beinahe provozierenden Blöße liegt das Gottesbaby so bedürftig im Schoß der gut bekleideten Frau. Ein auffallend weißes Tuch hängt wie ein zufällig über eine Latte geworfenes Altartuch hinter der Personengruppe. Das Gottesbaby ist dem knieenden Mann zugewandt und greift lässig und unbefangen in eines der beiden geöffneten Goldkästchen. Darin erkennt man Goldmünzen, die Macht dieser Welt. Gott und Gold begegnen sich. Woran hängt mein Herz? Martin Luther formulierte es in der 62. der 95 Ablassthesen prägnant: „Das Evangelium Jesu Christi ist der wahre Kirchenschatz“.    

Die Entdeckung des Himmels unter uns

 

Gott ist auffindbar, er lässt sich entdecken. Und schöner noch: er lenkt meine Schritte, wir werdenvon Ihm erwartet! Fernweh sollten wir alle mitbringen in das Fest der Weihnacht. Jeder Gottesdienst ist eine Begegnung auf der Schwelle, eine Grenzüberschreitung, ein Abenteuer. Wir tauchen ein in den Jungbrunnen des Christusfestes, denn wir haben diese Feier bitter nötig. Uns drängt der unwiderstehliche Charme Gottes, alle Jahre neu die Weihnacht zu feiern. Die Gebärde der klugen Männer - sie ist zur Nachahmung empfohlen. Das kosmische Sternenlicht am Himmel ist vergessen, weil allein der umwerfende Lichtblick aus den Kinderaugen zählt. Was ‚macht‘ das Fest mit mir? Wird mir Bethlehem zum Ort der Verwandlung und der schönen Bescherung? Der Stall von Bethlehem ist keine Privatkapelle, sondern ein Haus der offenen Tür für alle Welt, gerade für ‚heidnische Fremde‘, denen Gott zum „Herz-Schritt-Macher“ wird. Das Geschehen der Geburt Jesu, auch wenn es sich in einem Provinznest zutrug, hat nichts Provinzielles. Die Entdeckung eines Sterns am Himmel führte die Männer zur Entdeckung des Himmels buchstäblich unter uns. Es liegt in den Armen der Frau, die Ihn berührt, aber nicht festkrallt. Er ist der Unverfügbare. Und Maria ist die Monstranz, die das Kind einfach diesen weitgereisten Männern - und uns zeigt. Er ist hier und heute unter dem Zeichen des Brotes der zerbrechliche Gott, der sich unter uns verteilt und niemanden leer ausgehen lässt. In der goldenen Hostienschale ‚nur‘ Brot - und darin alles!

 

Vielleicht geht mir nur eine Lichtsekunde lang auf, dass du und ich, dass wir alle von langer Hand erwartet werden. Das Kind überwältigt durch seine bloße Präsenz die, die wohl schon viel Verblüffendes in dieser Welt gesehen haben. Das „Christkind“ lenkt die Schritte der Gottsucher und übernimmt die Initiative. Die Anbetung, die scheue Annäherung, die selbstvergessene Überwältigung, das Staunen -  das sind wahrhaft königliche Geschenke. Den materiellen 'Mitbringseln' - den luxuriösen Geschenken - hat das Kind nur eines entgegenzusetzen: seine merkwürdige 'königliche Audienz', sein Lächeln. Dieser dichte Augen-Blick wird sich unauslöschlich eingeprägt haben ins Gedächtnis der anonymen Wahrheitssucher. Nicht oben am Sternenzelt, sondern ganz unten leuchtet ihnen Gottes Licht ein. Und mit diesem Lichtblick, mit leeren Taschen und übervollen Herzen werden sie abtreten und zurückkehren in ihren Lebensraum.

 

Nur kurz waren sie beim Kind, doch nicht als zufällige Passanten. Sie hinterließen mehr als nur ein flüchtiges „Schön war’s! Danke! Und Tschüss“. Die drei Besucher werden als ‚heilig‘ verehrt, auch wenn sie keine Apostel, keine Christen wurden. Diese fremden Männer aus der Ferne geben uns durch ihr Suchen und Finden, ihr Kommen und Gehen zu denken. Sie haben den entdeckt, der alles erneuert.  Diese Menschen aus der Ferne könnten Martin Luthers Weihnachtslied anstimmen:  

 

„Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein‘ neuen Schein“ (GL 252,4).

   So tritt Gott in Erscheinung! Ich wünsche uns Augen und Herzen, damit Er uns einleuchtet. Daswären ‚frohe Weihnachten‘, wenn unsere Suchbewegung bei Ihm zur Ruhe kommt, wenn wir entdeckten: der fern-nahe, arm-reiche göttliche Gast sucht und besucht dich und mich. Mit ihm erscheint die reine Gnade in Person, die Luther und viele Heilige so überwältigte. Er ist das unverhoffte, unverdiente Geschenk. Und er ist gerade dann da bei uns, wenn wir nicht mit Ihm sind.  

Was für eine Überraschung! Euch und Ihnen eine gesegnete Weihnacht! 

Kurt Josef Wecker, Pfr.


Bildbetrachtung


 

 

 

 

Bildbetrachtung zu Ostern 2017  von Pfarrer Kurt Josef Wecker

Unberührbar berührend

 

Die drei Marien am Grabe und: Christus erscheint Maria Magdalena (um 1330)

 


Morgenglanz der Ewigkeit“

Die Flagge auf dem Kreuzstab flattert im Wind, bewegt von Osterluft, von der „ Morgenluft der Morgenlüfte“ (Peter Handke), dem göttlichen Lebensatem. So viel österlicher Goldglanz! „Dieser Tag ist Christus eigen“ (GL 103). Ja, dieser Tag ist 'grenzwertig'. Wer hat sich nur diesen „Plot“-  wie man im Drehbuch eines Filmes sagen würde -, diesen Wendepunkt ausgedacht? Wer lässt diesen Toten nicht in Ruhe tot sein? Hoheitsvolles strahlt uns aus diesem alten Osterbild entgegen, das unfassbare Staunen über den Augenblick nach der Auferstehung und über den, der diesen Tag gemacht hat.

 

Kreative Bibel-Untreue

An keinem Tag im Kirchenjahr predige ich lieber als zu Ostern. Und doch - wie lässt sich überhaupt von Ostern erzählen? Können wir so berührend und überwältigt das Ostergeschehen bezeugen, dass der Funke überspringt? Wie kann man sich das Unvorstellbare ausmalen?

Geht doch! Maler wagen dies. Sie arrangieren neu, können Ereignisse gleichzeitig zeigen, wo Worte nur nacheinander zu erzählen vermögen. Der unbekannte österreichische Maler aus dem 14. Jahrhundert hat recht: Ostern kann man nicht in ein Bild fassen. Es ist unmöglich, den Auferstehungsvorgang zu sehen. Immer haben wir das Nachsehen, können nur die Folgen des Wunders wahrnehmen. Das Gemälde, heute im Stift Klosterneuburg aufbewahrt, zeigt also mehr, als uns eine einzelne Perikope der biblischen Ostergeschichte sagt. Der mittelalterliche Künstler verbindet eigenständig Evangelien-Berichte; er hat die Freiheit zu ein wenig 'Bibel-Untreue'.

Ende der Wallfahrt zum Grab – Ihr sucht Ihn am falschen Ort!

Der Bildraum auf diesem Osterbild ist eng gefüllt. Unseren Augen werden zwei Szenen synchron dargeboten: das Gespräch des Engels mit den drei heiligen Salbfrauen, von denen Mk 16,1 berichtet; und die Begegnung Jesu mit der einen Frau, Maria von Magdala, wie sie Joh 20, 11-18 bezeugt. Wir sehen oben die Suche der Frauen nach einem Toten, das Vermissen eines Leichnams – und im Bildvordergrund die sehnsüchtige Suche einer Frau nach dem Lebendigen. Matthäus 28,9b erzählt das Detail vom Kniefall der Frauen vor Jesus - und vom Umfassen der Füße Jesu, eine Berührung, zu der es auf diesem Bild gerade nicht kommt. Ostern geschieht im Freien. Ein Engel überrascht die drei Frauen. Sie sind von uns durch den - gewaltig ins Bild geschobenen - Sarkophag getrennt; wir sehen sie nur als Halbfiguren. Die Frauen sind zu dieser Stätte gekommen, weil sie einen Verlust zu beklagen haben. Sie haben Ihn verloren. In Gedanken gingen sie einem Toten nach. Der Tod macht so stumm. Es bleiben gut gemeinte, hilflose Gesten. In ihren Gedanken sind die Drei mit einem Leichnam beschäftigt. Das ist der erste „Osterschrecken“: dass der Leichnam verschwunden ist. Ostern beginnt mit diesem Schock, mit dieser 'Verlustanzeige'! Diese Trauernden haben ihren Christus verloren. Das Grab ist leer; zu erkennen ist auch ein Teil der am Sarkophag angelehnten Deckplatte. Das ist kein Grabbau, kein Felsengrab, kein „Endlager“. Erinnert dieser Block mit dekorativer Fassade an die Stadtmauern des himmlischen Jerusalems, in das der Auferweckte heimkehren wird? Jetzt ist er nur noch leerer 'Behälter', nur 'Requisite'. Der Engel sitzt fast lässig auf der Seitenkante (Mt 28,2) und spricht mit einer der drei Salbfrauen. Er hält das Leichentuch; dieses Textil bildet beinahe das Zentrum des Bildes und signalisiert das eine: Lasst euch die 'ungefragte' Oster-Antwort sagen: ER ist nicht hier! Er ist auferstanden. Hier sucht ihr Ihn am falschen Ort! Macht kehrt, brecht eure seltsame Wallfahrt zu einem Toten ab, sucht Ihn anderswo! - Wo ist der Engel, der uns das sagt? - Der Engel wirkt beinahe ärgerlich, dass die Frauen nicht begreifen wollen, dass sie hier fehl am Platze sind. Verstand und Gefühl dieser Frauen kommen so schnell nicht mit.  „Es ist nicht die Stunde des Gesangs, sondern des Stammelns“, sagte Octavio Paz. Die Frauen fragen sich: Wer steckt dahinter, wer hat dieses unfassbare Geschehen zu verantworten? Diese Osterpredigt ist zu hoch für sie - und für uns! Ja, jede Osterpredigt ist zu hoch für den reinen Menschenverstand.

Gestik und Mimik der Frauen sprechen Bände. Zwei von ihnen sind händeringend im Gespräch, weil da etwas Unerklärliches passiert ist und der Engel eine verstörende Botschaft ausrichtet. Die andere, Maria Magdalena – es ist dieselbe Person, die in der zweiten Szene Christus zu Füßen liegt – hebt demonstrativ das Salbgefäß hoch, obwohl es hier keinen Toten mehr zu salben gibt. Dafür kommt sie zu spät. Das leere Grab und die Engelsworte geben zu denken, aber sie allein lassen uns noch nicht an das Osterwunder glauben. Da muss mehr geschehen: Er selbst müsste erscheinen, sich uns kundtun!

Ostern – das Christusfest

Bedeutsamer als die Begegnung des Engels mit den „Leichensalbfrauen“ (Peter Handke) am offenen, leeren Grab ist die vom Evangelisten Johannes (Joh 20,14-18) inspirierte, exklusive Begegnung des erhöhten Christus mit Maria Magdalena im Bildvordergrund. Die vom Künstler heraus gehobene Szene springt ins Auge. Die beiden Gestalten sind vom Grab abgekehrt, das nur ein 'Transitort' war. Ein Ortswechsel ist angesagt. Die Begegnung des Engels mit den Frauen wird zur Nebenszene. Denn hier am rechten Bildrand ist die Hauptperson anwesend, die die Übersicht und das 'letzte Wort' hat. Die Landschaft bleibt unbestimmt, fast ohne Vegetation. Auffallend ist nur der Hügel, auf dem Er steht. Wir sehen einen einzelnen Baum 'zwischen' Maria und Jesus. Mich erinnert der Baum an den Paradiesgarten, in dessen Mitte ein Baum stand, von dessen Früchten zu essen dem 'alten Adam' verboten war - und an den fatalen Zugriff Adams, um sich eigenmächtig Erkenntnis über 'Gut und Böse' zu verschaffen. Jetzt steht der 'neue Adam' vor uns, Christus, der das Kreuzzeichen in seinem Nimbus trägt und die Siegesfahne mit dem Kreuz, dem Lebensbaum, hält. Der Auferweckte ist nicht greifbar nahe und auf Augenhöhe, sondern auf diesem Hügel, der eine 'Aura der Ferne' (W. Benjamin) anzeigt. Zwar fehlen Jesus die äußeren Zeichen seiner Verwundung, doch ist er als der Gekreuzigte am Kreuzesnimbus zu identifizieren. Wer hat Ihn neu eingekleidet in ein grünes Gewand, wer hat Ihm den roten Umhang umgelegt? So feiert Er Auferstehung! Ja: Er steht und setzt sich fast wie eine Statue in Szene.

Christus ist der Frau zugeneigt, die Ihn sucht. Marias Blick ist aufwärts gerichtet. Augenblicke kreuzen sich, Hände strecken sich entgegen. Was für ein spannungsgeladener Augenblick des Innehaltens, des 'unverhofften Wiedersehens', der gegenseitigen Zuwendung! Der nicht zu fassende Herr ist da, dem wir uns nur scheu annähern können - vielleicht auf Knien wie Maria Magdalena. Joh 20,14 erzählt nichts vom Kniefall. Die Frau und der, den sie für den Gärtner hält, stehen sich - im Zeugnis des Evangeliums - gegenüber, wenden sich einander zu. Doch der mittelalterliche Maler setzt die Ehrfurcht gebietende Osterfreude in Szene. Wir ahnen die Faszination des Suchens und Findens, die gemischten Gefühle einer umwerfenden Überraschung, die Maria erfüllten. - Wie würde ich reagieren, wenn Er mir so gegenüber träte? Wie werde ich mich verhalten, wenn ich Ihn einmal von Angesicht zu Angesicht erblicke?

Die Körperhaltung der Frau am Boden nennt man Proskynese, wörtlich das 'Anhündeln'. Auf solche Weise näherten sich die Bittsteller dem Kaiser in Byzanz. So zeigte auch die syrophönizische Frau ihr Anliegen, als sie bei Jesus 'wie eine Hündin' ein Wunder für ihre Tochter erkämpfte (Mt 15,21-28). Maria ist ganz 'außer sich'. Sie streckt ihre beiden Hände nach dem aus, den sie nie in den Griff bekommen wird. Diese Begegnung ist dicht, intensiv. Jesus 'berührt' das Herz dieser Frau, indem er ihren Namen „Maria“ ausspricht. Zu einer körperlichen Berührung wird es nicht kommen. Gewiss verlangte es sie nach 'mehr', nach Betasten des Christusleibes, nach „Leibesvisitation“ (Alex Stock) – ähnlich wie der Apostel Thomas am 'achten Tag', als er Ihn an seinen Wundmalen erkannte und in seine klaffende Seitenwunde hinein fassen will. Maria jedoch muss die schwere Zumutung des nachösterlichen Glaubens lernen: Wir 'haben' Christus nur in diesem wunderbaren Gegenüber, nicht als frommen Privatbesitz. Das Berührungsverbot, das „Halte mich nicht fest!“ das „Rühre mich nicht an!“ (griech. „Haptein!“) muss auch der Kirche immer wieder neu gesagt werden. Er, der freie Christus, bleibt der Höhere, der auch über der Kirche Stehende. Wenn er Begegnung schenkt, dann ist das Gnade. Immer ist es auch Begegnung mit dem neuen, fremden Jesus, dem jetzt so ganz anderen. Dieser österliche Moment ist berührend, gerade weil Maria Ihn nicht berührt, weil sie den Unberührbaren akzeptieren muss. Ostern ist das Wunder, dass wir von Ihm angeschaut werden, dass er uns nie mehr aus seinem Blick verliert, dass er unsere Namen nie vergisst. Er schenkt Maria und uns auf ewig Ansehen. Der auferweckte Christus wird den Standpunkt wechseln, um heute zu uns unterwegs zu sein. Er wird nicht seine eigenen Wege gehen, sondern unterwegs sein zum Vater und auf unseren Wegen. Das ist Ostern und Himmelfahrt zugleich. Christus wahrt den Vorsprung, entzieht sich auch der frommen Zudringlichkeit. Am Erhöhten scheitert unser Fassungsvermögen. Wir können Ihn nicht wegsperren in Kirchen und Tabernakeln oder festhalten in unserer 'andächtigen' Erinnerung und in unseren 'frommen' Gedanken.

Noch ist er im Bild anwesend, befindet er sich jedoch schon am Bildrand - in jedem Moment bereit, aus dem Bild hinauszutreten, aus Marias Blickfeld zu verschwinden. Sie wird lernen, dass Jesus nicht in das frühere Leben zurückgekehrt ist. Der österliche Herr ist auf dem Heimweg zum Vater und auf dem Weg zu dir und zu mir. Er ist kein Mann von gestern; er will mein Zeitgenosse sein.

Zuwendung und Entzug - beides zugleich kennzeichnet diese dichte österliche Begegnung. Jesus mutet Maria Magdalena Verzicht zu. Vielleicht wird sie wie eine Liebende sagen: „Es ist schön, dass ich dich nie begreifen werde.“ Es ist schön, dass du größer und geheimnisvoller bist, als ich es je ahne. Er ist der Vorüber-Gehende, das Passahgeheimnis.

Für uns alle ist er auferweckt worden!

Jesus zeigt sich dieser Zeugin. Und sie wird aufstehen und zur Botin der Osterbotschaft und zur Zeugin des lebendigen Christus werden.

Ihnen und Euch den Morgenglanz dieses Festes und – im Glauben – das „unverhoffte Wiedersehen“ mit dem Auferstandenen


Ihr/Euer  Kurt Josef Wecker, Pfarrer